Christian Gorgas überlässt ungern etwas dem Zufall. Gestern hat das erste Massagestudio der von ihm mitgegründeten Kette New Soul in Frankfurt eröffnet. Da reist der Chef noch selbst an. Beim Reinkommen, erzählt er, habe ein Buchständer nicht am richtigen Platz gestanden. Für Gorgas ist es ein Horror, wenn in den Filialen nicht alles genau so ist, wie in der Berliner Zentrale erdacht. Nun ist alles an Ort und Stelle. „Retail is detail“, sagt der Gründer, frei übersetzt: Im Handel kommt es auf die Details an.
Und so riecht es in dem mit Holz verkleideten Massagestudio genau wie in allen anderen New-Soul-Filialen nach einem penibel abgestimmten Mix aus Bergamotte, Limone und Lavendel. Die Ecken in den Räumlichkeiten sind abgerundet, eine Idee des Architekten, der alle Filialen designt. Die dimmbaren Lampen an der Flurdecke strahlen eine Fassung aus Eichenholz an, sodass das Licht möglichst warm wirkt.
Sieben Kabinen gibt es hier, die am Wartebereich wurde eigens mit einer selbst entwickelten, schallisolierenden Tür versehen, die ein wenig nach einem Tresor aussieht. Gäste können die Kabine zum Umziehen mittels Fernbedienung verschließen und sie wieder öffnen, wenn sie fertig sind. Im Hintergrund läuft eine Playlist mit Entspannungsmusik, auch die ist selbstredend eigens komponiert, von befreundeten Berliner DJs. „Alles hier ist darauf ausgelegt, dass unsere Kunden runterkommen können“, sagt Gorgas.

„Ich konnte mir irgendwann nicht mehr die Schuhe selber zubinden“
Das Bedürfnis danach kann er selbst gut nachempfinden. Nach seiner ersten Gründung habe er sehr viel intensiven Sport gemacht und gleichzeitig viel am Computer gearbeitet. Diese Mischung habe irgendwann zu extremen Rücken- und Nackenbeschwerden geführt. „Ich konnte mir irgendwann nicht mehr die Schuhe selber zubinden“, berichtet Gorgas. Er habe vieles getestet: klassische Physiotherapie, Osteopathie. Am besten geholfen hätte ihm aber ein Massagetherapeut in einer kleinen Praxis. „Der hat die Faszien-Verklebungen gelöst“, sagt Gorgas.
Weil Gorgas gerade ohnehin auf der Suche nach einer neuen Geschäftsidee war, gründete er 2023 zusammen mit Philipp Desgranges New Soul – eine beinahe anachronistische Gründung. Wer schnelles Geld von Investoren will, gründet in Berlin gerade Start-ups zur Anwendung Künstlicher Intelligenz oder im Rüstungssektor. Eine Massagekette fällt da ein wenig aus dem Zeitgeist. „Ich hatte keine Lust mehr auf rein opportunistische, schnell skalierende, aber unprofitable Start-up-Modelle“, sagt Gorgas.
Mit diesen haben die New-Soul-Gründer durchaus Erfahrung. Gorgas hat vor New Soul eine digitale Wäschereiplattform gegründet und sie an Henkel verkauft; sein Mitgründer Desgranges hat für den Lieferdienst Flink zeitweise die Expansion geleitet. Für beide sei jedoch klar gewesen: „Unser nächstes Projekt wollten wir eher wie ein Familienunternehmen aufbauen, es soll langfristig Bestand haben.“
Das LAP-Coffee-Risiko
Trotzdem wird New Soul von Investoren wie DLF Venture aus Luxemburg oder Christian Gaiser, dem Gründer der Hotelkette Numa, unterstützt. Um wie viel Geld genau es geht, darüber schweigt das Unternehmen – mutmaßlich mit einem gewissen Kalkül. Denn investorenfinanzierte Ketten wie New Soul stießen in der Vergangenheit vor Ort nicht immer nur auf Gegenliebe.
Das prominenteste Beispiel ist die Cafékette LAP Coffee, die mit günstigen Kaffeepreisen lokalen Cafébetreibern Konkurrenz macht. In Berlin wurden im vergangenen Jahr vier Filialen aus Protest mit roter Farbe beschmiert, zum Teil versehen mit Boykottaufrufen. Christian Gorgas zieht lieber den Fahrtenvermittler Uber als Beispiel heran. „Geschäftsmodelle, die bestehenden Infrastrukturen Nachteile bringen, sind etwas angreifbarer“, sagt er. New Soul biete weniger Angriffsfläche, ist Gorgas überzeugt. „Wir verbessern die Lage für unsere Mitarbeiter, für unsere Kunden, und unsere Standorte sind schick, machen keinen Lärm, es stehen nicht massenhaft Kunden davor.“ Die Filialen seien für jeden Kiez eine „minimalinvasive Verschönerung“, das Feedback von Anwohnern sei bisher durchweg positiv.
New Soul versucht sich zwischen Thaimassage-Läden in Hinterhöfen, teuren Hotelmassagen und Physiotherapiepraxen zu positionieren. „Es gab vor uns noch keine Marke auf dem Markt, die saubere Qualität, eine intuitive Buchungsplattform und vernünftige Preise vereint hat“, sagt Gorgas. Mit dem Anbieter Soulhouse aus Hamburg gibt es aber in Deutschland durchaus einen Konkurrenten. Dennoch läuft es offenbar gut für New Soul: Gerade eröffnet die fünfzehnte Filiale der Kette. Das Start-up erwirtschaftet einen zweistelligen Millionenumsatz, Tendenz steigend. Die einzelnen Standorte seien alle nach wenigen Monaten profitabel, auf Unternehmensebene will New Soul innerhalb der kommenden vier Quartale schwarze Zahlen schreiben. Eine Massage kostet mindestens 69 Euro.
