
Das erleben gerade viele Unternehmen: Der größte Kunde ruft an und erkundigt sich nach den Arbeitsbedingungen beim Zulieferer eines Zulieferers weit weg in Malaysia. Die Information benötigt er für seinen Nachhaltigkeitsbericht und die Dokumentation seiner Sorgfaltspflichten. Wer jetzt keine Daten parat hat, der kann den Auftrag schnell an die Konkurrenz verlieren. Eine solche Situation ist keine Theorie mehr. „Wir haben schon erste Anfragen dieser Natur erhalten“, berichtet Amanda Chen, Geschäftsführerin von Digital Data Communications aus Dortmund.
Hintergrund ist, dass viele Firmen noch nicht wissen, was mit der Umsetzung der neuen EU-Vorgaben zur Nachhaltigkeit in nationales Recht genau auf sie zukommt. In Berlin fand gerade eine Anhörung von Fachleuten zur Umsetzung der EU-Nachhaltigkeitsrichtlinie CSRD in Deutschland statt. Wie Unternehmen sich die für das Berichtswesen benötigten Informationen in kurzer Zeit beschaffen lassen, ist vielerorts noch unklar. Für Chens Unternehmen ist der Druck schon spürbar. Der Dortmunder Anbieter von Netzwerklösungen für Geschäftskunden importiert IT-Zubehör und Elektronikartikel. Er beschäftigt rund 100 Mitarbeiter und unterhält Logistikzentren unter anderem in Taiwans Hauptstadt Taipeh sowie in Shenzhen und Ningbo in der Volksrepublik China.
Chen beobachtet ein Muster, das für viele Zulieferer gilt: Der Druck wird entlang der Lieferkette weitergereicht. „Die Spirale dreht sich von oben nach unten durch alle Handels- und Produktionsstufen“, sagt die Unternehmerin. Ihr Betrieb müsse Informationen zunächst von zahlreichen Zulieferern anfordern, sammeln und aufbereiten, bevor diese an Kunden weitergeleitet werden können.
Der „Trickle-down-Effekt“ in der Lieferkette
Die Regeln dafür sind komplex. Das 2023 in Kraft getretene deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz soll durch eine weitergehende EU-Richtlinie abgelöst werden. Die EU-Kommission erwartet von ihrer Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD) einen besseren Schutz der Menschenrechte und der Umwelt. Die größte Änderung betrifft die Reichweite der Risikoanalyse und der verlangten Informationen. Im Fokus stehen nicht nur direkte Zulieferer, sondern auch eine tiefere Betrachtung entlang der Kette der Aktivitäten.
Die EU-Richtlinie soll zwar zunächst nur für Unternehmen oberhalb bestimmter Größen- und Umsatzschwellen gelten, die politisch noch in Bewegung sind. Trotzdem könnte sie Auswirkungen auf kleinere Unternehmen haben, erläutert Karla Steinecke, Expertin für Energie, Nachhaltigkeit, Mobilität und Logistik beim Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW). Hintergrund sei ein Trickle-down-Effekt. „Große Unternehmen geben Pflichten aus EU-Regulierungen wie der CSDDD oder der Nachhaltigkeitsrichtlinie CSRD entlang der Lieferkette weiter“, sagt Steinecke.
Bis die Umsetzung in nationales Recht konkretisiert ist, bleibt jedoch die zentrale Frage offen, wie tief und detailliert die Nachhaltigkeitsberichte in der Praxis ausgestaltet sein müssen. Unabhängig von der Detailtiefe ist die Datenbasis vieler Unternehmen schon heute ein Engpass. Viele Organisationen kämpfen mit fragmentierten Nachhaltigkeitsdaten, die über Einkauf, Betrieb, Personal und Finanzen verteilt sind, hört man vom Softwareriesen SAP, der auch Nachhaltigkeitssoftware für Unternehmen anbietet. Für kleinere Firmen stellt sich damit häufig die Frage, welche Informationen sie künftig abrufbereit vorhalten müssen, damit ihre Großkunden diese in ihre Berichte aufnehmen können.
Wer liefern will, muss Daten liefern
Für kleinere Lieferanten kann das zu erheblichem Verwaltungsaufwand führen, selbst wenn sie nicht unmittelbar unter die neuen Vorgaben fallen. Sobald Großkunden ihre Berichtspflichten erfüllen und Sorgfaltspflichten nachweisen müssen, werden sie entsprechende Nachweise zu Menschenrechts- und Umweltstandards entlang der Lieferkette bei ihren Zulieferern abfragen. „Viele mittelständische Unternehmen verfügen nicht über eigene Nachhaltigkeitsabteilungen und müssen die benötigten Daten erst intern strukturieren und gleichzeitig bei Partnern abfragen“, berichtet Expertin Karla Steinecke vom BVMW.
