
Nach dem großen Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt Anfang September blickten internationale Medien am Sonntag abermals nach Deutschland. Und nicht nur Bundeskanzler Friedrich Merz, seine CDU und die AfD rückten dabei in den Blick, sondern auch der Erfolg der linken Spitzenkandidatin Elif Eralp in Berlin.
In der Türkei, dem Heimatland ihrer Eltern, titelte der Fernsehsender Halk TV: „Historisches Ergebnis in Deutschland: In Berlin geht der Sieg an die Partei der türkeistämmigen Bürgermeister-Kandidatin Elif Eralp.“ Die Tageszeitung Sözcü schrieb: „Türkische Kandidatin sprengt die Urnen; die Deutschen sagten ‚Elif‘!“
Eralps Eltern flohen nach dem Militärputsch nach Deutschland
Eralp selbst hatte in ihrer Rede direkt nach der ersten Prognose am Abend auf Türkisch gesagt: „Wir haben Geschichte geschrieben, Freunde.“ Eralp wäre nicht nur erste linke Berliner Regierungschefin, sondern auch die erste mit Migrationshintergrund. Eralps Eltern flohen als Sozialisten und Gewerkschafter nach dem Militärputsch aus der Türkei, ihre Mutter war damals mit ihr schwanger. Geboren wurde Eralp dann 1981 in München.
Die türkische Medienplattform Serbestiyet schrieb am Abend: „Die Tochter einer Familie, die nach dem Putsch vom 12. September floh, steht in Berlin kurz vor dem Amt der Regierenden.“
Die französische Zeitung „Libération“ fragte: „Kann Merz nach dem Erdbeben in Sachsen-Anhalt am 6. September das Nachbeben dieses Wochenendes überleben?“ Sie schreibt weiter: „Ein ‚Desaster‘ laut Merz selbst, der kurz das Wort ergriffen hat. Er will von einem Rücktritt nichts hören und sieht vor, seine Reformen durchzusetzen, die genauso unbeliebt sind wie er. (…) Dabei glaubt niemand, dass er sich bis zum Ende seiner Amtszeit halten kann. Am Ende könnte Merz von mangelndem Verlangen nach dem Job gerettet werden. Man drängelt sich nicht, um seine ‚Reformen des Sozialstaats‘ durchzusetzen. Kanzler Deutschlands zu sein kommt derzeit einem angekündigten Selbstmord gleich.“
Die britische Zeitung „The Telegraph“ geht auf Merz’ schlechte Beliebtheitswerte ein: „Der mitte-rechts stehende CDU-Vorsitzende ist wegen seines Versagens, die angeschlagene deutsche Wirtschaft zu reformieren und den Aufstieg der AfD einzudämmen, unter Rücktrittsdruck geraten. Mit einer Zustimmungsquote von nur 10 Prozent ist er bei den Wählern und seinen eigenen Parteimitgliedern, die ihn als realitätsfern, unsensibel und arrogant bezeichnen, äußerst unbeliebt.“
Die britische „Sunday Times“ sieht Merz „mit dem Rücken zur Wand“, vermutet aber, er könnte mangels eines klaren Rivalen überleben. „Friedrich Merz, Deutschlands angeschlagener Bundeskanzler, hat in der Politik nur eine Handvoll unerschütterlich loyaler Freunde, und der loyalste unter ihnen ist Thorsten Frei, seine rechte Hand im Bundestag. Seit zwei Wochen verbreitet der besonnene Jurist aus dem Schwarzwald unermüdlich, dass sein Chef die Krise überstehen werde und ein Führungswechsel genau das Letzte sei, was das Land derzeit brauche.“ Die vorherrschende Meinung in Berlin sei es aber, dass das verzweifelt wirke, „die letzte Verteidigungslinie für einen Kanzler, dem Energie, Ideen und Unterstützer ausgegangen sind“.
„Die Architektin des Comebacks ist eine Frau“
Die italienische Zeitung „La Stampa“ geht auf das Ergebnis der SPD in Mecklenburg-Vorpommern ein: „Die Architektin des beeindruckenden Comebacks in Mecklenburg-Vorpommern ist eine Frau – eine weitere standhafte Stütze gegen die nationalistische Rechte, die in Deutschland ebenfalls von den Stimmen verärgerter Männer profitiert und deren Aufstieg die Umfragen bis vor kurzem nicht auf dem Radar hatten. Manuela Schwesig, von ihren CDU-Gegnern ‚Küsten-Barbie‘ genannt, zerlegte Tag für Tag die fadenscheinigen Wirtschaftskonzepte ihrer AfD-Konkurrenten.“
Weiter heißt es in der Zeitung: „Während die SPD in den Abgrund stürzte, der die europäischen Massenparteien verschlingt, hat sich Schwesig einen Ruf erarbeitet, der mittlerweile fast schon in blindes Vertrauen umschlägt – so sehr, dass manche sie sich als Kanzlerkandidatin der SPD erträumen.“
Auf Merz’ früheres Versprechen, die AfD zu halbieren, geht die polnische „Gazeta Wyborcza“ ein: „Die Deutschen verfolgen die Wahlen in beiden Bundesländern mit großer Aufmerksamkeit, weil nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt, wo die CDU eine enorme Niederlage erlitt, die weitere Kanzlerschaft von Merz in Frage gestellt wurde. Als er die Führung der CDU übernahm, hatte Merz versprochen, dass er die Unterstützung für die AfD halbieren würde. Heute wird ihm vorgeworfen, dass er zum Wachsen ihrer Popularität beigetragen hat.“
