Trainingsbeginn 9 Uhr 30, Männerturnhalle: Aufwärmen und Kraftprogramm. Nach einer kurzen Besprechung, in der die Turnerinnen beieinandersitzen, sorgt Pauline für Musik. Alle laufen hintereinander los. In der riesigen hellen Halle des Bundesstützpunktes werden auf der zentralen Bodenfläche Stationen eingerichtet: Drehungen im Handstand, Sprünge auf Mattenklötze, Radwenden auf einer erhöhten Matte.
Dahinter steht Tatjana Bachmayer, um jene abzufangen, die mit sehr viel Drall nach hinten landen. Ab und zu korrigiert die Trainerin eine Ungenauigkeit bei der Koordinationsübung mit Gewichten auf dem Schwebebalken oder kommentiert die Serien von Felgen in den Handstand, die im hinteren Teil der Halle an der Reckstange anstehen.
Hervorragende Bedingungen in Chemnitz
Lea steht auf der Fläche vor Handstandklötzen und hebt ihren Zeigefinger Richtung Trainerin. Taty, wie Bachmayer von allen genannt wird, läuft hinüber: „Ich mache nur Handstand, kannst du bitte …“, hört man die Turnerin sagen. Bachmayer unterstützt. Sechs Turnerinnen wechseln sich an den Stationen ab, Jesenia, die noch einen Fuß schont, erwärmt sich auf dem Radergometer im Kraftraum nebenan, Karina ist noch bei der Physiotherapie.
Es ist ein gewöhnlicher Trainingstag. In Chemnitz trainiert aktuell die Hälfte des deutschen Kaders, darunter die zweimalige Europameisterin von 2025 Karina Schönmaier und Pauline Schäfer-Betz, die schon an drei Olympischen Spielen teilgenommen hat. Die Bedingungen sind hervorragend: zwei Hallen für das Turnen, Sportgymnasium, Mensa, Internat, Physiotherapie, Ärzte. Im heutigen Sportforum Chemnitz, das in den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts „Großkampfbahn“ und in der DDR „Ernst-Thälmann-Stadion“ hieß, sind alle Wege kurz.

Es gibt drei Bundesstützpunkte der Turnerinnen in Deutschland. Zum Verhalten beim Training ermittelt die Staatsanwaltschaft Stuttgart wegen des Verdachts der Nötigung und der Körperverletzung. In Mannheim gibt es in einem Fall eine Untersuchung gegen zwei Trainerinnen, in Stuttgart in 27 Fällen gegen drei Trainer, außerdem gegen fünf Funktionäre.
Tatjana Bachmayer war lange Jahre die Cheftrainerin in Karlsruhe, seit 2024 arbeitet sie in Chemnitz. Die Arbeit sei jeden Tag eine Herausforderung, sagt sie: „Es ist ein sehr hohes Niveau, und es sind sehr viele Athletinnen, das bedeutet viel individuelle Arbeit.“ Sie verantwortet das Training gemeinsam mit dem gebürtigen Belarussen Anatol Aschurkow, der 2021 aus Norwegen kam und an diesem Donnerstag Ende Mai nicht da ist. Beide sind Angestellte des Deutschen Turner-Bundes (DTB).
Jede Athletin kennt ihr Programm
10 Uhr, Männerturnhalle, Boden. Die Turnerinnen stehen neben ihren Sporttaschen am Rand der Halle, T-Shirts aus, Turnanzüge hoch, einen Schluck trinken. Bachmayer steht auf der Bodenfläche. Ihr kurzes Händeklatschen mahnt an, es möge losgehen. Lea und Jesenia belegen die zweite, hintere Bodenfläche, wo sich Karina gerade aufwärmt.
Die anderen fünf Turnerinnen beginnen auf der zentralen Fläche mit der Gymnastik: Drehungen, Durchschlagsprünge, Kombinationen. Es folgen die akrobatischen Elemente auf einer stark federnden Akrobatikbahn neben der Fläche, an deren Ende eine auf der Schnitzelgrube liegende Weichmatte die Landungen abfedert.
