
Ein Influencer preist auf Tiktok die Wirksamkeit eines Nahrungsergänzungsmittels an. Ist das Meinung, Fakt oder Werbung? Ein Rezept zeigt die Zutaten für vier Personen, ich muss aber für sieben kochen. Wie muss ich die Zutaten anpassen? Eine Behörde schickt mir eine E-Mail. Wie ziehe ich die für mich wichtigen Informationen aus dem Schreiben?
Von Fünfzehnjährigen, die eine Schule in Deutschland besucht haben, sollte man erwarten, dass sie diese Aufgaben ohne Kopfzerbrechen erledigen können. Doch ein zentrales Ergebnis der aktuellen PISA-Studie lautet: Das ist bei erschreckend vielen Jugendlichen nicht der Fall. Rund einem Drittel der Fünfzehnjährigen fehlen im Lesen und in Mathematik grundlegende Kompetenzen. In den Naturwissenschaften – hier geht es nicht zuletzt um wissenschaftliche Herangehensweisen und die Bewertung von Informationen – gilt dies für rund ein Viertel. Und besonders düster sind die Zukunftsaussichten für rund ein Fünftel der Jugendlichen, die in keinem der drei Bereiche ausreichend kompetent sind.
Viele von ihnen werden bald die Schule verlassen. Dass der Übergang in Ausbildung und Beruf schwierig werden kann, ist nur eine Seite des Problems. Es geht um mehr: um gesellschaftliche Teilhabe. Wer Schwierigkeiten hat, Informationen zu finden, einfache Berechnungen vorzunehmen oder wissenschaftlich begründete Aussagen von bloßen Behauptungen zu unterscheiden, stößt nicht nur im Beruf an Grenzen. Es wird schwerer, einen Vertrag zu verstehen, die eigene Stromrechnung zu prüfen, Gesundheitsinformationen zu beurteilen oder sich eine fundierte Meinung zu gesellschaftlichen Fragen zu bilden. Es geht also nicht allein um Bildungs- und Berufschancen. Es geht darum, sich in einer komplexen Gesellschaft selbständig zu orientieren, Entscheidungen zu treffen und an ihr teilzuhaben.
Nur zwei Prozent der Kinder aus sozial schwachen Familien schaffen es
Doch ob Jugendliche ausreichende Basiskompetenzen erwerben, hängt in Deutschland noch immer stark von ihrer sozialen Herkunft ab. Das ist die zweite zentrale Erkenntnis der PISA-Studie. Dieser Zusammenhang ist so stark ausgeprägt wie noch nie seit Beginn der PISA-Studien vor 25 Jahren. Gerade einmal zwei Prozent der Schülerinnen und Schüler aus benachteiligten Familien schaffen es in Naturwissenschaften, dem Schwerpunkt der aktuellen Studie, auf das höchste Kompetenzniveau. Dem gegenüber stehen rund 25 Prozent der Jugendlichen aus sozial privilegierten Familien.
Gleichzeitig hält sich noch immer die Vorstellung, ein Bildungssystem müsse sich zwischen Chancengerechtigkeit und Spitzenförderung entscheiden. Also entweder ein Bildungssystem, das Jugendliche mit Spitzenleistungen hervorbringt, oder eines, in dem alle Kinder relativ gleich gut lernen, aber dann auf einem niedrigeren Niveau. Das große Verdienst der PISA-Studien ist, dass schon die erste Ausgabe aus dem Jahr 2000 diese Behauptung als Mär entlarvt hat.
Auch die aktuelle Studie macht deutlich: Der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und naturwissenschaftlicher Kompetenz ist in Deutschland besonders stark – unter allen OECD-Staaten ist er nur in Luxemburg und der Slowakei noch stärker ausgeprägt. Das wurde nicht etwa mit Spitzenleistungen erkauft: Auch der Anteil der Jugendlichen mit besonders hohen Kompetenzen sinkt. Umgekehrt gibt es sehr wohl eine ganze Reihe an Staaten, deren Ergebnisse weit über dem internationalen Durchschnitt liegen und wo es gleichzeitig eine geringere Rolle spielt, aus welchem sozialen Umfeld die Kinder kommen. Das gilt beispielsweise für Kanada, Japan, Korea und Estland. Im Vergleich zu Kanada hängt der Bildungserfolg in Deutschland sage und schreibe dreimal so stark davon ab, welche Bildung, welchen Beruf und welche Ressourcen die Eltern haben.
Estland und Kanada sind Vorbilder
Was machen andere Staaten also besser, und was können wir uns von ihnen abschauen? Zunächst vorweggeschickt: An fehlendem Engagement der Lehrkräfte liegt es nicht. Im PISA-Fragebogen, den die Jugendlichen zusätzlich zum Test ausfüllen, berichten insbesondere die Jugendlichen aus benachteiligten Familien, dass sie sich von ihren Lehrkräften unterstützt fühlen. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Gelingt es einem Bildungssystem, die individuelle Förderung der Kinder so zu gestalten, dass schlechte Startchancen ausgeglichen werden? Wo wir zur Beantwortung dieser Frage zuerst hinschauen müssen, ist fast schon eine Binsenweisheit: auf die frühkindliche Bildung. Denn Unterschiede entstehen erstaunlich früh: Bereits Zweijährige unterscheiden sich je nach Bildungshintergrund ihrer Eltern deutlich in ihrem Wortschatz, also weit bevor diese Kinder eine Schule von innen gesehen haben. Doch anstatt die Zeit in Kita und Kindergarten zu nutzen, verhaken wir uns in Debatten darüber, ob Kinder dann nicht mehr im Sandkasten spielen dürfen und welche Bildungseinrichtung bei der Förderung den Hut aufhaben sollte. Dass Kompetenzen auch spielerisch und mit viel Freude vermittelt werden können und wie gut Kindergarten und Schule zusammenarbeiten können, zeigen derweil Staaten wie Estland oder Kanada.
