Die Suche nach dem passenden Marktwert ist ein heikles Spiel. Verkauft ein Manager einen Spieler zu früh, lässt er sich Gewinne entgehen. Verkauft er zu spät, ebenfalls.
Um einen Marktwert zu testen, ihn vielleicht auch zu erhöhen, dafür gibt es viele Strategien. Eine ist die öffentliche Meinung. Der Sportvorstand von Eintracht Frankfurt, Markus Krösche, hat diese Methode in den vergangenen Jahren perfektioniert: früh ein Preisschild platzieren, abwarten, ob der Markt es annimmt, später zu einem Höchstpreis verkaufen, der in der Öffentlichkeit längst als normal bewertet wird.
Krösche selbst leitet seit fünf Jahren die Sportgeschäfte des Bundesligaklubs. In dieser Zeit hat er mehrere Spieler für Rekordsummen verkauft. Er selbst zog das Interesse anderer Klubs auf sich, unterhielt sich mit ihnen, lehnte dann aber ab. Am Wochenende aber schienen die Gespräche ein paar Schritte weiterzugehen.
Die AC Mailand, viermaliger Weltpokalsieger, legte Krösche und seinem Team ein Angebot vor. Zum „Head of Football“ sollte der 45 Jahre alte Manager bei Milan aufsteigen, einem der größten Klubs Europas. Krösche informierte am Montag die Eintracht über das Angebot.
Dann wurde es lange still. Diese Stille deuteten viele als die Momente vor dem großen Knall, vor dem Abgang des Managers aus Frankfurt. In Italien meldeten mehrere angesehene Journalisten: Krösche hat Mailand zugesagt. In Frankfurt war sich da niemand so recht sicher, am Montag nicht, am Dienstag auch nicht. Am Mittwoch dann sagte Krösche: Ich bleibe hier.
In all diesen Tagen aber beunruhigte das Mailänder Angebot den Frankfurter Klub, intern und extern. Was bedeutet das für Krösche und die Eintracht?
Also noch einmal von vorn: Im Sommer 2025 hat Markus Krösche abermals erreicht, wovon viele seiner Kollegen in der Liga träumen: Er hat einen Spieler, den Franzosen Hugo Ekitiké, für fast 100 Millionen Euro verkauft. Die Eintracht landete auf dem dritten Platz.
Krösche war in ganz Europa gefragt. Die „New York Times“ staunte über seine Geschäfte, andere Manager schickten ihre Scouts zu Spielen, in denen einer aus Krösches Team auf der Tribüne saß. Das war der Moment des maximalen Erfolgs.
Im Rückblick kann man sagen: Es war auch der Moment, in dem Krösche in Frankfurt maximale Freiheit erreichte.

Die Eintracht verlängerte für viel Geld den Vertrag mit Robin Koch. Auch weil sie ein Zeichen setzen wollte: Egal ob Dortmund oder Leverkusen mitbieten, wir können unseren Kapitän, einen Nationalverteidiger, halten. Sie kaufte zwei Bundesligaspieler von Mittelklasseklubs für über 20 Millionen Euro, Jonathan Burkardt und Ritsu Doan. Auch für Toppmöllers Wunschspieler schienen die nächsten Höhen nur ein paar Tageswanderungen entfernt.
In der Champions League aber war diese Mannschaft mit Koch, Doan und Burkardt chancenlos. Sie schrie sich an, wenn ein Gegentor fiel. An einem kalten Wintertag musste Trainer Dino Toppmöller gehen. Krösche verpflichtete den Spanier Albert Riera.
Das war ein klassischer Krösche-Move: Wochenlang hatte sich die halbe Liga gefragt, wer es wohl wird, Marco Rose oder Roger Schmidt? Statt einer der zwei deutschen Trainer lockte Krösche Riera an den Main, einen unbekannten Spanier aus der slowenischen Liga.

Das war ein Fehler, den Krösche später auch so benannte. Riera schickte den Torhüter Santos wieder aufs Feld, obwohl er nicht komplett fit war. Krösche unterstützte das. Santos gilt als großes Talent, er sollte eines Tages der Nächste sein, den der Manager ins Ausland verkauft. Stattdessen verletzte sich der Brasilianer wieder, die verunsicherte Eintracht-Abwehr war eine der schlechtesten Europas. Krösche war ein zu hohes Risiko eingegangen.
Riera gab seinen Spielern nach schwachen Auftritten eine Woche frei und dozierte über seine Sicht aufs Leben. Mit aufgerissenen Augen legte er sich mit der Presse an. Stundenlang redete er auf seine Spieler ein. Der Spanier war schneller wieder weg, als er gekommen war.
Krösches Freiheit in Frankfurt nahm ab
Vorstandsprecher Axel Hellmann sagte rund um den Jahreswechsel: Mit der „Wohlfühloase Eintracht“ solle Schluss sein. Hellmann, der starke Mann bei der Eintracht, lud sich Mitarbeiter aus Krösches Abteilung zum Gespräch in sein Büro. Präsident Mathias Beck bezog einen Raum im Eintracht-Campus. Einmal wöchentlich wollte der Aufsichtsrat zugegen sein, entweder in Person von Beck selbst (der nicht nur Präsident, sondern auch Aufsichtsratsvorsitzender ist) oder durch einen seiner beiden Kollegen aus dem Hauptausschuss, Felix Wirmer und Sven Janssen.
Der Aufsichtsrat muss jeden Transfer über eine Million Euro durchwinken. Er ist damit einer der einflussreichsten der Liga. In ihm sitzen Banker, Anwälte, Unternehmer. Lange hielt sich das Gremium bedeckt, Krösche war schließlich der erfolgreichste Fußballmanager Deutschlands. Niemand hatte so viel Geld mit Transfers verdient wie der Westfale.
Aber als Krösche mit Riera danebenlag, und mit Santos auch, stieg der Einfluss anderer Menschen im Klub wieder. Krösche verpflichtete Trainer Adi Hütter, der schon mal in Frankfurt gearbeitet hatte und vielen im Klub wohlgesinnt war. Der Nachfolger Rieras war zwar eine Option für Krösche, aber nicht dessen favorisierte Lösung. Hellmann bezeichnete derweil die vergangene Saison als „Slapstick“-Leistung.