Anweisungen, wer was zu tun hat, gibt Bachmayer kaum. Jede Turnerin scheint genau zu wissen, was zu ihrem Trainingsprogramm gehört. Der Schwierigkeitsgrad steigt: Strecksalto, Doppelsalto, Tsukahara, Doppeltwist. Schlag auf Schlag. Bachmayer beobachtet die Athletinnen aus einigem Abstand, mit vor der Brust verschränkten Armen oder mit kerzengeradem Rücken in einer tiefen Kniebeuge hockend.
„Auf, Lara, schnelle Beine!“ Ihre Stimme ist gleichermaßen freundlich und bestimmt, egal, ob sie Lob, Motivation oder technische Korrekturen ausspricht. Meist sind es nur wenige Worte. Ab und an geht sie auf eine Turnerin zu und spricht mit ihr.
Nach Kritik nicht mehr gern gesehen
Pauline beginnt auf dem Schwebebalken. Dass in der Männerturnhalle überhaupt ein Schwebebalken steht und großformatige Poster von ihr eine Längsseite der Halle schmücken, hat Gründe. Nachdem Pauline Schäfer-Betz Ende 2020 gemeinsam mit anderen Turnerinnen den Machtmissbrauch durch die damalige Cheftrainerin Gabi Frehse öffentlich gemacht hatte, war sie in der Frauenturnhalle nicht mehr gern gesehen. Sie wechselte zur KTV Chemnitz und trainierte fortan unter Kay-Uwe Temme gemeinsam mit den Männern.
2021 gewann sie nach Bronze und Gold auch WM-Silber am Schwebebalken. Im vergangenen Herbst wechselte die 29-Jährige in die Trainingsgruppe von Aschurkow und Bachmayer. Die steht nun neben dem Balken und kommentiert Paulines Übung, ohne die Bodenfläche aus den Augen zu verlieren. „Mach noch mal Doppelstreck!“, weist sie Karina nach einem misslungenen Tsukahara an. „Gut!“ – das gilt Paulines Abgang. „Stark, Marlene!“

Dann geht sie wieder zum Boden rüber. Beim Übungstraining steht Bachmayer wieder auf der Fläche. Jeweils zwei Turnerinnen zeigen zeitgleich ihre anderthalb Minuten langen Übungen, wobei nur für eine die Wettkampfmusik ertönt. Auf wundersame Weise stoßen sie nie zusammen, und auch die Trainerin steht nie im Weg. Jetzt geht es um choreographische Details: „Kopf – Augen – jetzt!“ Wer mit seinem Programm durch ist, geht aus der Halle.
Die Planung des Trainings, die Zusammenstellung der Wettkampfübungen, die Aufteilung, wer wann welches Gerät betreut, all das besprechen sie zusammen, sagt Bachmayer über die Arbeitsaufteilung mit Aschurkow. Wann immer es Hilfestellung bei schwierigen Elementen brauche, stehe der Kollege am Gerät, „weil das bei der Körpergröße der Mädels gar nicht anders machbar ist“. Den Körper auf Höchstschwierigkeiten vorzubereiten, ist das eine, der Kopf das andere.
Gespräch jenseits des Trainingsalltags
„Die Mädels haben momentan alle keine körperlichen Barrieren, die sie zurückhalten, den nächsten Entwicklungsschritt zu machen, aber oft mentale“, sagt Bachmayer, die neben ihrem Trainerdiplom auch eine Lizenz als Mentaltrainerin hat. An diesem Punkt seien viele Gespräche wichtig, auch jenseits des Trainingsalltags, in denen es darum geht, zu erklären, nicht darum, zu pushen. Manchmal sei auch die Sprache eine Barriere in der Kommunikation und Übersetzungsapps auf dem Handy nicht immer die Lösung, gerade wenn es um das Zwischenmenschliche geht.