Das Dortmunder Unternehmen Digital Data Communications hat bislang keine spezielle Software im Einsatz, um Lieferkettendaten und Nachhaltigkeitsangaben systematisch zu erfassen. Zwar gebe es „Profisoftware für diese Anforderungen“, sagt Chen, „aber keine für KMU“, also für kleinere und mittlere Unternehmen – jedenfalls keine, die sich für ein Unternehmen ihrer Größe wirtschaftlich ohne Weiteres rechne.
Man müsse permanent abwägen, ob Lizenzgebühren, Schulungen und laufende Updates im Verhältnis zum tatsächlichen Zusatzaufwand stehen. Derzeit lohne sich die Investition noch nicht. Zugleich sieht Chen klare Grenzen dessen, was ein mittelständischer Importeur realistisch prüfen könne. Der Einblick sei in der Regel nur bis zum nächsten Produktionsstandort möglich, danach werde die Lieferkette schnell so verschachtelt, dass belastbare Nachweise kaum zu erbringen seien.
Um eine Nachweispflicht sinnvoll zu erfüllen, müssten aus Chens Sicht entlang der Kette „sämtliche Zulieferer denselben Regularien unterliegen“ – andernfalls bleibe der Aufwand bei denen hängen, die am Ende die Daten liefern müssen. Die Großen stülpen also den Kleinen den Aufwand über.
Für ein Unternehmen dieser Größe sei die Nachhaltigkeit mehr als ein Zusatzjob. Wenn die Bereitstellung solcher Daten zur Routine werde, werde Digital Data Communications „nicht darum herumkommen, eine dedizierte Stelle dafür zu schaffen“. Es gehe eben nicht darum, „ein paar Zertifikate“ zusammenzufassen, sondern darum, neue Arbeitsstrukturen zu etablieren, die nicht nebenbei liefen.
Wer hilft beim Ordnen des Datenwusts?
Groß ist das Angebot an Dienstleistern, die Nachhaltigkeitssoftware anbieten. Das Marktforschungsunternehmen MarketsandMarkets erwartet, dass sich das Volumen des Marktes für Nachhaltigkeitssoftware zwischen 2024 und 2029 weltweit mehr als verdoppeln wird, von 0,9 auf 2,1 Milliarden US-Dollar.
Softwarefirmen integrieren schon Lösungen für die kommenden Berichtspflichten in ihre bestehenden Produkte. Auf die Frage, wie der Softwareanbieter SAP seine Lösungen an die neuen CSDDD-Anforderungen anpasse, teilt das Unternehmen mit: „Unsere Nachhaltigkeitslösungen sind so konzipiert, dass sie die Sorgfaltspflicht, Transparenz und Verantwortlichkeit direkt in zentrale Geschäftsprozesse einbetten.“ Daneben bieten auch neue spezialisierte Anbieter wie das Münchener Start-up Tanso entsprechende Nachhaltigkeitslösungen in diesem wachsenden Markt an.
Die Einführung solcher Softwarelösungen kann mit erheblichen Herausforderungen verbunden sein. Viele Unternehmen greifen daher auf die Expertise externer Beratungshäuser zurück, die auf die Implementierung solcher ESG-Systeme spezialisiert sind.
Vom Regelwerk zur Realität
Unter kleinen und mittleren Unternehmen wächst die Hoffnung, dass die Regeln praxistauglicher werden. Karla Steinecke vom BVMW sagt, die Omnibus-Vorschläge, also das EU-Paket zur Vereinfachung und Entlastung der Nachhaltigkeitsvorgaben, würden begrüßt, weil sie spürbar entlasten könnten.
Als möglichen Orientierungsrahmen nennt sie den freiwilligen VSME-Standard, einen vereinfachten Berichtsrahmen für kleine und mittlere Unternehmen, der Zulieferern helfen soll, die wichtigsten Nachhaltigkeitskennzahlen strukturiert bereitzustellen. Das funktioniere allerdings nur, wenn er sich auf wenige, wirkungsorientierte Kennzahlen beschränke und keine parallelen Berichtssysteme neben der bestehenden Unternehmenssteuerung erzeuge.