So stark die Kleinkindzeit auch prägt – selbstverständlich ist es mit früher Förderung allein nicht getan. Bildungsungleichheit werden wir nur dann beheben, wenn wir über die gesamte Bildungskette hinweg genau hinschauen. Davon sollten übrigens auch die leistungsstarken Schüler nicht ausgenommen sein, denn gute Bildungssysteme schaffen es, Schüler aller Leistungsbereiche zu fördern.
„Das wissen wir seit Jahren, aber wie sollen wir das schaffen, wenn wir nicht mal ausreichend Personal haben, um überhaupt Unterricht halten zu können?“, werden jetzt viele Lehrkräfte, völlig zu Recht, fragen. Helfen kann ein Mittel, das auf den ersten Blick nach zusätzlichem Aufwand ausschaut, aber viel Potential birgt: regelmäßige, kleine Kompetenztests, sogenannte Lernstandserhebungen. Noch mehr Tests für die ohnehin gestressten Kinder? Ja, aber gerade nicht um Noten zu verteilen, sondern um den Lernfortschritt zu beobachten, beispielsweise in der Grundschule die Lesegenauigkeit und die Lesegeschwindigkeit. Es gibt bereits heute viele Programme, die solche Tests automatisiert auswerten, den Lernverlauf grafisch übersichtlich veranschaulichen und damit den Lehrkräften eine exzellente Grundlage für pädagogische Maßnahmen bieten.
Auf Diagnosen muss Förderung folgen
Eine solche Diagnose ist natürlich nur dann sinnvoll, wenn aus ihr etwas folgt. Werden Lernschwierigkeiten erkannt, muss das einzelne Kind unmittelbar unterstützt werden, damit sich ein kurzer Knick in der Lernkurve nicht zu einer Abwärtsspirale verstetigt. Wieder die Frage: Wie soll das zu schaffen sein? Und auch hier kann die Digitalisierung helfen. Interessant wird es dort, wo digitale Tools bei 30 Schülern gleichzeitig erkennen können, wo sich Fehlkonzepte häufen und wer gezielte Unterstützung benötigt. So können Aufgaben und Rückmeldungen gezielter an den Lernstand angepasst werden. Die Technik ersetzt dabei nicht die Lehrkraft, sondern hilft ihr, gezielter zu handeln.
Trotz allem kann es nötig sein, zeitliche Prioritäten zu überdenken. Was wir in der PISA-Studie auch sehen: Es gibt Staaten mit weniger Unterrichtszeit als in Deutschland, aber mit höheren Leistungen, beispielsweise Estland. Salopp gesagt könnte man daraus machen: Lieber ein bisschen weniger Unterricht, wenn er gleichzeitig qualitativ hochwertig ist. Aber auch eine Ebene höher, in der Bildungsadministration, sollten wir ansetzen. Benötigen Kinder und Jugendliche Förderung, die über das Geschilderte hinausgeht, brauchen wir unbürokratischere und schnellere Verfahren. In anderen Staaten würde man sich wundern, wie aufwendig der Prozess in Deutschland ist. Als selbstverständlich gilt in den meisten erfolgreichen Bildungssystemen auch, dass Schulen, die besonders viele sozial benachteiligte Kinder unterrichten, mehr Ressourcen bekommen. Damit ist nicht ausschließlich Geld gemeint. Südkorea zum Beispiel setzt starke Anreize, damit besonders qualifizierte und erfahrene Lehrkräfte an Schulen mit hohen Problemlagen unterrichten: kleinere Klassen, reduziertes Lehrdeputat, mehr Gehalt und bessere Karrierechancen.
Wer nun meint, einiges davon schon einmal gehört zu haben, hat völlig recht. Die Bildungsforschung weiß seit Längerem, wie guter Unterricht gelingen und Bildungsungleichheit verringert werden kann. Die Politik hat davon einiges aufgegriffen, etwa im Startchancen-Programm, das mehr als 4000 Schulen in besonders herausfordernden Lagen gezielt unterstützt. Doch hier zeigt sich ein Unterschied zu erfolgreichen PISA-Staaten: Selbst dieses auf zehn Jahre angelegte Programm ist befristet. Entscheidend ist deshalb, erfolgreiche Maßnahmen nicht immer wieder als neue Programme aufzulegen, sondern sie dauerhaft im Bildungssystem zu verankern.
Chancengleichheit muss zum Standard werden. Das ist nicht nur eine Aufgabe der Politik, sondern eine gesellschaftliche Haltung. Erfolgreiche Bildungssysteme, das zeigt PISA eindrücklich, verbindet ein hoher Stellenwert von Bildung mit dem Anspruch, in jedem Kind Potential zu sehen, das es zu entwickeln gilt.
Prof. Dr. Samuel Greiff leitet das Zentrum für internationale Bildungsvergleichsstudien an der TU München.