Tatjana Bachmayer ist derzeit die einzige Trainerin in der deutschen Spitze, deren Muttersprache Deutsch ist. In Chemnitz hält sie auch den Kontakt zu den Eltern, vor allem zu jenen der minderjährigen Turnerinnen, die im Internat leben. Mit der ehemaligen Cheftrainerin Gabi Frehse steht sie im Austausch, wenn es um organisatorische Fragen zum Bundesligateam des TuS Chemnitz-Altendorf geht.
„Taty! Dann hänge ich jetzt den Jäger dran?!“
11 Uhr, Frauenturnhalle: Balken und Barren. Die Halle steht schräg gegenüber, keine Gehminute. Hier kommt es zum fliegenden Wechsel mit der zweiten Trainingsgruppe – Juniorinnen und Turnerinnen, die den Sprung in den Bundeskader nicht geschafft haben –, die hier gerade ihre Einheit absolviert hat.
Selbständig teilt sich die Gruppe auf: Die einen richten Matten und Sprungbretter vor den zwei Schwebebalken, die anderen ziehen ihre Riemchen für die Barreneinheit an. Dann geht es von vorne los: Einturnen einfacher Elemente, Gymnastik und Akrobatik auf dem Balken, Riesenfelgen, Handstände, Jägersalti, Kombinationen am Barren, der ganz hinten rechts über einer Schnitzelgrube aufgebaut steht.
Bachmayer steht bei den Schwebebalken, begutachtet drei Übungsdurchgänge, weitere drei absolvieren die Turnerinnen auf einer Linie der Bodenfläche. Wieder scheint sie gleichzeitig kein Element am Barren zu verpassen. Als Jesenia fragend durch die Halle ruft: „Taty! Dann hänge ich jetzt den Jäger dran?!“, ruft sie lachend zurück: „Du fühlst, was ich denke!“ Ab und zu klatscht sie in die Hände, um ein wenig mehr Tempo zu fordern. Als Anna-Lena ihre komplette Barrenübung turnt, feuert Marlene sie laut vom Balken aus an: „Auf, Anna!“
Nach verrichtetem Pensum – mittlerweile ist es kurz vor zwölf – versammeln sich alle nach und nach auf der Bodenfläche. Dehnung zum Abschluss, Gesprächsfetzen klingen herüber: „Revolution … Elektroden … Lust auf Schule.“
Vier der Kaderturnerinnen besuchen das Sportgymnasium, auf dem es die Möglichkeit gibt, ein Schuljahr auf zwei Jahre zu strecken. Den ersten Block Schule haben sie auch an diesem Tag bereits vor dem Trainingsbeginn um 9.30 Uhr absolviert. Nach dem Mittagessen in der Mensa geht es wieder in den Unterricht. 25 Trainingsstunden pro Woche sind die Regel: Je zwei Einheiten à zweieinhalb Stunden an vier Tagen, mittwochs eine Einheit, am Nachmittag Regeneration und Teamtalk und eine letzte Einheit vor der Wochenendpause am Samstagvormittag.
Eine Stundenanzahl, die völlig ausreicht, sagt Bachmayer. Auf die Frage nach ihrer eigenen Wochenarbeitszeit lacht sie auf: „Da ich mein Hobby zum Beruf gemacht habe, fühlt sich viel nicht nach Arbeit an.“ Schwierige Situationen, in denen sich die Frage stellt, bis zu welchem Punkt sanfter Druck – der sprichwörtliche Tritt in den Hintern – angebracht und eventuell auch von den Aktiven gewollt ist, gebe es, sagt Bachmayer im Gespräch mit der F.A.Z. während der Mittagspause: „Dann fließen Tränen.“
Keine Angst, ehrlich zu sein
Individuell reagieren sei wichtig, und letztlich müsse die Turnerin entscheiden, ob es weitergeht oder sie die Einheit abbricht und nach Hause geht. Es gehe darum, Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen. Und darum, keine Angst zu haben, ehrlich zu sein.
