
Murat Taylan war gerade dabei, die Hauptnachrichten auf Tele 1 zu moderieren, als er live auf Sendung die Anweisung bekam, die Abwicklung seines Senders bekannt zu geben. „Von diesem Moment an, so scheint es, werden Sie, liebe Zuschauer, auf den Bildschirmen von Tele 1 eine Übertragung unter Treuhandaufsicht sehen“, sagte der türkische Moderator sichtbar irritiert. Am Ende fügte er noch hinzu: „Passen Sie auf sich auf, und glauben Sie keinen Lügen.“
Es war das Ende eines der letzten noch verbliebenen regierungskritischen Fernsehsender der Türkei. Am Morgen des 24. Oktober 2025 war der Chefredakteur Merdan Yanardağ festgenommen worden. Am Abend übernahmen Zwangsverwalter in Begleitung von Polizisten den Tele-1-Hauptsitz in Istanbul. In gut zwei Wochen soll der Sender versteigert werden. Niemand wird sich wundern, wenn ein regierungsnaher Geschäftsmann den Zuschlag bekommt.
Aber das Team von Tele 1 sendet weiter. Nicht mehr auf der alten Fernsehfrequenz. Sondern auf Youtube. Sie nennen sich jetzt Tele 2. Der Name ist die Botschaft. „Wir wollen nicht, dass die Gegenseite denkt, wir seien am Ende“, sagt Murat Taylan in den neuen provisorischen Büroräumen, die sie sich mit einem oppositionellen Radiosender teilen. „Wenn nötig, werden wir bis Tele 99 weitermachen.“
Der Chefredakteur war schon viermal im Gefängnis
Die Geschichte von Tele 1 ist wie eine Parabel für das fortschreitende Abgleiten der Türkei in die Autokratie. Sie zeigt die Mechanismen der Repression, die man in diesen Tagen auch im Umgang mit der Oppositionspartei CHP sehen kann. Die Gründung von Tele 2 zeigt aber auch, dass es trotz allem noch Leute gibt, die sich der Einschüchterung widersetzen. Allerdings werden es immer weniger.
Der inhaftierte Chefredakteur Merdan Yanardağ ist so einer. Viermal war er schon im Gefängnis. Aktuell ist er zusammen mit dem abgesetzten Oberbürgermeister von Istanbul, Ekrem İmamoğlu, wegen angeblicher Spionage angeklagt. Die Beweislage? 2023 antwortete er auf eine Textnachricht eines Mannes, der angeblich Kontakte zu Geheimdiensten haben soll. Zu welchen, weiß man nicht. Derselbe Mann wurde 2019 mit İmamoğlu fotografiert. Daraus konstruiert die Staatsanwaltschaft den Vorwurf: Yanardağ habe İmamoğlu mit seinem Fernsehsender 2019 zum Wahlsieg bei der Bürgermeisterwahl verholfen. Klingt wirr? Ist es auch.
Mit derselben Begründung wurde Tele 1 beschlagnahmt, obwohl im Handelsregister Yanardağs Sohn als Inhaber eingetragen ist. Das Medienunternehmen hat dagegen Berufung beim Verfassungsgericht eingelegt. Obwohl noch kein Urteil vorliegt, werden im Juni die Lizenz, die Frequenz und die technische Ausrüstung meistbietend versteigert. Nur die Schulden blieben dem Unternehmen erhalten, sagt Murat Taylan, der den Sender 2017 zusammen mit Yanardağ gründete.
Sender wurde nach der Einführung des Präsidialsystems gegründet
Es war eine Zeit, in der sich die von jeher fragile türkische Demokratie bereits im Niedergang befand. 2017 ließ Erdoğan per Referendum das parlamentarische System durch ein Präsidialsystem ersetzen. Unter dem Eindruck des Putschversuches von 2016 wurde die Ein-Mann-Herrschaft eingeführt. „Das war die Wende“, sagt Taylan. „Das Schicksal von Millionen Menschen den Stimmungen einer einzigen Person auszusetzen, das wäre in jedem Land ein Risiko.“ Desillusioniert war er vorher schon.
Nach den niedergeschlagenen Gezi-Protesten von 2013 und Erdoğans erstem Wahlsieg als Präsident 2014 verließ Taylan den Journalismus. „Mir kam es vergeblich vor, noch weiterzureden.“ Yanardağ überzeugte ihn, zurückzukehren. „Das ist meine Persönlichkeit. Wo Druck ist, will ich mich widersetzen“, sagt er. Es ist wie bei so vielen Türken in den letzten Jahren. Immer wieder haben sie die Demokratie schon abgeschrieben und dann doch wieder Hoffnung geschöpft, die abermals enttäuscht wurde.
Jetzt also Tele 2. Mit 15 festen und 15 freien Mitarbeitern sind sie jeden Tag zehn Stunden live auf Sendung. Ihr Kanal hat 240.000 Abonnenten. Ihren Zuschauern mussten sie erst beibringen, was Youtube ist. „Wir haben ein sehr loyales Publikum“, sagt der Moderator. „Selbst wenn sie nicht schauen, lassen sie es manchmal laufen, um Einnahmen für uns zu generieren.“ Aber die meisten seien über 50 Jahre alt. Klassische Fernsehzuschauer in einem Land, in dem in vielen Haushalten permanent der Fernseher läuft. Auch in Deutschland hätten sie viele Zuschauer. Sie finanzieren sich über Werbung und Spenden. Die Gehälter richten sich nach den Einnahmen. Entschieden werde kollektiv. Einen Chef gebe es nicht.