Krösche hätte das egal sein können, er war schließlich immer noch der, den die Zeitungen „Gold-Esel Markus“ oder „Kohle-King Krösche“ nannten. Aber die maximale Freiheit, alles Sportliche entscheiden zu dürfen, hatte ihn in Frankfurt gehalten. Auch in den Jahren zuvor, als der FC Bayern oder Borussia Dortmund bei ihm anriefen. Diese Freiheit ist zwar immer noch groß, größer als für viele andere Bundesliga-Manager. Aber sie ist kleiner geworden. Sie ist nicht mehr maximal.
In jedem großen Klub streben Funktionäre nach Macht und Einfluss. Krösche sagte in einer bemerkenswert selbstkritischen Pressekonferenz: Die schwache Saison sei sein Fehler gewesen, er wolle nicht davonlaufen. Dieses Statement dankten ihm viele. Er verhandelte mit den Bayern um den Transfer des Linksverteidigers Nathaniel Brown, er sprach mit dem Aufsichtsrat über Zugänge. Alles schien normal weiterzulaufen.
Die Kollegen waren verwundert: Der Manager darf den Klub verlassen, wenn er Anfang des Jahres Bescheid sagt. Er hat dann eine Ausstiegsklausel, die für manches Team gilt. Nicht aber für die AC Mailand. Im Winter hatte sich Krösche ohnehin nicht bei Präsident Beck gemeldet.
Krösche bleibt, Hardung und Siegel auch
Bei der Eintracht rechneten alle damit, dass der Manager die Mannschaft neu aufbaut. Und klar war auch: Die Eintracht und Krösche, sie finden wieder zusammen, sollte er das Angebot ablehnen.

Dafür entschied sich Krösche am Mittwoch. Er und sein Team bleiben in Frankfurt. Also auch einer seiner wichtigsten Mitarbeiter, Sportdirektor Timmo Hardung. Der Funktionär war bei der Eintracht befördert worden, er saß bei jedem Spiel auf der Bank. Hardung gelang es trotzdem nicht, zwischen ihr und Trainer Riera zu vermitteln. Riera ließ sich von ihm (und von vielen anderen) nicht erklären, wie er mit der Öffentlichkeit eines großen Klubs umgeht. Immer wieder drangen Indiskretionen nach außen. All das fiel auf und wurde thematisiert. Krösche schützte seinen Vertrauten.
Hardung ist an Transfers beteiligt, kennt europaweit viele Entscheider im Fußball, er verantwortet Kooperationen mit anderen Klubs. Wichtiger aber noch ist Ole Siegel, Krösches rechte Hand. Wenn Krösche ein umtriebiger, manchmal emotionaler Entscheider ist, ist Siegel der Stratege dahinter. Telefoniert Krösche, liefert ihm Siegel die passenden Informationen. Die beiden funktionieren wie zwei Zahnrädchen, genau aufeinander abgestimmt. Auch er wäre mit Krösche nach Italien gegangen.

Nun bleiben die drei in Frankfurt. Vielleicht auch, weil die Freiheit in Italien eben nicht maximal gewesen wäre: Zlatan Ibrahimović zieht beim AC im Hintergrund die Strippen, er ist der Big Boss über dem „Head of Football“. Wie groß Krösches Wirkungskreis gewesen wäre? Wir werden es nicht erfahren.
Für die Eintracht sind das gute Nachrichten. Kurz vor der Transferperiode hätte sie einen ihrer wichtigsten Männer verloren. Ihr Geschäftsmodell ist nicht denkbar ohne einen, der Talente zu veredeln und sie dann zu verkaufen weiß. Krösche hat sich in all den Jahren den Ruf erarbeitet, zu seinem Wort zu stehen.
Und er selbst, Krösche? Der Manager bleibt ein weiteres Jahr in Frankfurt, auch nach einer schwierigen Saison. Einer Spielzeit, in der er stärker in der Kritik stand als je zuvor. Er ist jetzt damit beauftragt, aufzuräumen und die Eintracht wieder nach Europa zu führen. Er hat bei der Eintracht die Freiheit, das zu tun. In Deutschland, auch in England, trauen es ihm viele zu. Jetzt auch in Italien.
Krösche, der Mann der Marktwerte, hat seinen Wert gefunden. Gesunken ist er nicht.