So hält Bachmayer es auch, wenn es um Schmerzen geht. Vor vielen Jahren, damals in Karlsruhe, habe ihr eine Mutter mal vor einem Training zugeraunt: „Meiner Tochter tut der Fuß doll weh, aber das darf ich Ihnen nicht sagen!“ In Gesprächen habe die Turnerin offenbart, sie wolle keine Schwäche zeigen oder den Eindruck vermitteln, sich rauszureden, erzählt Bachmayer.
Jeden Morgen ein Gesundheitscheck
Seit dieser Erfahrung arbeitet sie mit Monitoringbögen. Jeden Morgen zum Trainingsbeginn zeichnen die Turnerinnen darin auf einer Skala von eins bis zehn eigenständig auf, wie es ihnen körperlich geht – vom großen Zeh bis zum Hals.
Einträge zwischen eins und drei bedeuten: Etwas zwickt ein wenig, so wie eben im Hochleistungssport oft irgendetwas zwickt; ab Skalenpunkt vier gilt es, eigenständig Sorge dafür zu tragen, das Training anzupassen – zum Beispiel durch weniger Versuche oder Zusatzmatten; alles ab sechs, sieben heißt: Spätestens nach dem dritten Tag gehe ich zum Arzt. „Das ist ihre Verantwortung“, sagt Bachmayer, „weil ich nicht entscheiden kann, wie groß die Schmerzen sind.“
15.30 Uhr, Männerturnhalle, Aufwärmen und Sprung. Nun sind auch die Männer der KTV Chemnitz in der Halle. Der Verein verantwortet die „Hallenregeln“, die im Eingangsbereich hängen. Regel eins: „Die Turnhalle ist kein Spielplatz.“ Hier hängen auch die „Verhaltensregeln“, formuliert im Zuge der „Leistung mit Respekt“-Kampagne, die der DTB im Nachgang der Enthüllungen in Chemnitz aufgesetzt hat. Trainer dürfen Sportler nicht „zu Übungen zwingen“, „anschreien oder bloßstellen“ oder „ignorieren, wenn sie Angst haben“, ist da zu lesen. Wer hätte das gedacht?
Was denkt die Athletin?
Pauline macht eigenständig Anlauftraining, wobei sie einen umgeschnallten Gewichtsring über den Boden zieht – immer wieder hin und her auf der Anlaufbahn. Danach ist für die 29-Jährige an diesem Tag Schluss. Die anderen beginnen am Sprung: Anlauf, Radwende, Flug rückwärts über oder auf den Sprungtisch, Strecksalti auf einen erhöhten Weichmattenberg, der auch hier über einer Schnitzelgrube liegt, dann das Gleiche mit Längsachsendrehungen.
Ziel ist es, nach der Handstandphase möglichst weit und hoch hinaus zu fliegen, entscheidend dafür ist der Abdruck vom Tisch. Oft fragt Bachmayer zuerst nach dem Eindruck, den die Turnerin von ihrem Versuch hat. „Es ist, als wolle ich da so eine Art Sprung machen.“ Lara zeigt auf eine Stelle der Anlaufbahn. „Ja, der Anlauf ist nicht rund“, sagt Bachmayer.
Manche Sprünge filmt sie mit einem Tablet, die kurze gemeinsame Analyse findet sofort statt. In jedem Durchgang wird einmal das Absprungbrett ausgetauscht, weil Karina ein anderes Modell nutzt. „Das ist kein Abdruck!“, kommentiert sie missmutig ihren eigenen Versuch. Es läuft nicht rund. Trotzdem möchte die Europameisterin den Jurtschenko mit doppelter Längsachsendrehung machen. „Lieber noch mal Streck!“, rät Bachmayer entschieden, die Schwierigkeit zu mindern.
„Mir ist die schlechte Landung egal!“, antwortet Karina mit einem Anflug von Trotz. „Mir aber nicht!“, beharrt die Trainerin. Karina macht den Strecksalto. Vom Sprung geht es noch weiter zur Akrobatik auf dem Trampolin. Um 18 Uhr endet der Trainingstag.