Geldstrafen sind ein beliebtes Mittel gegen Regierungskritik
Es ist nicht so, als ließe der Staat sie einfach gewähren. Die Rundfunkaufsicht verlangt neuerdings Lizenzen von Journalisten, die sich auf Youtube geflüchtet haben, nachdem ihre Fernsehsender und Zeitungen von regierungsnahen Geschäftsleuten übernommen wurden. Das sind viele. Die meisten von ihnen kommentieren oder sprechen mit Studiogästen. Tele 2 produziert dagegen Nachrichten. Deshalb fordert die Rundfunkaufsicht von ihnen auch noch, dass sie eine Fernsehlizenz beantragen. Sobald sie die haben, rechnet Taylan wieder mit Geldstrafen. Ein beliebtes Mittel des Staates, kritische Sender in den finanziellen Ruin zu treiben.
Nach Angaben von Reporter ohne Grenzen stehen mittlerweile 90 Prozent der landesweiten Medien unter Kontrolle der Regierung. Derselbe Staatsfonds, der treuhänderisch Tele 1 übernommen hat, hat vorher schon etliche Medienunternehmen geschluckt, um sie anschließend an Erdoğan-nahe Geschäftsleute zu verkaufen. Staatliche Werbung ist ein weiteres Mittel, um Medien gefügig zu machen. Festnahmen von Journalisten sind zum Alltag geworden. Ihre Verurteilung ist durch das 2022 verabschiedete Desinformationsgesetz noch leichter geworden. Aktuell gibt es Debatten über die Einführung eines Gesetzes gegen sogenannte Einflussagenten, ähnlich wie in Russland. Selbstzensur ist sehr verbreitet.
Yanardağ und Taylan nehmen dagegen kein Blatt vor den Mund. Sie gehören zum linksgerichteten Spektrum in der Türkei, das heute nur noch ein Randdasein führt. Schon nach dem Militärputsch von 1980 waren viele Linke ins Exil gegangen. Unter Erdoğan noch viele mehr. Wenn es darum geht, gegen Repression auf die Straße zu gehen, sind die Linken aber noch immer besonders laut. Auch jetzt wieder bei den Protesten gegen die Zerschlagung der Republikanischen Volkspartei (CHP), die sich als Mitte-links-Partei mit nationalistischer Färbung versteht.
Das Verfassungsgericht sprach Yanardağ Entschädigung zu
Der inhaftierte Chefredakteur von Tele 1, ein überzeugter Sozialist, ist eine prominente linke Stimme in der Türkei. Nach dem Militärputsch von 1980 wurde Yanardağ als Student zum ersten Mal festgenommen, als einer von 650.000 – eine Erinnerung, dass die Demokratie in der Türkei schon immer einen schweren Stand hatte. 2007 kam er wieder in Haft, im Zusammenhang mit dem sogenannten Ergenekon-Prozess gegen den vermeintlichen „Tiefen Staat“.
Inzwischen gilt der Schauprozess in der Türkei offiziell als eine Verschwörung, die von Richtern und Staatsanwälten der Gülen-Bewegung angezettelt worden sei. Ungeachtet dessen nutzte der damalige Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan das Verfahren, um sich politischer Gegner zu entledigen und das Militär, seinen mächtigsten Gegner, zu schwächen. Der Prozessbeginn markierte das Ende der liberalen Reformphase von Erdoğans AK-Partei.
Vor drei Jahren kam Yanardağ wieder in Untersuchungshaft. Diesmal, weil er in einer Sendung die Isolationshaft des PKK-Gründers Abdullah Öcalan als rechtswidrig kritisiert hatte. Das Verfassungsgericht bewertete seine Untersuchungshaft später als rechtswidrig und sprach ihm eine Entschädigung zu.
Am Montag hat Taylan Yanardağ im Gefängnis besucht und mit ihm über die Entmachtung des CHP-Chefs Özgür Özel und die Stürmung der CHP-Parteizentrale in Ankara durch die Polizei gesprochen. Yanardağ schrieb aus dem Gefängnis heraus in der Zeitung „Birgün“, das Vorgehen sei der Versuch, das Feld für eine vorgezogene Präsidentenwahl zu bestellen. „Dafür sind eine kontrollierte Opposition, kontrollierte Medien, ein Klima der Angst und die Wahrnehmung nötig, dass ‚diese Leute niemals weggehen werden‘.“
Am Dienstag zeigte Tele 2 Bilder aus Izmir. Özel war in die CHP-Hochburg gereist, um dort das islamische Opferfest zu feiern – und die CHP-Basis zu mobilisieren. Die Polizei ging mit Wasserwerfern und Tränengas gegen seine Anhänger vor. Taylan kommentiert die Lage so: „Egal wie stark der letzte Schritt, der Sturz der Parteiführung wirken mag, in Wirklichkeit zeigt er, wie schwach und erschöpft die Machthaber sind.“
