
Jon Boutcher hat die Kontrolle in Belfast zurückgewonnen. Der nordirische Polizeichef erlebte seit seinem Amtsantritt im Oktober 2023 nun drei Krawallsommer in Folge, die gewalttätigen Ausschreitungen konnten die Polizisten erst nach Tagen eindämmen. Verstärkung aus dem gesamten Vereinigten Königreich kam diese Woche nach Belfast, um den Mob aufzulösen, der Migranten angegriffen und Häuser in Brand gesetzt hatte.
Boutcher persönlich wandte sich während der Ausschreitungen an ethnische Minderheiten in der nordirischen Hauptstadt, um sie zu beruhigen. In einer Videobotschaft fand der Karrierepolizist klare Worte: Die Randalierer seien „rassistische, hirnlose, abscheuliche Schläger. Ich versichere Ihnen, dass die Polizei von Nordirland da ist, um Sie zu schützen.“ Gemeinsam würden sie diese schrecklichen Tage hinter sich bringen können. „Wir werden uns in Gefahr begeben, um Euch zu beschützen.“
Doch das fällt dem Polizeichef zunehmend schwer. Noch vor den rassistischen Ausschreitungen im vergangenen Jahr hatte Boutcher mit ebenfalls klaren Worten Alarm geschlagen: Die nordirische Polizei sei massiv unterfinanziert. Wenn sie nicht bald die Unterstützung erhalte, die sie dringend benötige, könne das schlimme Folgen haben. „Ob es nun um den Umgang mit Straftätern geht, um die Qualität und Geschwindigkeit unserer Ermittlungen, um unsere Fähigkeit, mit großflächigen öffentlichen Unruhen fertigzuwerden, oder um unsere Fähigkeit, die Sicherheit der Menschen auf den Straßen zu gewährleisten – es kommen Menschen ums Leben“, warnte Boutcher.
Die vergangene Woche bestätigt den Personalmangel
Auch ein Bericht der unabhängigen staatlichen Aufsichts- und Inspektionsbehörde für die Polizei bescheinigte der nordirischen Behörde, dass sie einen deutlichen Personalmangel habe und deshalb nicht angemessen in den Nachbarschaften präsent sein könne. Die Gewalt auf Belfasts Straßen in der vergangenen Woche bestätigte das. Einwohner fühlten sich von der Polizei zwar beschützt, aber die Frage, wie es überhaupt so weit kommen konnte, dass Häuser angezündet wurden, bleibt in ihren Köpfen.
Für die meisten Einwohner Belfasts waren es keine neuen Bilder. Sie erinnern an den Bürgerkrieg, der erst vor 27 Jahren beendet wurde. Boutcher kennt das in Nordirland bis heute andauernde soziale Konfliktpotential dahinter gut. Vor seiner Amtsübernahme hatte er die „Operation Kenova“ bei der nordirischen Polizei geleitet. Sie untersucht Hinweise auf Straftaten der Kriegsparteien. In Anlehnung an die damalige Gewalt sagte er diese Woche: „Wir haben in Nordirland eine Eskalation der Unruhen erlebt, wie sie hier seit den schlimmsten Zeiten der ‚Troubles‘ nicht mehr in diesem Ausmaß zu beobachten war.“ Damit das nicht nochmal passiert, machte er gegenüber dem nordirischen Parlament im Stormont nun abermals deutlich, was er braucht.
