Das Schlimmste, was sie in ihrem Leben erlebt habe, sei das Warten auf einen Anruf gewesen. So hat es Maria Karystianou einmal erzählt. Vor knapp dreieinhalb Jahren war das, Anfang März 2023. Am letzten Februartag jenes Jahres waren in der Nähe des Ortes Tempi in Thessalien in voller Fahrt zwei Züge zusammengestoßen. Einer transportierte Güter, der andere Menschen. Mehrere Waggons des Passagierzuges entgleisten, einige fingen Feuer.
Karystianou wusste, dass ihre 19 Jahre alte Tochter in dem Zug war. Irgendwann kam der Anruf, der schreckliche Ungewissheit in noch schrecklichere Gewissheit verwandelte: Maria Karystianou wurde informiert, dass ihre Tochter zu den 57 Todesopfern des Unglücks zählte. Seither fürchte sie nichts mehr, sagte die trauernde Mutter einmal in einem Interview.
Dennoch hätte dieser Schicksalsschlag allein sie wohl nicht in die Politik getrieben. Dazu kam es erst durch das, was danach geschah – oder vielmehr nicht geschah. Zu dem Unglück von Tempi kam es durch eine Verkettung von Fahrlässigkeit und menschlichem Versagen. Ein ungenügend ausgebildeter Schichtleiter, der diese Stelle nie hätte innehaben dürfen, fehlende Sicherheitstechnik und Schlamperei der Aufsichtsbehörden trugen entscheidend dazu bei.
Unglück löste größte Proteste seit Jahrzehnten aus
Wie viele ihrer Landsleute hatte Maria Karystianou den Eindruck, dass die Aufklärung des Unfalls systematisch behindert und verschleppt wurde. Angesichts von Griechenlands jüngster Vergangenheit war das kein abwegiger Verdacht. Ein Beispiel liefert eine Abhöraffäre, bei der sogar ein griechischer Oppositionschef ausgespäht worden war. Die konservative Regierungspartei Nea Dimokratia von Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis sabotiert die Aufklärung des Skandals mit allen Mitteln. Da liegt für viele der Verdacht nahe, dass auch die Hintergründe des Zugunglücks vertuscht werden sollen.
Karystianou, von Beruf Kinderärztin, engagierte sich in einem Verein von Angehörigen, die Familienmitglieder bei dem Unfall verloren hatten. Ziel des Vereins ist eine wirkliche Aufklärung der Hintergründe und eine Bestrafung der Verantwortlichen. Man organisiert Kundgebungen und Debatten oder verfasst Petitionen, um das Thema in der Öffentlichkeit zu halten. Zum zweiten Jahrestag des Unfalls im vergangenen Jahr kam es in Griechenland zu einem Generalstreik und landesweiten Demonstrationen mit Hunderttausenden Teilnehmern.

Es waren die größten Proteste seit Jahrzehnten. Eloquent, energisch und hartnäckig, war Maria Karystianou als Vorsitzende des Hinterbliebenenvereins da längst eine Berühmtheit im Land. Die energische Frau aus Saloniki verkörperte für viele Menschen die gerechte Forderung nach Transparenz, Rechtsstaat und Verantwortlichkeit.
Schon 2025 wurde gemutmaßt und gemunkelt, dass Karystianou Abgeordnete werden oder gar eine eigene Partei gründen wolle, um ihre Forderungen an die Politik mitten in die Politik zu tragen. Anfangs verneinte sie entsprechende Ambitionen oder wich Festlegungen aus, doch das ist vorbei. Im Januar kündigte sie die Gründung einer eigenen Partei an, Mitte Mai war der Moment da: Unter großem Medieninteresse wurde „Hoffnung für die Demokratie“ (kurz Elpida) vorgestellt. Es war die Umwandlung eines sozialen Traumas in ein politisches Projekt, wie ein griechischer Journalist schrieb.

