„Intelligenz allein reicht nicht, was wir brauchen, ist eine Ethik der Verantwortung.“ Der Satz, für den der ehemalige EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso im Stadttheater zu Lindau viel Beifall erntete, war eine Ansage. Gefallen war er am Tag vor der eigentlichen Eröffnung der Jubiläumsveranstaltung zu 75 Jahren Lindauer Nobelpreisträgertagung. Auf der Bühne des ersten „Lindauer Friedensdialogs“ saßen drei Empfänger des Friedensnobelpreises: Neben Barroso der Ex-Premier Koreas und ehemalige Präsident der UN-Generalversammlung, Han Seung-soo, sowie der weißrussische Menschenrechtsaktivist Ales Bialiatski, der erst wenige Monate vorher aus einem Straflager an der Grenze zu Russland freigekommen war.
Natürlich drehte sich das Gespräch hauptsächlich um Frieden und Freiheit, um die internationale Zusammenarbeit. Doch der entscheidende Begriff, der fiel, lautete: Helden. Barroso verwendete ihn, um Bialiatskis aufopferungsvollen Kampf für die Demokratie zu beschreiben. Am Folgetag klang das oft erstaunlich ähnlich. Etwa als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die 75. Nobelpreisträgertagung in Lindau mit einer aufrüttelnden Ansprache zum „Widerstand gegen Ignoranz und Desinformation“, zum „entschlossenen Kampf“ für Freiheit und Demokratie und einen ebensolchen Einsatz gegen den „Kontrollverlust“ bei der Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz eröffnete. Steinmeier rührte in vielen Wunden. Es waren die Themen, die die Versammlung der an diesem Tag mehr als siebzig Nobelpreisträger und des jungen Spitzenpersonals aus Medizin, Physik und Chemie so intensiv beschäftigte wie seit Generationen nicht mehr.

Die Inselhalle in Lindau war voll, die weit mehr als sechshundert ausgewählten Jungforscher aus fast neunzig Ländern waren sichtlich berührt. Es waren ihre Helden, die Nobelpreisträgerinnen und Nobelpreisträger, die neben ihnen saßen und von denen sie Antworten, vor allem Orientierung erwarteten. Gräfin Bettine Bernadotte, die Präsidentin des Kuratoriums der Lindauer Nobelpreisträgertagung, brachte die Spannung wie so oft auf den Punkt: „Schwierige Fragen sind kein Grund aufzugeben.“ Früher bezogen sich die Schwierigkeiten, mit denen man sich in der Wissenschaft auseinanderzusetzen hatte, in erster Linie auf Geld und Programme. Heute sind es Politik, Populismus und Polarisierung.
Es war der Bundespräsident, der von „den Feinden“ sprach, als er die wissenschaftsfeindlichen Tendenzen in Autokratien geißelte. Und er brachte auch einen möglichen Ausweg in Erinnerung: Im Jahr 1951, als zwei Ärzte, Franz Karl Hein und Gustav Wilhelm Parade, zusammen mit dem Grafen Lennart Bernadotte von Wisborg die Lindauer Tradition mit sieben Nobelpreisträgern als „Europatagungen der Nobelpreisträger“ eröffnete, war das für Steinmeier nach einer dunklen Zeit „ein kleiner, aber wichtiger Aufbruch“ für die junge deutsche Demokratie zurück in die internationale Gemeinschaft. „Viele weitere Aufbrüche mögen künftig folgen.“ Beate Benett-Hein, die Nachfahrin eines der Gründer, ordnete freilich die Heldengeschichte im Hintergrundgespräch anders ein: „Das Ziel damals war, die im Dritten Reich total korrumpierte Medizin zurück in die Wissenschaft zu führen“, sagte sie.
Lindau: Sommerserie des F.A.Z. Podcast für Deutschland am 3. August

Was die beiden Sichtweisen auf die ersten Tage der weltweit beispiellosen Lindauer Nobelpreisträgertagungen gemeinsam haben, ist der Hinweis auf eine im Forschungsalltag oft unterbelichtete Rolle von Wissenschaftlern: die Mittlerfunktion, die Wissenschaftler im politischen und gesellschaftlichen Getriebe einnehmen können.

Lange verdienten sich die Nobelpreisträger und Spitzenforscher einen Heldenstatus in erster Linie durch ihre visionäre Kraft. Auch 125 Jahre nach der erstmaligen Vergabe eines Nobelpreises war dies in der diesjährigen Versammlung die dominante Energiequelle, aus der vor allem die Nachwuchsforscher schöpften. Viele Vorträge und persönliche Treffen zwischen den Forschergenerationen waren davon geprägt: vom Wunsch, das Unmögliche irgendwann auch zu schaffen.
Fesselnde Ideen sind darunter, wie sie etwa der Chemiker und deutsche Nobelpreisträger Benjamin List bei seinem Kurzbesuch mit nach Lindau brachte: List will mit seinem Team am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung die Klimakatastrophe stoppen. Seine „Revolutionshoffnung“: Das CO₂-Molekül aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe, hauptverantwortlich für die Aufheizung des Planeten, will er katalytisch zerstören und damit die planetare Krise entschärfen (siehe Illustration). Ein chemischer Gewaltakt, der die Welt verändern könnte. „Ich weiß, das klingt total verrückt“, sagte List, aber dass sein Vorhaben in absehbarer Zeit funktionieren könnte, halte er für „realistischer“ als die Lösung der Energiefrage mit der Kernfusion.

