Es hätte ja auch anders kommen können. Er hätte entdeckt werden und als Genie gefeiert werden können, wahrscheinlich wäre er etwas zu jung für all das gewesen, zumal es ja auch Drogen und Alkohol gegeben hätte. Man kann sich vorstellen, wie die Sache dann ausgegangen wäre, weil man solchen Geschichten in der Musikwelt in regelmäßigen Abständen beiwohnt.
Es kam aber so: Nate Amos schrieb Songs, die kaum jemand hörte. Er schrieb andauernd, Tausende, wie ein Besessener. Einige davon findet man auf Bandcamp – einer Plattform, auf der Künstlerinnen und Künstler ihre Musik ohne Label veröffentlichen können. Dort lud Amos jahrelang unter dem Projektnamen This is Lorelei in einem atemlosen Tempo hoch, was er in seinem Schlafzimmer in Chicago aufnahm. Es sind tagebuchartige Sammlungen, ungefilterte Momentaufnahmen seiner Zwanziger. Manche Veröffentlichungen sind nur mit einer Zahl und einem Datum betitelt. #20. #31. #32. Die Cover oft Handyfotos.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Sie fanden nie das große Publikum. Amos machte auch noch andere Musik, vor allem mit dem verschrobenen Art-Rock-Duo Water from Your Eyes, das einige von der Kritik gelobte Alben veröffentlichte. This is Lorelei aber blieb sein musikalisches Refugium.
Es gibt viele Interviews, in denen Nate Amos diese eine Geschichte erzählt. Wie er sich im Sommer 2019 in den Pop-Punk-Hit „All The Small Things“ von Blink 182 verliebte. Wie er ihn immer und immer wieder hörte, wochenlang, bis sein Mitbewohner anfing, sich Sorgen um ihn zu machen. Amos beschloss: Das ist ein perfekter Song. Weil sich nichts hinzufügen oder wegnehmen lässt. Weil er in jeder Version gut klingt. Weil er so einfach ist. Er wollte herausfinden, wie das sein würde: sich an die bestmögliche Version seiner eigenen Songs zu wagen.
2024 erschien „Box for Buddy, Box for Star“. Es war This is Loreleis 67. Veröffentlichung. Das erste Mal aber als richtiges Album mit Label im Hintergrund. Über zehn Jahre hatte es bis dahin gedauert, er war nun Anfang 30.
Es wurde nicht nur ein sehr gutes, sondern auch ein unerwartet erfolgreiches Album, auf das eine Deluxe-, dann eine Super-Deluxe-Version folgten. Auch weil die Songs darauf von prominenten Indie-Größen wie Cameron Winter von Geese, Wilcos Frontmann Jeff Tweedy und Paramore-Sängerin Hayley Williams gecovert wurden. „Alle wollen Nate Amos’ Songs spielen“ betitelte die „New York Times“ ein Porträt über ihn. Er war innerhalb kürzester Zeit zum Lieblingsmusiker einiger großer Lieblingsmusiker geworden. Ein „generational songwriting talent“ nannte ihn die Kritik. Einen „wahnsinnigen Pop-Wissenschaftler“. Einen „Millennial-Paul-McCartney“.
„Ich war davon wahnsinnig überrascht“, sagt Nate Amos. Er hat sich aus Brooklyn, wo er lebt, zum Gespräch zugeschaltet, trinkt Monster Energy, zieht zwischendurch an einer Vape. Ein Teil von ihm, erzählt er, sei erleichtert gewesen. Dass das noch mal richtig was wird mit der Musik, „thank god“. Der andere Teil aber habe Angst bekommen. „Dass ich mir meine kleine Nische kaputtgemacht habe. Dass ich dafür einfach nicht gemacht bin.“ Am meisten Sorgen habe er sich um sein Songwriting gemacht.
Nate Amos wächst im Osten der USA auf. Sein Vater ist Bluegrass-Musiker, mit ihm teilt er die Liebe für die Beatles. Als Kind, sagt Amos, sei Musik wie ein Gott für ihn gewesen. Er habe sich nie vorstellen können, etwas anderes zu tun. Keinen Plan B gehabt. Als junger Erwachsener zieht er nach Chicago, dann nach New York. Spielt in wechselnden Bands. This is Lorelei bleibt seine Konstante. Eigentlich, sagt er, habe er schon immer Musik geschrieben, weil es ihm Spaß mache. So einfach. So kompliziert, wenn es plötzlich anderen gefallen soll.
