Unsichere Zeiten sind Anlass genug, um nach Orientierung für die eigenen Finanzen zu suchen. Die gibt es frei Haus von höchster Instanz, nämlich von neun Ökonomienobelpreisträgern. Deren Erkenntnisse sind zeitlos und liefern Rezepte, wie man mit seinen Finanzen auch durch turbulente Zeiten navigiert.
Franco Modigliani, Nobelpreisträger 1985, erklärt uns, wie man die beste Balance aus Sparen und Konsumieren über den eigenen Lebenszyklus hinweg findet. Ausgangspunkt ist die Idee des abnehmenden Grenznutzens: Das erste Eis beschert uns noch viel Glück, das zweite schon weniger, und beim dritten winken wir lieber ab. Anstatt also im Wechsel von Mangel und Überfluss zu leben, sollten Menschen den Konsum dauerhaft auf ihrem individuell optimalen Niveau stabilisieren. Wenn das Einkommen über diesem Niveau liegt, wird kräftig gespart, um auch in der Rente den eigenen Standard zu halten.
Modigliani unterstreicht damit die Notwendigkeit einer vorausschauenden Karriere- und Finanzplanung. Auf die aktuelle Situation bezogen, bedeutet das: Bleiben die Energiepreise absehbar hoch, müssen betroffene Haushalte jetzt mehr sparen. Winken einem gute Karriereaussichten und höheres Gehalt, kann man schon jetzt mehr ausgeben. Wird die Zukunft generell unsicherer und die Menschen immer älter, müssen alle mehr sparen.
Die richtige Mischung zwischen Risiko und Sicherheit
Robert C. Merton, Nobelpreisträger 1997, modellierte, wie Anleger ihr angespartes Finanzvermögen am besten zwischen einer risikofreien Anlage wie Tagesgeld und einer riskanten Anlage wie Aktien aufteilen. Der ideale Mix sorgt dafür, dass das Risiko im Gesamtvermögen der persönlichen Risikotoleranz entspricht. Zu viel Risiko bedeutet sonst unruhigen Schlaf, zu wenig dagegen verpasste Renditechancen. Zum Gesamtvermögen gehören auch Sachvermögen, Rentenansprüche und Arbeitskraft. Ein junger Beamter mit Eigenheim kann daher viel mehr Finanzrisiko tragen als ein älterer Selbständiger mit Edelmetallen im Tresor. Merton lehrt uns genau wie Modigliani, dass die persönliche Gesamtsicht entscheidend ist – auch für die Bewertung der aktuellen Situation. Ist es beispielsweise für mich wahrscheinlicher geworden, dass mein Gehalt stagnieren wird oder dass ich gar meinen Job verliere? Dann Aktien verkaufen. Ist mein Aktienanteil durch jüngste Verluste deutlich unter den idealen Mix geschrumpft? Dann ruhig wieder aufstocken.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Merton H. Miller, Nobelpreisträger 1990, lenkt den Blick auf den Hebeleffekt von Schulden: Wer einen Kredit aufnimmt, um eine Immobilie zu kaufen, multipliziert nicht nur die potentielle Rendite auf seinen Eigenanteil, sondern auch das Risiko. Bei hälftiger Fremdfinanzierung fallen Verluste doppelt so hoch aus wie bei Eigenfinanzierung! Betongold kann damit schnell zu einem überzogenen Risikoprofil im Gesamtvermögen führen. Kreditnehmer müssen dieses Risikoprofil gerade in unsicheren Zeiten genau beobachten und eher früher die Anlagerisiken runterfahren. Das gilt vor allem dann, wenn der Kredit bald refinanziert wird und die Europäische Zentralbank wegen Inflationsdruck die Zinsen anzuheben droht.
55 Prozent Aktien, 35 Prozent Anleihen
Harry Markowitz, ebenfalls Nobelpreisträger 1990, zeigte, dass Anleger über geschickte Diversifikation ihrer Anlagen ihr Gesamtrisiko massiv senken können, ohne dafür bei der Rendite Abstriche machen zu müssen. Anders formuliert: Durch Streuung verbessert sich das Verhältnis von erwarteter Rendite zu eingegangenem Risiko. Auch wenn Markowitz’ Anleitung zum Bau optimaler Portfolios für Privatanleger untauglich ist, so ist seine Grundidee Gold wert.
Denkt man seine Diversifikationsidee nämlich zu Ende, landet man bei einem globalen Marktportfolio, das sich aus allen weltweit verfügbaren Wertpapieren in der Gewichtung ihrer jeweiligen Marktkapitalisierung zusammensetzt. Hier muss man nicht rechnen, sondern nur ablesen. Aktuell betragen die Anteile der größten Anlageklassen gerundet: 55 Prozent für globale Aktien, 35 Prozent für globale Anleihen und zehn Prozent kombiniert für Gold, Private Equity und Bitcoin.
Eugene Fama, Nobelpreisträger 2013, ist der Vater der Effizienzmarkthypothese: Die Preise an den Finanzmärkten spiegeln alle verfügbaren Informationen korrekt wider. Das heißt: Es ist selbst für Profis unmöglich, durch gezielte Positionen bessere Renditen als die Durchschnittsanleger zu erzielen. Famas Hypothese gilt auch aktuell: Weder Spekulationen auf Rüstungs- oder Energietitel noch Versuche, zum vermeintlich richtigen Zeitpunkt aus dem Aktienmarkt aus- und dann wieder einzusteigen, bringen auf Dauer etwas. Beides reduziert nur die Diversifikation und erhöht die Handelskosten.
