Nach dem teilweise berauschenden 4:1 am Montagabend in der Gruppe A der Nations League gegen die Türkei scheint nicht nur die italienische Nationalmannschaft zu neuem Leben erwacht. Ein ganzes Land schwelgte am Tag danach in süßen Träumen. „Wir waren depressiv und verängstigt, jetzt starten wir neu durch“, frohlockte das nationale Stimmungsbarometer „Gazzetta dello Sport“, plädierte aber gleichzeitig für Mäßigung. Der Sieg sei noch „kein Grund, in irgendwelche Brunnen zu springen“.
Das Gefühl kollektiver Erfolge geht bekanntlich nicht nur Italien ab. Aber die Fußball-Düsternis ist im Land, in dem einmal die Zitronen blühten, besonders finster. So tiefe Dunkelheit bietet Raum für Abgründe, aber eben auch für unerwartete Heldenepen.
Mancini setzt auf „frische Männer“
Wie hatte Mittelfeld-Antreiber Sandro Tonali (Newcastle United) nach der Belgien-Niederlage formuliert? „Macht uns Alten die Vorwürfe und lasst die Jungen in Ruhe!“ Innenverteidiger Alessandro Bastoni, wegen einer frühen roten Karte im entscheidenden WM-Play-off-Spiel gegen Bosnien-Hercegovina als Hauptschuldiger für den neuerlichen Misserfolg ausgemacht, stand erstmals seit der „Schande von Zenica“ wieder in der Nationalelf. Er trägt weiter eine schwere Last. „Die nächsten vier Jahre stehe ich bei den Italienern in der Schuld“, behauptete er nach dem Spiel, obwohl er doch den azurblauen Torreigen selbst früh eröffnet hatte (9. Minute).
Wie die Mannschaft es angestellt hatte, das Dauertief in ein Spektakel zu verwandeln, bleibt ihr Geheimnis. Coach Mancini, regendurchtränkt und jede Art von Kompliment mit misstrauischem Blick begegnend, erklärte den Wandel lakonisch: „Es standen frische Männer auf dem Platz, und die haben ihre Sache gut gemacht.“ Mancini selbst gilt ja als Mitschuldiger des Niedergangs. Zwar führte er die Azzurri 2021 spektakulär zum EM-Titel, verließ aber nach der zweiten verpassten WM das sinkende Schiff, um als Nationaltrainer bei Saudi-Arabien anzuheuern. Verzeihbar ist das eigentlich nur, wenn Mancini Italien 2030 endlich wieder zur WM führt.
In Klopp’scher Manier hatte der Einundsechzigjährige im Vergleich zum Belgienspiel acht neue Spieler in die Startelf gebracht. Einen davon wird man in Italien so schnell nicht vergessen: Michael Kayode, ein Zweiundzwanzigjähriger mit heruntergelassenen Stutzen und Schlendergang, im Alter von 14 Jahren kehrte er Juventus Turin den Rücken, versuchte sich in der vierten Liga und überzeugt heute als Rechtsverteidiger beim FC Brentford, dem Tabellenvierten der Premier League. Kayode, gebürtig im Piemont, war bei seinem Debüt eindeutig bester Mann auf dem Platz. Für La Repubblica ist er „der erste Baustein der neuen Ära“.
Eine wunderbare Ballstafette schoss der aufgerückte Verteidiger in der 22. Minute aufs Tor, den Abpraller staubte Davide Frattesi (Lazio Rom) zum 2:0 ab. Das 3:0 erzielte Kayode nach ähnlicher Entstehung selbst (27. Minute). Seine Vorstellung erinnerte in Zügen an die EM 2021, als Mancini seinen damaligen Linksverteidiger Leonardo Spinazzola bei Ballbesitz zu einem fünften Angreifer und damit einer Art Geheimwaffe gemacht hatte. „Wer verdrängt ihn da jetzt noch?“, fragte der „Corriere della Sera“.
Neben Kayode ragte der einundzwanzigjährige Stürmer Pio Esposito (Inter Mailand) heraus, der das 1:4 erzielte (50. Minute) und erstmals zusammen mit seinem Bruder Sebastiano (Cagliari Calcio) in der Nationalelf auflief. Auch Atalanta Bergamos Giacomo Raspadori war einer derjenigen, der Mancinis Credo eines technisch versierten, engagierten und überlegenen Ballbesitzfußballs am besten verkörperte.
Von „Erlösung“ schrieb die „Gazzetta“, ja gar von „Magie“. Die türkische Nacht sei „bellissima“ gewesen. Für einen Italiener auf dem Platz galt das gewiss nicht. Türkei-Trainer Vincenzo Montella musste sich beim Stand von 0:3 Rücktritts-Chöre der türkischen Fans anhören. Nach persönlichen Anfeindungen durch Fans verließ Verbandschef İbrahim Hacıosmanoğlu zur Halbzeit das Stadion in Bursa. Die Depression herrscht nun in der Türkei. Ob das italienische Hoch anhält, wird sich am Freitag (20.45 Uhr) zeigen. Da trifft Mancinis Mannschaft in Paris auf Frankreich.