Die Gründung von Elpida in einem historischen Kino in Saloniki wurde von viel rhetorischem Pomp begleitet. „Heute wurde Hoffnung für die Demokratie geboren“, verkündete Karystianou, als das Logo ihrer Partei – eine stilisierte Taube über einem Olivenbaumzweig – vorgestellt wurde. „Der gesunde Teil Griechenlands ist erwacht“, sagte die Parteichefin, die bei jeder Gelegenheit bekundet, jede Kooperation mit etablierten Parteien sei für Elpida ausgeschlossen. Man sei nicht gekommen, um Teil des „verrotteten Systems“ zu werden.
Manche ihrer Opponenten versuchten anfangs, die Quereinsteigerin als „Aktivistin für Eisenbahnsicherheit“ zu ridikülisieren, doch das hat sich gelegt. Niemand unterschätzt sie mehr. Elpida wird laut allen Umfragen in das neue Parlament einziehen, wenn in Griechenland gewählt wird, was spätestens im Frühjahr 2027 geschehen muss. Womöglich kann die neue Partei dann sogar ein gewichtiges Wort mitreden bei der Frage, wer das Land künftig regiert.
In der Politik gelten andere Regeln als im Aktivismus
Doch Karystianou ist längst nicht mehr unumstritten. Als sie noch eine Aktivistin war, die für Transparenz und Gerechtigkeit kämpfte, flogen ihr die Herzen zu. Wer ist schon gegen Transparenz und Gerechtigkeit – oder will auch nur in den Ruch geraten, es zu sein? Als Karystianou in allgemeiner Form verlangte, es müsse Schluss sein mit Vetternwirtschaft und korrupten Seilschaften, war ihr allseitiger Beifall gewiss.
Doch seit sie sich aus dem Reservat des Aktivismus in den Dschungel der Politik gewagt hat, gelten andere Regeln. Die Zeit des weltanschaulich unbefleckten Dagegenseins ist zu Ende. Kritik setzte schon im Januar ein, als sie noch Vorsitzende des Hinterbliebenenvereins war, aber bereits die Gründung einer Partei avisiert hatte. Verwandte von Opfern beschwerten sich – Karystianou missbrauche ihre Position als Sprungbrett für persönliche Ambitionen. Sie forderten ihren Rücktritt, zu dem es dann auch bald kam, begleitet von hässlichen gegenseitigen Vorwürfen.
Wie rau es zugeht in der politischen Wildbahn, erfuhr die politische Novizin ebenfalls schon im Januar, als sie sich in einem Interview zu Fragen der Abtreibung äußerte. Abtreibungsfragen, stellte die Medizinerin klar, seien Frauensache – berührten aber auch die Rechte der Embryos, und als Kinderärztin sei sie bei diesem Thema zwiegespalten.

Von dem Moment an, in dem nach drei Monaten ein Herz zu schlagen beginne, sei von einem neu geschaffenen Leben auszugehen, sagte sie sinngemäß. Zwar dürften Frauen selbstverständlich über ihre eigenen Körper entscheiden, doch berührten Abtreibungen auch ethische Fragen, und eine breitere demokratische Debatte könnte hier zu „demokratischeren Resultaten“ führen: „Ich weiß, dass Abtreibungen legal sind. Ich spreche über das ethische Thema“, so die Politikerin.
Doch das half nichts, der Aufschrei war groß. Denn auch in Griechenland sehnen sich die Menschen zwar angeblich nach Politikern mit Ecken und Kanten, sind aber schnell beleidigt, wenn diese Ecken und Kanten nicht der eigenen Weltsicht entsprechen. Seit sie sich zur Abtreibung äußerte, hat Karystianou ihren Status als Jeanne d’Arc der griechischen Demokratie verloren. In rechtskonservativen Kreisen gewann sie hinzu, für viele Linke und Liberale ist sie unwählbar geworden.
Annäherung an Rechtspopulisten und Russlandfreunde
Diese Entwicklung hat sich verstärkt, seit sie sich mit einer Beraterin aus dem rechtspopulistischen Milieu und einem Journalisten umgab, der in dem Ruf steht, Pro-Putin-Propaganda zu verbreiten. Einige scharfe Äußerungen zur angeblich zu laschen Politik Athens gegenüber der Türkei hatten einen ähnlichen Effekt. In Teilen der griechischen Bevölkerung stieß Karystianou rechts der Mitte auf Zustimmung, andere wandten sich ab und wünschten sich die vermeintlich überparteiliche Mutter zurück, die nur Gerechtigkeit für den Tod ihrer Tochter will.
Mit anderen Worten: Karystianou ist angekommen in der politischen Wirklichkeit. Der griechische Regierungssprecher bezichtigte sie, zwischen Allgemeinplätzen, Verschwörungstheorien, rechtsextremer Rhetorik und Populismus zu oszillieren. Das ist natürlich interessengeleitet. Vollkommen abwegig ist es jedoch nicht.
Karystianou muss derzeit lernen, dass die ungebrochene Autorität eines Opferstatus sich nicht unbeschadet aus der aktivistischen in die politische Arena übertragen lässt. Immerhin legen Umfragen nahe, dass die Frau, die aus Trauer und Wut in die Politik geriet, die Demokratie in ihrer Heimat belebt hat. Ein Teil der Bevölkerung, der sich in die scheinbare Bequemlichkeit der politischen Abstinenz zurückgezogen hatte, will an der nächsten Wahl offenbar wieder teilnehmen – und für die zornige Hoffnungspartei stimmen.