Jahrelange Drogenprobleme
Dieser Tage erscheint das zweite This-is-Lorelei-Album, das den Namen „The Singer In My Band“ trägt. Bekanntlich ist das eine schwierige Sache mit dem Nachfolgewerk, wenn das Debüt erfolgreich war. Für Amos bedeutete es das erste Mal, Songs in der sicheren Gewissheit zu schreiben: Die werden nicht verschluckt. Die werden sich jetzt Leute anhören. Die werden bleiben.
Dabei gab es mal eine Zeit, da habe er darüber nachgedacht, das Musikmachen aufzugeben. „Aus demselben Grund, aus dem ich viele Dinge aufgeben wollte“, sagt er. Amos spricht in Interviews offen von seinen jahrelangen Drogen- und Alkoholproblemen. Es sind die Jahre, in denen der Großteil seines Werkes entstand. Nicht nur in einem metaphorischen, sondern im tatsächlichen Rausch. „Damals hatte ich noch nicht verstanden, dass ich nicht die Musik aufgeben muss. Sondern einfach nüchtern werden.“
Er wurde nüchtern. Die Songs auf „Box for Buddy, Box for Star“ sind die ersten, die er ohne Einfluss von mehr als Nikotin und Koffein schrieb. Sie leben von diffusen Erzählungen über Liebe, Sucht und manchmal beidem, in denen schmerzhafte Zeilen so beiläufig und ohne Pathos gesungen werden, dass man sie leicht verpassen konnte. Aber wenn man sie erwischte, dann blieben sie bei einem, weil es anders gar nicht geht. Im schmerzhaft-schönen „Where’s Your Love Now“ heißt es: „You left me to drink, I thought I’d die in my sleep“. Und dann: „I’m gonna let me be angry, cause I tried to be fine for too damn long“.
Zwei Dinge, meint Nate Amos, hätten ihn im Schreibprozess des zweiten Albums beschäftigt. Zum einen habe er sich dem Gefühl widersetzen wollen, jetzt nur noch „gute“ Songs schreiben zu dürfen. Aber wenn mehr Leute zuhören, habe man doch eine größere Verantwortung für das, was man in die Welt lasse. „Ich habe die Texte langsamer geschrieben, fast aus einer paranoiden Angst heraus, etwas zu sagen, das ich später bereuen könnte“, sagt Amos. Und ja, auch, weil er jetzt etwas schreiben muss, das ihm sechs Monate später noch gefällt.
Ein großes Versteckspiel
„The Singer In My Band“ klingt deshalb anders, dichter, konzentriert. Amos sagt, in jedem einzelnen Song stecke mehr Arbeit als in ganzen Alben, die er früher veröffentlichte. Man hört es ihnen an. Es sind fast klassisch gewebte Bluegrass-Songs, Kurzgeschichten, die sich einem doch entziehen, wenn man gerade denkt, sie verstanden zu haben. Die direkten Ansprachen weichen Personifizierungen: Man lernt auf diesem Album Joey, Billy, Sarah und den schon auf vorherigen Aufnahmen allgegenwärtigen Buddy kennen. Sie sind alles und niemand. Er wolle, dass sich seine Zuhörenden in diesen Liedern selbst entdeckten, sagt Amos. Es ist ein Album wie ein großes Versteckspiel. Ein bisschen, wie es This is Lorelei schon immer gehandhabt hat. Nur, dass er selbst jetzt nicht mehr versteckt ist.
Hätte er sich gewünscht, schon früher gefunden zu werden? Gesehen zu werden, wie er es jetzt wird? Nate Amos schüttelt den Kopf. „Ich bin dankbar, dass ich so viel Zeit hatte, mein Handwerk im Schatten zu schärfen“, sagt er. Hätte er in seinen frühen Zwanzigern Erfolg gehabt, ewig die Songs spielen müssen, die er damals schrieb – „ich glaube, mir würde es jetzt furchtbar gehen“.
Nur manchmal überlegt er, wieder Musik unter einem anderen Namen zu veröffentlichen. Ein neues geheimes Projekt, zurück im Schatten. Da war es ja auch schön.