„Massagen sind eine sehr anstrengende körperliche Leistung“
„Wir wollten von Anfang an Kunden die beste Erfahrung bieten, aber auch für unsere Therapeuten“, sagt Gorgas. Diese seien oft nicht zufrieden mit der Arbeitgeberauswahl. In Hotels gebe es vor allem Saisongeschäft. Zudem lägen diese oft außerhalb der großen Städte. In Physiopraxen seien Massagetherapeuten oft nur ein Anhängsel. Und Thaimassage-Läden griffen meist auf Familienmitglieder oder Absolventen spezieller Thai-Schulen zurück. „Bei uns bekommen Massagetherapeuten einen Karrierepfad aufgezeigt und professionelle, von uns entwickelte Software, die ihnen das Leben einfacher macht.“

Die inzwischen mehr als 250 Therapeuten können sich etwa in bestimmten Fachgebieten weiterbilden lassen oder in Mitarbeiterführung geschult werden, verbunden mit entsprechenden Gehaltsanpassungen. „Massagen sind eine sehr anstrengende körperliche Leistung“, sagt Gorgas. Das Gehalt habe aber in Deutschland lange eher um den Mindestlohn herum gelegen. New Soul zahle „deutlich drüber“, je nach Ausbildung.
In Physiopraxen müssten Therapeuten zudem den Raum und die Wäsche selbst reinigen sowie die Terminvereinbarung koordinieren. „Das übernehmen alles wir, bei uns können sie sich voll darauf konzentrieren, für Kunden die beste Dienstleistung zu erbringen“, sagt Gorgas und deutet auf ein Tablet in einem der Massageräume in Frankfurt: „Hier bekommen die Therapeuten vorab alle Informationen zum Kunden, samt Anamnese.“ Das spare Zeit für die tatsächliche Behandlung.
Der Chef ließ sich von Bewerbern massieren
Trotzdem sei die erste Herausforderung das Finden guter Massagetherapeuten gewesen. Gorgas ließ sich von den ersten Bewerbern schlicht selbst massieren, insgesamt bis heute rund 400-mal, schätzt er.
Alle Filialen steuert New Soul mit gut 20 Mitarbeitern aus der Zentrale in Berlin, samt Schichtplanung, Abrechnung, Marketing und Produkten. Franchise-Unternehmer gibt es aktuell nicht. „Wir sind überzeugt, dass das ein Unterscheidungsfaktor ist“, sagt Gorgas. In den Vereinigten Staaten würden Ketten wie „The Now“ zwar dank eine Franchise-Konzepts schnell wachsen: „Da eine gleichbleibende Qualität zu bieten ist aber schon für Burgerketten schwierig.“ Für körpernahe Dienstleistungen wie Massagen gelte das umso mehr. In den Vereinigten Staaten sah sich etwa die Wellness-Kette Massage Envy im Jahr 2017 einer Beschwerde- und Klagewelle gegenüber, weil dutzende Frauen sexuelle Übergriffe während Massagen gemeldet hatten.
Wachstumsmöglichkeiten sieht Gorgas aus mehreren Richtungen. Da seien die supersportlichen Kunden, die Marathonläufer und Hobby-Triathleten. „Was die von Profiathleten unterscheidet, ist neben Zeit vor allem das Team um sie herum“, sagt der Gründer. Die Erholung von den enormen Belastungen sei einfach schwieriger, wenn man nicht wie ein Nationalspieler nach einem Weltmeisterschaftsspiel direkt eine Stunde behandelt würde. „Wir haben viele solcher Kunden, die ihre Leistungen verbessern wollen.“
„Massagen helfen wahnsinnig gut beim Entspannen“
Andere Kunden kämen mit Rücken- oder Nackenproblemen, für die New Soul eine sogenannte Klassische Medizinische Massage anbietet, die zum Teil auch von privaten Krankenkassen übernommen wird. Und dann gebe es da noch das Wellness- und Entspannungssegment. „Massagen helfen wahnsinnig gut beim Entspannen, weil sie den Cortisolspiegel im Körper senken können“, sagt Gorgas. Cortisol wird umgangssprachlich auch als „Stresshormon“ bezeichnet. Nach 45 Minuten professioneller Massage fange der Körper an, Glückshormone auszuschütten. „Massagen sind Gesundheitsvorsorge“, sagt Gorgas, der auch vom Longevity-Trend profitieren will, also dem Ziel, die eigene Gesundheitsspanne zu maximieren.
Ein stark wachsender Trend seien auch Schönheitsanwendungen. Ein Renner sei etwa die brasilianische Lymphdrainage, eine Massagetechnik, die durch schnelles Reiben an den richtigen Stellen den Körper entwässern und vorteilhaft formen soll. Als großer Fan gilt etwa das amerikanische Topmodel Hailey Bieber.
Bis zu 100 Standorte kann der Gründer sich alleine in Deutschland vorstellen, pro Jahr sollen erstmal etwa 10 bis 12 dazukommen. Zum Ende des Jahres soll die erste Filiale außerhalb Deutschlands eröffnen, mutmaßlich im deutschsprachigen Raum. Bis dahin gibt es noch viele Buchständer geradezurücken.
