
Die ersehnte Frühjahrsbelebung am deutschen Arbeitsmarkt war auch im April zu schwach, um die Zahl der Arbeitslosen wieder unter die Schwelle von drei Millionen zu drücken. Zugleich nimmt die Zahl der Beschäftigten unter dem Druck der andauernden Wirtschaftsschwäche weiter ab. „Die Lage bleibt weiterhin angespannt“, fasste die Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, Andrea Nahles, ihren neuen Monatsbericht am Donnerstag zusammen.
Im abgelaufenen Monat waren bei den Arbeitsagenturen insgesamt 3,01 Millionen Menschen als arbeitslos registriert. Das waren zwar rund 13.000 weniger als im März. In früheren Jahren aber war die Arbeitslosigkeit von März auf April oft um mehr als 70.000 gesunken. Typischerweise wächst mit dem freundlicheren Wetter im Frühling vor allem die Nachfrage nach Personal in sogenannten Außenberufen, ob Bau oder Gastgewerbe. Dem steht aber eine sich seit gut drei Jahren insgesamt verschlechternde Lage am Arbeitsmarkt gegenüber. Bereinigt um jahreszeitliche Einflüsse hat sich die Arbeitslosigkeit von März auf April um 20.000 erhöht.
Verglichen mit dem Vorjahresmonat, also April 2025, ist die Zahl um 77.000 gestiegen. Damit schwinden zugleich Hoffnungen, dass die Arbeitslosigkeit bald ihren Gipfel überschreiten wird. In jüngerer Zeit hatte sich dieser Anstieg im Vergleich zum jeweiligen Vorjahresmonat Schritt für Schritt verlangsamt. Im April war er aber wieder stärker als im März.
Zahl der Erwerbstätigen sinkt um 182.000
Das Bundesarbeitsministerium führte die Eintrübung am Donnerstag auf die verschlechterte Weltlage zurück. „Die wirtschaftlichen Auswirkungen des Irankriegs stehen einer möglichen Erholung der Konjunktur und einer Trendwende am schwachen Arbeitsmarkt entgegen“, teilte es mit. Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) versprach aber, dass die Regierung „entschlossen dagegenhalten“ werde. Die Regierung stehe „an der Seite der Wirtschaft und der Beschäftigten, um Wachstum zu schaffen und Arbeitsplätze zu sichern“, erklärte Bas.
Die Zahl der Beschäftigten in Deutschland ist zu Jahresbeginn weiter gesunken. Die derzeit jüngsten Daten liefern den Stand für Januar. Sie weisen aus, dass 34,98 Millionen Menschen eine sozialversicherungspflichtige Stelle hatten, 99.000 weniger als ein Jahr zuvor. Die Zahl der Erwerbstätigen, die neben Beamten und Minijobbern auch Selbständige umfasst, sank im Vergleich zum Vorjahresmonat um 182.000 auf 45,7 Millionen. Diese Daten beziehen sich auf Februar.
Industrie, Zeitarbeit und Bau auf Schrumpfkurs
Besonders ungünstig ist die Entwicklung in der Privatwirtschaft und dort vor allem in der Industrie. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe sank im Vergleich zum Vorjahresmonat um fast 180.000. Weitere 40.000 Stellen fielen in der Zeitarbeitsbranche weg; für sie ist die Industrie der wichtigste Auftraggeber. Außerdem sank die Beschäftigung im Baugewerbe. Letzteres könnte teilweise auch daran liegen, dass dieses Jahr die Wetterbedingungen besonders ungünstig waren.
Dem Personalabbau in der Privatwirtschaft steht zwar ein weiterhin kräftiger Personalaufbau im öffentlichen Sektor gegenüber. Allerdings reicht dieser seit einigen Monaten nicht mehr aus, um die negative Entwicklung auszugleichen. Die Zahl der Beschäftigten im öffentlichen Dienst sowie im Gesundheits- und Sozialwesen steigt um 150.000 im Vergleich zum Vorjahr.
DGB fordert leichteren Zugang zu Kurzarbeitergeld
Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) nahm die Zahlen am Donnerstag zum Anlass, um vor Einschnitten ins Sozialsystem zu warnen. „Sozialabbau schafft keinen einzigen Job“, erklärte DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel. Sie forderte, für Unternehmen und Beschäftigte unter anderem den Zugang zu Kurzarbeitergeld der Arbeitslosenversicherung zu erleichtern, ähnlich wie dies in der Corona-Krise gelungen sei. Dies sei nötig, „damit Beschäftigung auch dann schnell gesichert werden kann, wenn die Folgen des Nahostkriegs unseren Arbeitsmarkt erreichen“, sagte Piel.
Die Bundesagentur rechnet auch ohne ein solches Ausweiten von Leistungen mit wachsenden Finanzlücken in ihrem Etat, weil die Ausgaben für Arbeitslosengeld steigen. In ihrer Haushaltsplanung von November hatte sie für 2026 noch mit einem Defizit von knapp vier Milliarden Euro gerechnet, gestützt auf die Erwartung, dass es im Jahresdurchschnitt 2,9 Millionen Arbeitslose geben werde. Mit ihren jüngsten Konjunktureckwerten geht die Bundesregierung jedoch inzwischen von 2,978 Millionen aus.
Erhöhte Arbeitslosigkeit reißt Löcher in die Finanzplanung
„Das ist natürlich kostensteigernd“, sagte Nahles. „Die Ausgaben für Arbeitslosengeld steigen und dadurch auch unser Defizit.“ In der Folge wird die Beitragskasse mehr Finanzhilfe des Bundes brauchen. Schon im vergangenen Jahr hatte sie ein Darlehen aus dem Bundeshaushalt benötigt, um ihre Finanzlücke zu schließen. Ihre zuvor aufgebauten Finanzrücklagen hatte sie in den Vorjahren aufgebraucht, um Defizite auszugleichen.
Für 2027 hatte die Bundesagentur ursprünglich erwartet, im Zuge des erhofften Aufschwungs ohne weitere Finanzhilfen auszukommen. Doch die neuen Haushaltseckwerte der Bundesregierung sehen nun für kommendes Jahr ein zusätzliches Darlehen von bis zwei Milliarden Euro an die Bundesagentur vor.
Ohne diese Finanzhilfen hätte die Regierung den Beitragssatz zur Arbeitslosenversicherung von derzeit 2,6 Prozent des Bruttolohns schon 2025 erhöhen müssen. Falls sie auf einer Rückzahlung der Darlehen besteht, wird der Beitragssatz allerdings zu einem späteren Zeitpunkt steigen müssen. „Die Situation ist für uns ungemütlicher geworden“, sagte Nahles.
