
Der Technologie- und Plattformkonzern Amazon hat große Pläne für Maintal: Sein Tochterunternehmen Amazon Web Services (AWS) will in einem Gewerbegebiet an der Grenze zu Frankfurt ein Rechenzentrum bauen und betreiben. Obwohl das Projekt noch in einem frühen Planungsstadium ist, hat der Konzern schon jetzt einen „Infomarkt“ in der Stadt ausgerichtet, die erste Veranstaltung dieser Art in Deutschland. Die Werbung hat ihren Grund. Rechenzentren sind in Maintal umstritten, wie der Widerstand gegen eine Anlage des Betreibers Edgeconnex, geplant am anderen Ende der Stadt, zeigt. Aber die wichtigste Kritik am Edgeconnex-Projekt hat AWS schon ausgeräumt: Das Rechenzentrum wird über das Netz mit Strom versorgt, die nötige Kapazität hat sich AWS schon vertraglich gesichert. Ein zusätzliches Kraftwerk wird daher nicht benötigt.
Erst Baumschule, dann Logistik, jetzt Server
Bauen will AWS auf einem Gelände im Gewerbegebiet West, das es von der Frankfurter Stiftung Hospital zum Heiligen Geist erworben hat. Früher betrieb die Stadt Frankfurt dort eine Baumschule, dann nutzte der Logistiker DHL das Areal bis 2022. Später ging dem Paketdienstleister dort der Platz aus, er wechselte auf ein größeres Gelände auf einem ehemaligen Fliegerhorst im nahen Erlensee. 10,6 Hektar ist das Gelände in Maintal groß, auf dem neben den zwei Gebäuden für die Server unter anderem auch Büros und ein neues Umspannwerk Platz finden sollen.
Bei anderen Details hält sich AWS bedeckt: Für welche Leistung die neue Anlage ausgelegt ist, das wird nicht verraten. Auch die Zahl der Arbeitsplätze, die in dem Rechenzentrum entstehen werden, benennt das Unternehmen nicht exakt. Es gibt aber immerhin eine Schätzung ab: Etwa 100 Menschen fänden in einer Anlage dieser Größe eine Stelle, heißt es. Auch die Kosten der Investition in Maintal behält AWS für sich. Nur so viel: Für 2024 bis 2026 fließen laut AWS 8,8 Milliarden Euro in die Region Frankfurt, die in der Zuteilung des Unternehmens aber ganz Hessen umfasst.
Der Strom kommt aus dem Netz
Das Vorhaben von AWS ist in Maintal weit weniger umstritten als die Pläne des Betreibers Edgeconnex im Stadtteil Dörnigheim. Der Widerstand in der Bürgerschaft richtet sich dabei weniger gegen die Server im Gewerbegebiet als deren Stromversorgung. Da es bis Mitte des nächsten Jahrzehnts keine ausreichende Netzanbindung gibt, soll auf dem ehemaligen Honeywell-Gelände ein eigenes Gaskraftwerk gebaut werden. Das aber, so sagen die Kritiker, verursache für Maintal viel zu hohe Kohlenstoffdioxid-Emissionen. Zudem stehe das Kraftwerk zu nahe an Wohnhäusern im Stadtteil Dörnigheim. Für das AWS-Projekt spielen solche Sorgen keine Rolle, die Stromversorgung wird über das Netz erfolgen, die nötigen Verträge sind geschlossen.
Tatsächlich ist die Energieversorgung für AWS eines der entscheidenden Kriterien für den Standort neuer Rechenzentren, für Maintal spricht auch die Nähe zum weltgrößten Internetknoten im benachbarten Frankfurt. Zudem verweist der Konzern auch darauf, dass er mit seinem Projekt in ein bestehendes Gewerbegebiet zieht, also keine neuen Flächen versiegelt werden. Ohnehin wirbt Thomas Blood, der bei AWS den Titel eines Principal Solutions Architect trägt, mit der Nachhaltigkeit des Vorhabens. Beispiel Energieeffizienz: Die bestimmt sich bei Rechenzentren durch das Verhältnis vom Gesamtverbrauch der Einrichtung zur tatsächlich von Servern und Speichermedien benötigten Energie. Diese Relation liege bei Amazon schon bei 1,15. Das ist ein hervorragender Wert, denn das rechnerisch mögliche, technisch aber nicht machbare Optimum läge bei einer glatten Eins.
Folgt man Blood, werde die Kühlung der Anlage weniger Wasser verbrauchen, als viele befürchteten. 95 Prozent der Betriebszeit könne man eine solche Anlage durch die Umluft kühlen, und den Wasserverbrauch für die verbleibenden sehr heißen Tage könne man zu 93 Prozent aus gespeichertem Regenwasser bestreiten. Auch beim Wassereinsatz erreiche man bei den Anlagen von AWS ein sehr gutes Ergebnis: 0,125 Liter benötige man pro Kilowattstunde Strom im Rechenzentrum, sagt Blood, während der Durchschnittswert 0,8 Liter pro Kilowattstunde betrage.
Auch um die Pläne von Amazon hatte es Streit in der Kommunalpolitik gegeben, allerdings aus anderen Gründen. Denn Maintal besaß für das Grundstück im Westen des Stadtteils Bischofsheim ein Vorkaufsrecht, von dem die Stadt aber keinen Gebrauch machte. Die parteilose Bürgermeisterin Monika Böttcher machte für diese Entscheidungen rechtliche Erwägungen geltend: Das Vorkaufsrecht sei nicht durchsetzbar. Denn der gebotene Preis für das sechs Hektar große Areal liege um ein Vielfaches über den rund neun Millionen Euro, die die Stadt hätte bieten können. Dafür handelte sich Böttcher heftige Kritik in der Stadtverordnetenversammlung ein, die sich aber weniger gegen das Ergebnis als gegen das Vorgehen der Bürgermeisterin richtete. Statt die Stadtverordneten über den Sachverhalt zu informieren, habe sie eine einsame Entscheidung getroffen, lautete der Vorwurf.
