Die Gegenwart ist kompliziert. Kriege, Krisen, wirtschaftliche Unsicherheit und eine permanente Nachrichtenflut prägen den Alltag. Vielleicht liegt genau darin der Schlüssel zu einem Phänomen, das derzeit die Musikbranche beschäftigt: Die Stars der Nullerjahre füllen wieder die großen Hallen – und zwar nicht nur mit Fans, die damals dabei waren.
Die Leinwand fährt hoch. Zum Vorschein kommt ein Mann im roten Satinanzug, den schwarzen Hut tief ins Gesicht gezogen. Er lässt das Mikrofon in seiner Hand rotieren und setzt zur ersten Note an. „I love my baby“, singt R’n’B-Sänger Ne-Yo – und die Fans in der ausverkauften Kölner Lanxess Arena kreischen.
Ära vorbei, Dimension gewachsen
Ne-Yo und Akon sind derzeit gemeinsam auf Tour und lassen mit ihrer Show „Nights like this“ die 2000er und frühen 2010er wieder aufleben. In den vergangenen zwei Jahren waren beide schon solo in Deutschland unterwegs und füllten dabei bereits kleinere Venues: Akon feierte in der Stadthalle Offenbach, Ne-Yo lieferte etwa in der Mitsubishi Electric Hall in Düsseldorf eine durchchoreograierte Show. Nun haben sie ihre Kräfte vereint und die Dimensionen sind gewachsen.
Damit sind die beiden nicht allein. Die Rapper Flo Rida und Pitbull touren auch derzeit durch die Republik. Die Stars der Nullerjahre erleben eine Renaissance. Die Konzerte sind gut besucht, die Fans reisen teils hunderte Kilometer an, und Musik, die lange als Relikt einer vergangenen Ära galt, wird plötzlich wieder zum Massenphänomen. Die Frage ist: Warum?
Nostalgie allein reicht nicht als Erklärung
Die einfachste Antwort lautet: Nostalgie. „Wir wollen unsere Jugend noch einmal aufleben lassen“, sagt Sandra Leschert, Mitte dreißig, die gemeinsam mit ihrer Freundin das Konzert von Ne-Yo und Akon besucht. Songs wie „So Sick“, „Smack That“ oder „Miss Independet“ seien, wie sie sagt, der Soundtrack ihrer Schulzeit gewesen, ihrer ersten Partys, ihrer ersten Beziehungen. Für viele Menschen im Publikum sind diese Songs wohl genau solche Erinnerungsanker.
Nostalgie allein aber erklärt den Boom nicht. Auffällig ist, dass längst nicht nur Millennials die Hallen füllen. Zwischen den Dreißig- und Vierzigjährigen stehen viele andere Menschen. Sie haben die Nullerjahre oft gar nicht bewusst erlebt – und können dennoch jede Zeile mitsingen.
Der Grund dafür liegt in den sozialen Medien. Auf TikTok trenden die Songs der Y2K-Zeit. Kurze Ausschnitte aus Flo Ridas „Low“ oder „Akons Beautiful Day“ werden millionenfach geteilt und in Videos verbaut. Junge Nutzer entdecken die Musik über Trends und Memes – und merken irgendwann, dass die Songs auch unabhängig davon funktionieren.
Vom Internetwitz zum Stadionphänomen
Besonders deutlich wird dieser Mechanismus bei Pitbull. Seine Auftritte sind längst Kult. Tausende Fans erscheinen in schwarzen Sonnenbrillen, weißen Hemden und hautfarbenen Glatzen-Perücken – die sogenannten „Baldies”, eine Community, die ursprünglich aus einem Internetwitz erwuchs und sich mittlerweile zu einem weltweiten Phänomen entwickelt hat. Sie feiern den Rapper mit einer Mischung aus Ironie und echter Begeisterung.
Wer eines dieser Konzerte erlebt, merkt aber schnell: Der Witz ist längst zur Nebensache geworden. Wenn Pitbull „Fireball“, „Hotel Room Service“ oder „Give Me Everything“ anstimmt, feiert die Halle nicht aus Spaß an einem Meme. Sie feiert die Musik.
Ähnlich bei Akon. Als er in Köln ganz in Weiß aus einer Nebelwolke auf die Bühne tritt und „Smack that“ anstimmt, fühlt sich die Arena plötzlich wie eine Zeitkapsel an. Wenig später folgt „Locked up“ und die Zuschauer verwandeln die Halle in einen gigantischen Club.
Viva und MTV bestimmten, was gehört wurde
Wie sehr Ne-Yo und Akon die Ära als Songwriter und Produzenten geprägt haben, zeigen sie bei einem kleinen Spiel. Sie stimmen die einzelnen Songs an und die Menge singt sie weiter. Ne-Yo etwa schrieb Beyoncés „Irreplaceable“, Rihannas „Take a Bow“ und Marios „Let Me Love You“. Akon war als Produzent an Sias „Titanium“ und Lady Gagas „Just Dance“ beteiligt. Sie zeigen, wie groß das Erbe ist, das diese Generation hinterlassen hat.
Anders als heute, wo Algorithmen unzählige Nischen bedienen, existierte damals noch ein gemeinsamer musikalischer Mainstream. Fast jeder kannte dieselben Songs. Fast jeder hörte dieselben Radiosender. Viva und MTV bestimmten, was gehört wurde und schufen damit kollektive Erinnerungen, die eine ganze Generation verbinden.
Dass gleichzeitig auch die Mode der Nullerjahre zurückkehrt, verstärkt den Effekt. Baggy Pants, Crop Tops, Glitzer und Low-Rise-Jeans sind längst wieder Teil des Straßenbilds. Wer auf ein Y2K-Konzert geht, besucht deshalb nicht nur eine Musikveranstaltung – er taucht für einen Abend in eine andere Zeit ein.
„Hier habt ihr die Gelegenheit, für einen Abend zu vergessen, was euch beschäftigt“, sagt Ne-Yo auf der Bühne in Köln. Genau das scheint das Publikum zu suchen. Die Nullerjahre erscheinen rückblickend als vergleichsweise unbeschwerte Zeit – selbst wenn diese Erinnerung oft verklärt ist. Trotzdem besteht die Sehnsucht nach einer Zeit durchzechter Partynächte, in denen Herzschmerz noch das geringst Übel war.
Als Ne-Yo und Akon zum großen Finale mit ihrem gemeinsamen Song „Work hard, play hard“ Rücken an Rücken aus der Bühne emporgefahren werden, löst das noch einen letzten Euphorie-Impuls im Publikum aus. Die Menge schreit, tanzt und feiert einfach. Schön ist eine Nacht wie diese, in der alles leicht wirkt.