Vorsicht vor Emotionen in der Geldanlage
Robert J. Shiller, ebenfalls Nobelpreisträger 2013, liefert eine wichtige Ergänzung zur reinen Effizienzmarkthypothese von Fama. Seine Frage lautet: Sollte man den Kursen also immer blind vertrauen, oder drehen die Märkte doch manchmal durch? Shiller betont die Rolle von sozialen Dynamiken, Herdenverhalten und Narrativen – also den Geschichten, die sich Anleger gegenseitig erzählen und die eine Eigendynamik entwickeln können. Emotionen und kognitive Verzerrungen können sich zu mächtigen Trends wie übertriebenem Optimismus oder panikartigen Verkäufen aufschaukeln. Shillers Arbeit unterstreicht die Notwendigkeit, sich nicht von der Masse mitreißen zu lassen, sondern am eigenen langfristigen Vermögens- und Sparplan festzuhalten. Das ist der beste Schutz gegen die emotionalen Achterbahnfahrten der Märkte, denn Kursblasen erkennt man auch bei Shiller nur im Nachhinein.
William F. Sharpe, ein weiterer Nobelpreisträger des Jahres 1990, erklärt, wo Rendite herkommt. Mit dem Capital Asset Pricing Model hat er gezeigt, dass Anleger nur für jenes Risiko entlohnt werden, das sich nicht durch Streuung eliminieren lässt. Das unnötige Risiko einzelner Unternehmen, Branchen oder Länder – meist mehr als die Hälfte der jeweiligen Schwankungen – bringt keine Rendite. Wer Rendite will, muss also echtes Marktrisiko tragen. Dieses Marktrisiko wird über das sogenannte Beta gemessen. Das globale Marktportfolio von weiter oben kam in der Vergangenheit auf eine Risikoprämie von rund vier Prozent je Jahr. Bei einem risikofreien Zinssatz von aktuell rund zwei Prozent dürfen Anleger daher auch für das nächste Jahr eine Gesamtrendite auf das globale Marktportfolio in Höhe von sechs Prozent erwarten. Will man mehr Gewinne, muss man einen größeren Teil seines Vermögens investieren oder das Depot wie eine Immobilie mit Kredit hebeln. Ist man mit weniger Rendite zufrieden, legt man entsprechend weniger Geld in Wertpapiere an. Kriegszeiten ändern an diesem Grundprinzip nichts.
Kleine Tricks helfen viel
Daniel Kahneman, Nobelpreisträger 2002, oft gemeinsam mit seinem langjährigen Forschungspartner Amos Tversky genannt, ist einer der Gründerväter der Verhaltensökonomie. Er zeigte, dass die menschliche Psyche den besten Plan durchkreuzen kann. Menschen sind eben nicht die rationalen Nutzenmaximierer, wie es die klassische Ökonomie annimmt, sondern sie nehmen gern mentale Abkürzungen. Doch diese führen systematisch zu Fehlern wie Verlustaversion, Selbstüberschätzung und Prokrastination, dem Verschieben von Aufgaben auf morgen. Neben einem guten Plan brauchen Anleger also auch Selbstkenntnis und Strategien, wie sie bei Finanzentscheidungen ihr intuitives, aber fehleranfälliges Denksystem 1 (so der von Kahneman geprägte Begriff) durch ihr zwar langsameres, aber dafür analytischeres Denksystem 2 ablösen.
Richard Thaler, Nobelpreisträger 2017 und ein weiterer Pionier der Verhaltensökonomie, hat solche Strategien entwickelt. Mit einer klugen Entscheidungsarchitektur können sich Anleger selbst in die richtige Richtung bugsieren. Das Fachwort hierfür lautet „Nudging“. Dabei spielen Voreinstellungen wie der monatliche Sparplan direkt nach Gehaltseingang, die automatische Sparerhöhung bei Gehaltsanstieg oder der Kauf reinvestierender Fonds eine wichtige Rolle. Kleine Tricks können damit einen großen Einfluss auf den Umgang mit Geld haben, ohne die individuelle Freiheit einzuschränken. Warum also nicht gerade in unsicheren Zeiten die eigenen Voreinstellungen überprüfen und so klug setzen, dass auch unter Stress nicht System 1, sondern System 2 regiert?
Die Essenz von neun Nobelpreiserkenntnissen? Die aktuelle Weltlage zählt nur dort, wo sie über Einkommensaussichten, Sparquote und Risikoprofil den eigenen Finanzplan tangiert. Dort gilt es, genau hinzuschauen. Nicht kümmern muss man sich dagegen darum, mit welcher Branchen- oder Ländergewichtung oder mit welcher Marktprognose sich aus der nächsten Schlagzeile Gewinn ziehen ließe.
Andreas Hackethal ist Finanzprofessor an der Goethe-Universität Frankfurt. Sein Buch „Dein Financial Lifestyle Code“ ist im Campus Verlag erschienen.
