Es sei so ähnlich wie ehedem beim Turmbau zu Babel, sinniert in seinem fensterlosen Büro der Informatiker Johann Arimond. Jetzt um die fünfzig kommen ihm leise Zweifel an seinem Tun und Lebensentwurf. Falls er überhaupt einen hat, statt sich nur treiben zu lassen durch seine Tage in einer mittelgroßen Stadt, wo er sich um die Computerprogramme einer Bank kümmert. Er scheint prädestiniert dafür, ein Nerd zu sein, freundschaftsunfähig, wie er ist, ohne Frau und Familie.

Manchmal geht er mit Maria in ein Stundenhotel und empfindet tatsächlich etwas für die einige Jahre ältere verheiratete Frau, die den Bahnhofskiosk am Gleis 8/9 betreibt und für Johann da ist, während ihr Mann den Zug begleitet. Manchmal geht er auch nur zu Julia von gegenüber, deren betrunkener Mann als ihr widerlicher Zuhälter nicht einmal die Wohnung verlässt. Dann ist überhaupt keine Liebe mehr im Spiel. Manchmal auch liest Johann in der Bibliothek philosophische Bücher, ihrer besonderen Sprache wegen. Oder er läuft von seinem Hochhausapartment im zwanzigsten Stock über die Felder und sitzt dann bis zum Morgengrauen in der Raststätte.
Der Vergleich mit dem Turmbau hat sich in seinem Kopf festgesetzt, als er bemerkte, dass seine Arbeit immer undurchsichtiger wurde. Im Laufe der Zeit ist das Programm zu einem Labyrinth aus Algorithmen geworden. Rat weiß nur noch der sonderbare Kollege Frank, ein Studienabbrecher, der in Thailand Befriedigung sucht und wegen des dafür nötigen Geldes irgendwann begonnen hat, das System zu manipulieren. Das macht schließlich auch Johann verdächtig. Also denkt er darüber nach, wie das Dasein immer enger wird, „je stärker wir uns mit technischen Geräten umgeben“, wie in den fragilen Systemen immer wieder Fehler auftauchen, die mitunter auch bei regulären Eingaben zu Abstürzen führen: „Anomalien, für die wir keine Erklärung fanden“. So kam diesem Vertreter unserer effizienten Infrastruktur die Idee von der babylonischen Sprachverwirrung, die dafür sorgte, dass niemand mehr das Kunstwerk, das noch bis vor Kurzem funktionierte, vollkommen verstand.
Was aus der vernebelten Vergangenheit in die Gegenwart ragt
Weil Johann die Figur im Zentrum des neuen Romans von Norbert Scheuer ist, sieht er bei klarem Wetter von seiner Loggia auf die Gebirgszüge der Eifel. In zehn Romanen, Gedichtbänden und Erzählungen ist Scheuer (Jahrgang 1951) zum kunstvollen Chronisten der Eifel geworden, ohne sie ins Heimatromanhafte zu versimpeln. Das prägnant Bündige, Präzise seiner Sprache steht dem ebenso entgegen wie seine sorgfältig strenge Figurenzeichnung, seine geradezu wissenschaftlichen Exkurse zu Natur und Technik und seine Themenwahl, die Unbehagliches und historische Verwerfungen nicht umgeht, sondern zu Kipppunkten seiner genauestens gebauten Bücher macht. So unterlegte er seiner Heimatgegend in zurückhaltend die Ebenen verschränkender Prosa eine geradezu mythische Ebene und schrieb sie ein in die aktuelle deutsche Literaturgeschichte.
Der neue Roman führt wieder an die Bistrotische vor der Bäckereitheke des Supermarkts am Bahnhof von Kall, wo Johanns vier Jahre ältere Schwester Klara die diskutierenden Grauköpfe bedient. Mitglieder der Familie Arimond kennt man aus früheren Büchern Scheuers und ebenso, dass die Geschichten aus einer vernebelten Vergangenheit in die Gegenwart ragen. Idyllen sehen anders aus, und jeder ist ein Teil von allem, mehr nicht.
Nachdem Isabelle, die Mutter von Johann und Klara, mit 69 gestorben ist, kommen sich die Geschwister wieder näher. Das schwere Magnetophon des Großvaters steht nun bei Johann, der von der Schwester den Auftrag bekam, die Tonspuren dieses 1938 von der AEG für den Kriegseinsatz entwickelten Spulengeräts mit Vakuumröhren zu ordnen. Das Medium könnte Aufklärung in eine Familiengeschichte bringen, die kontaminiert ist von SS-Mitgliedschaft, Geschäftsbankrott in der Nachkriegszeit und Großvaters Bekanntschaft mit dem undurchsichtigen Vincentini.
Rückkehr zu einer verheerenden Explosion
Rose, die aus einer anderen Ordnung kam, war gezwungen, sich mit beiden einzulassen, und spielte auf einer Flöte aus dem titelgebenden Holunderholz wundersame Melodien als eine Musik des Zerfalls. Die bewahren ebenso etwas wie die in Fragmenten wieder abhörbar gemachten Bänder, die von „der glühenden Hitze eines verlorenen Krieges und dem Elend der Nachkriegsjahre“ zeugen.
Klara vermutet auf den Bändern „eine mögliche Erklärung für alles“. Doch ist Norbert Scheuer ein viel zu gewissenhafter Erzähler, um seine Geschichten zu simplen Erklärungen zu verzurren. Er führt seine Collage aus Historie und Gegenwart, durch die er immer noch den gefährlichen und nicht zu fassenden Vincentini irrlichtern lässt, bis hin zur Explosion des unter dem Kalvarienberg bei Prüm von den Besatzungsarmeen in einem riesigen befahrbaren Labyrinth angelegten gigantischen Waffenlagers, das am 15. Juli 1949 das Eifel-Städtchen unter sich begrub und zwölf Menschen den Tod brachte. Die Gründe dieser authentischen Katastrophe wurden nie aufgeklärt, und es ist alles andere als Sensationsgier, wenn Norbert Scheuer in seinem bestechenden Roman darauf zurückkommt und so dem Buch dezent noch eine zweite Krimiebene einzieht.
In einem punktgenau informierenden Nachwort berichtet der Autor davon, wie sein Stoff zu ihm kam, spricht von seiner „Aufmerksamkeit für das Fragmentarische, das Unabgeschlossene, für das Schweigen zwischen den bekannten Fakten“ und beschreibt das Ziel seines auf solcher Unvollständigkeit beruhenden Verfahrens: „nicht um Ordnung zu schaffen, sondern um sich im Vorläufigen zu orientieren“.
Norbert Scheuer: „Holunderholz“. Roman.
Verlag C. H. Beck, München 2026. 265 S., geb., 26,– €.
