Jedes Jahr Ende März legen viele New Yorker vor dem Brown Building, um die Ecke vom Washington Square Park, rote Nelken auf den Gehsteig. Sie gedenken der 146 Menschen, die hier 1911 beim Feuer in einer Kleiderfabrik ums Leben kamen. Das „Triangle Shirtwaist Fire“, bei dem viele osteuropäische und italienische Näherinnen starben, löste eine Welle von politischem Aktivismus aus. Vor allem Frauen organisierten sich und erreichten, dass die Stadt und der Bundesstaat neue Arbeitsschutzmaßnahmen einführten.
Die Katastrophe von 1911 gehört zu jenen Ereignissen in der Stadtgeschichte, die vielen New Yorkern präsent sind und die auch immer wieder Künstler beschäftigen. Das ist auch bei der diesjährigen Ausgabe von „Greater New York“ so. Bei der Schau im MoMA PS1 in Queens begegnet einem das Andenken der Näherinnen in einer Installation des Kollektivs Women’s History Museum: Die Schlagzeilen von 1911 wurden auf ein Kleid gedruckt, das auf das berühmte Christian-Dior-Gewand aus Zeitungspapier verweist, aber auch auf blockbedruckte Protestkittel, mit denen Arbeiterinnen im 19. Jahrhundert ihre Forderungen bekannt machten. In der Ausstellung in Long Island City, die alle fünf Jahre stattfindet, sind etliche solche Referenzen auf die Stadtgeschichte zu finden. Sie hat kein übergeordnetes Motto – die Gemeinsamkeit der 53 Künstlerinnen und Künstler im Alter von 26 bis über 80 Jahren ist, dass sie in New York arbeiten.

Die sechste Ausgabe von „Greater New York“ wurde erstmals ohne Gastkuratoren organisiert. Das Kuratorenteam um Connie Butler und Ruba Katrib besuchte mehr als ein Jahr lang Galerien, Ateliers und Ausstellungsräume. Durch diesen Prozess hätten sie einen besonders guten Eindruck davon gewonnen, was Künstler zur Zeit beschäftige, sagte Butler bei einer Vorschau. Butler, die das MoMA PS1 leitet, erwähnte es nicht, aber zurzeit gibt es in New York wieder einmal eine Diskussion über die Abwanderung kreativer Menschen, die sich die dauernd teurer werdende Stadt nicht mehr leisten können. Die Auseinandersetzung mit New York als resilientem und zugleich fehlerbeladenem System zieht sich durch viele der gezeigten Werke.
Nicht plakativ politisch
Zu sehen sind neben Fotografien und Malereien auch Videos, Skulpturen und Mixed-Media-Installationen, dazu kommen im Laufe der nächsten Wochen Performances. Manche Arbeiten stehen in einer deutlichen Beziehung zueinander, weil sie etwa das Leben in Nachbarschaften mit unterschiedlichen Kulturen zeigen, aber auch die rassistische Ausgrenzung und Ausbeutung von Einwanderern. Andere Werke blicken über die Stadtgrenzen hinaus und zeigen die vielfältigen Verbindungen New Yorks mit anderen Ecken der Welt.

Etliche Künstler stellen Werke aus, die nicht plakativ politisch sind. Doch sie sind es durch ihre Auseinandersetzung mit der oftmals fragilen Infrastruktur einer Stadt, in der vieles alt und unterfinanziert ist und in der es immer wieder zu Gasexplosionen, vermeidbaren Feuern in Sozialwohnungen und zu Stromausfällen kommt. Tiffany Sia etwa montierte an eines der alten Fenster des in einer ehemaligen Schule beheimateten Museums drei Videos auf kleinen Monitoren. „American Theaters of Suspension, Pt. 1: Ashokan“ von 2026 zeigt 360 Minuten stummes Filmmaterial, das Sia bei Fahrten in der Nähe des Ashokan Reservoir in den Catskill Mountains aufgenommen hat. Der Stausee, der rund 40 Prozent des Trinkwassers von New York City liefert, ist nicht zugänglich und wird von einer NYPD-Spezialeinheit überwacht. Die stillen Bilder, hinter denen man direkt auf die belebte Jackson Avenue schaut, führen die lebenswichtige Infrastruktur vor Augen, ohne sie direkt zu zeigen.
Trinkwasser für New York
Fast so wichtig wie Trinkwasser aus den Catskills sind für etliche New Yorker die Lieferfahrer – es gibt Menschen, die jeden Tag Essen bestellen oder ausgehen. fields harrington, der sich selbst kleinschreibt, fotografiert die Fahrräder der Lieferanten, von denen es inzwischen 80.000 geben soll, ohne ihre Besitzer, viele auf die Seite gekippt, in Eile liegen gelassen. harrington lichtet auch deshalb nur die Fahrräder ab, weil viele der Lieferanten kein Visum haben. Auch seine Installation „Unfree Free Time“ beschäftigt sich mit den Fahrern: Manchmal ist ein E-Bike an den einsamen Ständer gekettet, manchmal nicht. Für jede Stunde, das es in der Schau zubringt, bekommt der Halter des Rades, Gustavo Ajche, den geltenden Mindestlohn von 21,44 Dollar.
