
Es hat gerade einmal vier Wochen gedauert, bis der neue BMW-Chef die Gewinnprognose des alten zurückgenommen hat. Milan Nedeljković, der nach der Hauptversammlung Mitte Mai das Amt von Oliver Zipse übernahm, rechnet in diesem Jahr mit einem niedrigeren Vorsteuergewinn. Der Betrag werde im Vergleich zum Vorjahr „deutlich“ statt nur „moderat“ sinken. Beim Gewinn vor Zinsen und Steuern wiederum soll die Marge nur noch zwischen ein bis drei Prozent liegen, nachdem Zipse zuvor vier bis sechs Prozent in Aussicht gestellt hatte.
Die Prognosesenkung gab der BMW-Konzern in einer Ad-hoc-Meldung am Dienstagabend bekannt. Die im Dax notierte Aktie verbilligte sich nachbörslich sogleich um sechs Prozent. Am Mittwochmorgen notierte das Papier zur Börseneröffnung mit einem Kurs von etwas mehr als 61 Euro sogar gut sieben Prozent leichter. Mehrere Analysten senkten die Kursziele.
José Asumendi von JPMorgan sprach in einer ersten Einschätzung von einem „Weckruf für die Autobranche“. BMW müsse die eigene Strategie im Kompaktsegment in China komplett überdenken. Wie die anderen europäischen Premiumhersteller seien auch die Bayern preislich nicht konkurrenzfähig. Sein Kollege Henning Cosman von Barclays erklärte, das schiere Ausmaß der Margenwarnung spreche nicht dafür, dass die Prognosesenkung nur ein entlastendes Großreinemachen des neuen Vorstands sei.
Hohe Energiepreise und Konjunktursorgen
BMW begründete den Schritt mit höheren Energiepreisen und den Inflations- und Konjunktursorgen der Kunden. Beim Absatz rechnet man in München deshalb für die Marken BMW, Mini und Rolls-Royce mit einem leichten Rückgang der Auslieferungen im laufenden Jahr. Ursprünglich wollte BMW ungefähr so viele Fahrzeuge verkaufen wie im Jahr 2025.
Als Reaktion auf die, wie es hieß, „einmaligen Belastungen“ will der Vorstand „weitere Struktur- und Effizienzmaßnahmen“ beschließen. Sie sollten die laufenden Sparbemühungen „intensivieren und beschleunigen“. Wörtlich erklärte Nedeljković in der Mitteilung: „Es geht um Geschwindigkeit und Effizienz.“
Ob damit auch ein Stellenabbau verbunden ist, wie ihn die direkten Wettbewerber Mercedes und Audi schon umsetzen, ist unklar. Bei Mercedes ergeben sich einmalige Belastungen von rund zwei Milliarden Euro aus Rückstellungen für ein Abfindungsprogramm. Auch bei Audi können Beschäftigte das Unternehmen gegen eine Abfindung verlassen. Und im gesamten VW-Konzern sollen in den kommenden vier Jahren rund 50.000 Jobs wegfallen. Nur BMW machte unter Führung des damaligen Vorstandschefs Zipse hier eine Ausnahme – bisher jedenfalls.
Offiziell will niemand bei BMW über ein Sparprogramm einschließlich des Wegfalls von Arbeitsplätzen reden. Ein Unternehmenssprecher verwies auf eine bestehende Betriebsvereinbarung zur Beschäftigungssicherung, sagte aber auch, dass der Konzern laufend auf „aktuelle“ Entwicklungen reagiere: „Vor diesem Hintergrund überprüfen wir unsere Strukturen und Kapazitäten kontinuierlich und passen sie vorausschauend an – entsprechend der bereits zu Jahresbeginn kommunizierten Entwicklung des Personalstands für 2026.“
Mittagessen mit Norbert Reithofer
Dazu passt auch eine Geschichte, die im Konzern die Runde macht: Vor zehn Tagen gab es ein Mittagessen anlässlich des 70. Geburtstags der BMW-Legende Norbert Reithofer. In einer kurzen Rede äußerte sich der langjährige BMW-Vorstandschef und -Aufsichtsratsvorsitzende zur aktuellen Lage der Branche und sagte, dass man „Realitäten anerkennen“ und daraus „schnell die richtigen Schlüsse ziehen“ müsse. Als Reithofer 2007 den Vorstandsvorsitz übernahm, kam er zu dem Schluss, 8000 Arbeitsplätze abzubauen – der harte Einschnitt war später die Grundlage dafür, dass BMW besser durch die Wirtschaftskrise kam als die Konkurrenz. Bei dem Geburtstagsessen war der komplette Vorstand um Nedeljković ebenso dabei wie der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Martin Kimmich.
Große Hoffnung setzt der BMW-Vorstand auf die schon angestoßene Modelloffensive. Die Elektroautos der sogenannten Neuen Klasse sollen den Absatz ankurbeln; immerhin sind zwei der acht angekündigten Modelle, der BMW iX3 und der gerade vorgestellte i3, noch in diesem Jahr erhältlich.
„Mit der Neuen Klasse bringen wir in den nächsten beiden Jahren das stärkste BMW-Portfolio der Geschichte auf die Straße“, erklärte Nedeljković. Und: „Gleichzeitig werden wir unsere aktuellen Strukturen und Prozesse an die sich drastisch verschärfenden Marktbedingungen anpassen.“
In zwei Wochen wird der Neue an der Spitze von BMW erstmals in dieser Rolle vor Mitarbeitern sprechen. Es dürfte ein angenehmer Auftritt werden, denn BMW stellt in seinem größten Werk im amerikanischen Spartanburg den neuen X5 vor.
Das mächtige SUV ist ein Bestseller im Portfolio der Münchner und dürfte gerade in den USA, dem zweitgrößten Automarkt der Welt, auf eine interessierte Kundschaft treffen. Noch dazu wird es die fünfte Generation des X5 in zwei Jahren sogar in einer Version mit Wasserstoffantrieb geben.
