
An Tag eins nach der zweiten Hitzewelle in diesem Jahr – zur Erinnerung, im Mai gab es bereits eine – sind sich alle einig: So kann es nicht weitergehen. Zu lange wurde zu wenig getan, nicht ernst genommen, was da auf uns zukommt. Jetzt muss endlich gehandelt werden.
Nur geht es dabei nicht etwa darum, dass auf keinen Fall eintreten darf, was der Expertenrat der Bundesregierung für Klimafragen voraussagt: Deutschland wird seine Klimaziele 2030 und 2040 verfehlen. Auch nicht darum, dass es vielleicht einfach keine gute Idee ist, nach 2045 noch Öl- und Gasheizungen einzubauen, die weiter Kohlendioxid in das in den letzten Tagen so unangenehm gewordene planetare Treibhaus pusten werden. Oder darum, dass Sätze wie „Klimaschutz darf nicht die industrielle Basis unserer Länder gefährden“ (Friedrich Merz im April 2026) ihr Zu-kurz-gedacht-Sein unter Beweis stellen, wenn Autobahnen aufplatzen, Zuggleise sich biegen, die Menschen weniger leistungsfähig sind, Arbeit draußen unmöglich wird und das Wirtschaftswachstum wegbrutzelt.
Senioren kollabieren in Pflegeheimen
Kaum sind die Temperaturen ein paar Grad nach unten gerutscht und können keine Temperaturrekorde mehr vermeldet werden – 41,5 Grad in Möckern-Drewitz! 41,7 Grad in Neißemünde! –, ist vielmehr eines Thema: So darf sich Hitze nie wieder anfühlen, so feindlich und in viel zu vielen Fällen tödlich darf sie uns nicht mehr begegnen. Und das stimmt, die Bilanz der vergangenen Tage ist erschreckend: Menschen lagen bewusstlos in ihren glutwarmen Wohnungen, Senioren kollabierten in Pflegeheimen, Notaufnahmen meldeten das Limit ihrer Leistungsfähigkeit, mindestens 33 Menschen, vor allem Männer, starben beim Baden. Wie viele Tote diese Hitzetage gefordert haben, wird erst in einigen Monaten bekannt sein, wenn die Übersterblichkeit gemessen wird. Aus früheren Analysen weiß man aber: Durch Hitze kommen in Europa inzwischen doppelt so viele Menschen um wie im Verkehr.
Es ist also gut, wenn jetzt in Fahrt kommt, was Initiativen wie die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit längst anmahnen: Alle Kommunen brauchen Hitzeschutzpläne, und zwar verbindlich, es muss isoliert, entsiegelt, gepflanzt, klimatisiert werden. „Klimaanlage“ ist das Wort der Stunde, gut möglich, dass wir in ein paar Jahren auf 2026 so ungläubig schauen wie in diesen Tagen die US-Medien nach Europa: Wieso haben die kein Airconditioning? Tja, weil es bislang noch nicht nötig war und die Geräte je nach Beschaffenheit doppelt zum Problem Hitze beitragen. Sie kühlen nach drinnen, aber wärmen nach außen und befeuern, sofern der sie betreibende Strom fossil hergestellt wurde, die Treibhausgasemissionen. Das ließe sich lösen, etwa mit der Variante „Klima-Solar-Anlagen“, die die Grünen ins Spiel gebracht haben.
Schlecht ist aber, dass die Tatsache, dass ernst zu nehmender Hitzeschutz nun unaufschiebbar wird, die andere Tatsache einmal mehr verdrängen wird: Die eigentlich ersehnte Wärme konnte so brutal werden, weil in der Vergangenheit beim Klimaschutz versagt wurde. Und wird jetzt nicht alles getan, um die CO₂-Emissionen zu stoppen, werden Temperaturen von 38 Grad in ein paar Jahren moderat wirken. Dass der Klimawandel extremer macht, was es immer schon gab, macht seine konsequente Bekämpfung so herausfordernd. Mal zeigt er sich als zur Sturzflut gewordener Regen, mal als ins Bösartige gekippter Sommer. Wie Sommer sieht es draußen aber immer noch aus. Die unter der Wärmeglocke mitgefangene Ahnung, dass all dies mit dem Klimawandel zu tun hat und noch übel enden wird, ließe sich in Zukunft einfach wegkühlen.
Befand man sich etwa am Sonntag in einem Zug von München nach Berlin, dessen eine Hälfte wegen zu warmer Waggons am Startbahnhof blieb und in dessen anderer nun überfüllter Hälfte es zu solchen Gereiztheiten kam, dass mit dem Eingreifen der Polizei gedroht wurde; in dem des Weiteren die Klimaanlage gegen die vielen überhitzten Körper so wenig ankam, dass an alle Wasser verteilt und für zwei geschwächte junge Menschen der Notarzt gerufen wurde – dann konnte man sich eines Gefühls von drohendem Unheil und Kontrollverlust nicht erwehren. In einer perfekt hitzegeschützten Welt wäre dieser Zug wunderbar temperiert gewesen, draußen: ein strahlender Sommertag. Irgendein Problem?