Auch Kenneth Tams Werk thematisiert einen Teil des Dienstleistungsnetzes, das die Stadt am Laufen hält. Das Schicksal von Taxifahrern, deren Existenz von überteuerten Lizenzen, sogenannten Taxi-Medaillons, abhängt, hat schon viele Künstler beschäftigt. Früher waren die Medaillons fast eine Million Dollar wert, heute viel weniger – und die Fahrer, die sich oft für die Lizenzen verschuldeten, stehen jetzt in einem harten Wettbewerb mit Rideshare-Apps. In Tams Videoinstallation erzählen die Taxi fahrenden Brüder Salah und Bilal Elcharfa von ihrem Leben und ihren Ängsten. Dazwischen führen sie eine Art Tanz auf, bewegen sich andächtig und etwas verloren. Den Boden vor der Leinwand bedecken jene Holzperlensitzauflagen, die in vielen Taxis zu finden sind.
Piero Penizzotto zeigt lebensgroße Pappmaché-Skulpturen von Freunden und Familienangehörigen. Die Figuren wollen nicht auf den ersten Blick eine Botschaft über New Yorker Communitys oder ihre Geschichte vermitteln. Vielmehr feiern sie Freundschaft, das gemeinsame Abhängen und Feiern auf der Straße, wie es in der Stadt zum täglichen Leben gehört. Gerade diese eher fröhlichen Skulpturen brechen mit der Düsternis, die manche Kritiker in vielen Werken der Schau erkennen wollten: Sie präsentieren New York, trotz allen Drucks, immer noch als den Ort, an dem sich Nachbarn auf der Straße zum Grillen und Feiern treffen. Das kann man auf den ersten Blick banal finden, doch weist Penizzotto in seinen Darstellungen über das Profane hinaus.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Mit einer Art Nostalgie nähert sich der Fotograf Devlin Claro seiner Stadt. Da sind ablehnend in die Kamera blickende junge Paare, da ist das legendäre Weizenfeld von Agnes Denes vor den Twin Towers, vor dem ein junger Mann mit Baseballkappe und Fahrrad liegt – vermutlich eine Fotomontage, denn der Künstler wurde 1995 geboren. Claro ist fasziniert von dem warmen, orangefarbenen Leuchten alter Natriumdampflampen, das New York jahrzehntelang prägte. Seit einigen Jahren werden diese Lampen durch LED-Leuchten ersetzt. Das neue Licht ist effizienter, macht Menschen auf der Straße aber auch sichtbarer für Polizei und Überwachungskameras, wie Claro hervorhebt. Seine teils nachträglich in orangenes Licht gehüllten Szenen erzählen von der Ahnung, dass mit dem alten Licht auch eine Art von urbanem Leben verschwindet.
Wo früher Brachland war
Das Museum, in dem die Schau seit dem Jahr 2000 stattfindet, war immer Teil dieser Entwicklung. 1976 als alternativer Kunstraum gegründet, feiert es in diesem Jahr sein fünfzigjähriges Bestehen. Anders als etwa das New Museum an der Bowery hat PS1 nie den Ort gewechselt – nur die umliegende Nachbarschaft wandelte sich rapide. Als die Künstler einzogen, war der Stadtteil Long Island City im Westen von Queens noch stark industriell geprägt. Heute ist die Lage am East River begehrt, unzählige Luxus-Hochhäuser und ein Uferpark locken Neuankömmlinge an, und wo früher Brachland war, gibt es nun Salat-Fast-Food von Sweetgreen und Yoga-Ketten.
PS1, das seit dem Jahr 2000 mit dem Museum of Modern Art kooperiert, war einmal eine öffentliche Schule – PS steht für „Public School“, die hier namenlos nummeriert sind. Man sei nicht mehr neu oder alternativ, wolle aber weiterhin den noch nicht Etablierten Chancen eröffnen, hieß es anlässlich der Eröffnung von „Greater New York“. Tatsächlich haben etliche der gezeigten Künstler keine Galerie-Vertretung. Nicht alle der mehr als 150 Werke überzeugen – manches, wie eine leere Mini-Diskothek, scheint seltsam uninspiriert, der New-York-Bezug gezwungen. Doch dass die Suche nach bislang nicht gehörten künstlerischen Perspektiven ertragreich ist, zeigt diesmal zum Beispiel die Installation „Touch the Heart“ von Red Canary Song, einem Kollektiv aus Queens, das auch „Mutual Aid“ mit Sexarbeiterinnen organisiert.
Mittelpunkt der Installation sind die „Dim Sum Constellations“ von 2026, deren vier Tische an Restaurants in Flushings Chinatown erinnern. Sie stehen für Fürsorge, die Weitergabe gemeinsamer Erzählungen, Trauer. Auf einem der Tische finden sich Utensilien für Sexarbeit in den Massagesalons entlang der Roosevelt Avenue: Kondome, Lingerie. Die Gruppe formierte sich nach dem Tod von Yang Song, einer Massagearbeiterin aus China, die 2017 bei einer Polizeirazzia ums Leben kam. Das Kollektiv bezieht sich auch auf die sogenannten Spa-Morde in Atlanta. Red Canary Song erzählt von der Fragilität jenes Netzes aus Lohnarbeit und Ausbeutung, das die Stadt am Laufen hält. Darin ist es verwandt mit dem Women’s History Museum, mit der Erinnerung an die Näherinnen aus der Textilfabrik. Beide erzählen von den Erfahrungen von Einwanderinnen – nur von verschiedenen Generationen.
Die sechste Ausgabe der Ausstellung „Greater New York“ im MoMA PS1 in Queens läuft bis zum 17. August 2026.