Was aber, wenn die Hoffnungen, die in die Wissenschaft gesetzt werden, weiter erodieren, weil gleichzeitig von vielen Seiten das Vertrauen in dieselbe systematisch untergraben wird? Eine mögliche Antwort begegnete einem immer wieder in Lindau, angefangen vom Friedensdialog im Theater bis zum traditionellen Abschluss der Jubiläumstagung auf der Blumeninsel Mainau. Das Stichwort lautet: Wissenschaftsdiplomatie. Gemeint ist, eine Brücke zur Politik zu schlagen – das unbeschreibliche Potential zur Zusammenarbeit in einer weltweit vernetzten Forschung in den politischen Prozess einschleusen und sich damit unentbehrlich machen. Aufgekommen war dieser Problemlösungsansatz schon vor etwas mehr als einem Jahrzehnt. Damals machten sich die US-Wissenschaftsvereinigung AAAS und die britische Royal Society in London in der politisch zunehmend polarisierten, fragmentierten Welt für eine „Botschafterrolle“ stark.

Wer, wenn nicht Nobelpreisträger mit ihren Heldentaten, könnte ideale Botschafter sein? Die aus Litauen stammende Chemikerin Ona Ambrozaite machte das Diplomatiekonzept vor zwei Jahren in Lindau populär. Damals war sie eine der eingeladenen Spitzentalente und längst in den USA tätig. Seitdem organisiert Ambrozaite zusammen mit dem US-Nobelpreisträger Peter Agre in Washington jedes Jahr einen „Gipfel der Wissenschaftsdiplomatie“, zu dem im vergangenen Jahr schon mehr als tausend Teilnehmer eingetragen waren. Zur Jubiläumsveranstaltung am Bodensee brachte sie ihre Mittler-Visionen erneut auf die Bühne. Titel: „Von Formeln zur weltumspannenden Politik“. Wie das gehen soll? Diplomaten in der Wissenschaft trainieren und Wissenschaftler in die Politik einschleusen, meint Ambrozaite.
„Unsere großen, geopolitischen Herausforderungen bringen Wissenschaften und Diplomatie immer enger zusammen“, sagte Ambozaite. Beispiele, wie solche diplomatischen Erfolge durch wissenschaftliche Akteure oder Institutionen vorangetrieben werden können, lieferte die junge Wissenschaftlerin einige. Beim Zustandekommen von Obamas Atomabkommen etwa mit Iran im Jahr 2015 seien ein MIT-Professor und sein iranischer Postdoc entscheidend beteiligt gewesen. „Es funktioniert immer besser“, sagte sie. Und Trumps Umtriebe? „Wir haben sogar die Techriesen aus Silicon Valley auf unserer Seite“, konterte sie. Den Eindruck, dass sich die antiwissenschaftliche Eskalationsspirale trotzdem weiterdreht, vermochte allerdings auch die tatkräftige junge Wissenschaftsdiplomatin in Lindau noch nicht zu entkräften.
Manifeste und Deklarationen
Mehr als 36.000 junge Spitzenforscher und Hunderte Nobelpreisträger aus aller Welt haben sich in den 75 Jahren der Lindauer Nobelpreisträgertagungen auf „der Insel“ eingefunden, die vom bayerischen Festland in den Bodensee hineinragt. In diesem Jubiläumsjahr waren es so viele Laureaten wie nie zuvor: Mehr als 70 Nobelpreisträger, die ihre Auszeichnung in Physik, Chemie, Medizin/Physiologie oder den Friedensnobelpreis erhalten hatten, machten sich auf zu der einwöchigen Begegnung in Lindau mit den fast siebenhundert ausgewählten Talenten aus 88 Ländern.
Alle fünf Jahre stehen solche disziplinübergreifenden Tagungen an; dazwischen sind die Generationentreffen jeweils einer Nobelpreiskategorie gewidmet. In Vorträgen, Diskussionen, auf Spaziergängen und beim Frühstück oder geselligen Abendveranstaltungen geht es um den wissenschaftlichen und um den menschlichen Austausch – aber entscheidend auch um „Völkerverständigung“, wie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier anerkennend beschrieb, oder um „Selbstvergewisserung“ in den Worten des bayerischen Staatsministers Michael Blume. Es ist der Moment, wenn auf der Insel, die das ganze Jahr über Millionen von Touristen anzieht, der Weltgeist ein stilles Fest feiert. Dann weht der tiefe Wunsch nach Aufklärung, Freiheit und Verantwortung durch die Gassen. Und manchmal, wie in diesem Jahr wieder, werden viele der Beiträge zur Tagung vom Widerspruchsgeist gegen Populismus und gegen die Gefahren politischer Ignoranz getragen.
Die unregelmäßigen Manifeste der Laureaten am Abschlusstag auf der Insel Mainau sind Teil dieser moralischen Interventionen. 1955 war es die Kundgebung gegen Atomwaffen, 2015 die Deklaration zum Klimawandel, in diesem Jahr die Fortführung des 2024 erstmals gestarteten Aufrufs zur nuklearen Abrüstung in der neuen, unfriedlicheren Welt.
