Es ist eine Stelle im dritten Akt, die Nathalie Stutzmann besonders bewegt. Da wenden sich die Frauen Roms, „sich auf die Knie senkend“, an die heilige Jungfrau, um Schutz für ihre Söhne zu erflehen. Der fast kirchenmusikalische Ton dieses emotionalen, aber zugleich kraftvollen Gebets wird dabei von den martialischen Blechbläsern überlagert, die den nahenden Krieg ankündigen. Dass Wagners „Rienzi“ eine Oper „für den Frieden“ ist, steht für die Dirigentin außer Frage. Daran ändere auch Hitlers angebliche Begeisterung für das Stück nichts. Wenn sie das aufwendige Spektakel bei den 150. Festspielen in Bayreuth, wo es bisher nie zu hören war, leiten wird, möchte Stutzmann besonders die Nähe zum Belcanto, zu Bellini hörbar machen, für den Wagner sich begeisterte, als er in den späten 1830er-Jahren begann, seine „große tragische Oper in 5 Aufzügen“ auszuarbeiten. Leicht soll das klingen, leicht und schlank und farbenreich, nicht dick und plump.
Bei dieser Arbeit profitiert Nathalie Stutzmann von einer jahrzehntelangen Erfahrung als Sängerin. Als Tochter zweier Musiker 1965 in der Nähe von Paris geboren, war sie seit jeher von Musik umgeben. Sie studierte Fagott, Klavier und Cello – und natürlich Gesang, zunächst bei ihrer Mutter, später auch bei Hans Hotter. Ihr Debüt gab sie 1985, und bald schon arbeitete sie mit berühmten Orchestern und Dirigenten zusammen. Mehr als 80 Einspielungen dokumentieren ihre beeindruckende, internationale Karriere als Solistin: Mit John Eliot Gardiner und Ton Koopman entstanden große Bach-Aufnahmen. Als Liedsängerin wurde sie für herrliche Interpretationen (etwa von Schumann oder Brahms) von der Kritik ausgezeichnet, die ihre Stimme, einen echten Kontra-Alt, als „ausdrucksstark“, „warm“, „dunkel“ oder „samten“ beschrieb.
Vielleicht ist es kein Zufall, dass die Konzert- und Opernaufführungen, die sie seit mehr als 15 Jahren als Dirigentin verantwortet, oft mit den gleichen Vokabeln charakterisiert werden, schwebt ihr als Ideal doch ein Orchesterklang vor, der „atmet“ und „singt“. Daran arbeitet sie nach Dirigierstudien bei Jorma Panula kontinuierlich, zunächst mit einem eigenen Orchester, dann als Gastdirigentin in Dublin und immer wieder in den USA.
Natürlich sei es wichtig, mit den Musikern zu sprechen, um die eigene Klangvorstellung zu klären und sich in bestimmten Fragen abzustimmen. Aber viel wichtiger sei das, was ohne Worte passiert: „Jede Geste, jeder Ausdruck des Gesichts, jede Bewegung der Hand formt den Klang.“ Stutzmann beschreibt das Dirigieren als etwas, das ganz aus dem Instinkt heraus geschieht: Der Körper vermittelt, was die Seele bewegt. Zu viele Markierungen in den Noten zu Tempi oder Phrasierung stören sie eher, weil der Fluss der Musik etwas sein sollte, das sich organisch im Moment entwickelt. Dabei muss eine möglichst genaue Probenarbeit den Musikern zunächst das Gefühl der Sicherheit vermitteln, um so „die Tür zur Freiheit zu öffnen“. Was Nathalie Stutzmann anstrebt, ist jene heikle, jederzeit gefährdete Balance zwischen Sicherheit und Risiko, nicht kühler Perfektionismus. Denn „am Rande der Katastrophe, da entsteht Magie“,
Dass sie entsteht, belegen die hymnischen Rezensionen. Ihr Debüt an der New Yorker Met 2023 wurde als „splashy“ und „excellent“ charakterisiert, ein Konzert in San Francisco als „dazzling“ gerühmt. Spätestens seit ihrem international gefeierten „Tannhäuser“ in Bayreuth (ebenfalls 2023) gehört sie zu den gefragtesten Dirigenten unserer Zeit. Doch gerade aus Atlanta, wo sie seit 2022 Musikdirektorin des Symphony Orchestra ist, hört man immer wieder kritische Stimmen – und das nicht nur in Fragen der Interpretation, sondern auch, was ihren Führungsstil anbelangt.
Zuweilen scheint die Wärme des Orchesterklanges nicht unbedingt ein Resultat menschlicher Wärme im Umgang mit den Musikern zu sein, die ihn entstehen lassen. Zu Spannungen kam es auch in New York, weil die Dirigentin in einem Interview die Tätigkeit der Orchestermusiker tief unten im Graben als „boring“ bezeichnet hatte. Und in München, wo sie im Februar dieses Jahres einen hervorragenden „Faust“ an der Bayerischen Staatsoper dirigierte, soll das Arbeitsklima auch nicht das beste gewesen sein.
Dabei glaubt Stutzmann gar nicht, dass alle Dirigenten eigentlich „verkappte Diktatoren“ seien, wie der alte Celibidache einmal gesagt haben soll. „Die besten Musiker“, sagt sie im zugewandten Gespräch, „sind zugleich die bescheidensten, diejenigen, die der Musik dienen, nicht dem eigenen Ego, die einfachen, nicht die arroganten Menschen.“ Auf dem Grünen Hügel seien die Proben mit dem Orchester zu „Rienzi“ phantastisch gewesen: harte Arbeit natürlich, zumal keiner der Musiker aus dem großartigen Festspielorchester Erfahrung mit dieser Partitur habe, aber auch „eine große Freude“, eben weil es keine zementierte Aufführungstradition gibt und die Musik deshalb ganz frisch und neu gemeinsam gestaltet werden konnte. So könnte, wenn sich am 26. Juli im Festspielhaus der Vorhang hebt, wieder einmal jene Magie am Rande der Katastrophe entstehen, für die Stutzmann beim Publikum geliebt und von der Kritik gerühmt wird.
