
Es war kaum eine Überraschung, als die AfD mit deutlicher Mehrheit die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt gewann, die Prognosen hatten den Sieg relativ genau vorausgesagt, und doch wurde erst nach den ersten Hochrechnungen wirklich bewusst, wie groß die Erschütterung ist, die dieses Ergebnis für das politische System der Bundesrepublik bedeutet.
Dass die Medien, allen voran das öffentlich-rechtliche Fernsehen, darüber in der gewohnten Routine berichteten, aus den „morschen Kulissen der Alten Welt“, wie Andreas Bernard im „Spiegel“ schrieb, mit den vertrauten Grafiken und der besänftigenden Nüchternheit von Jörg Schönenborn, wirkte Anfang September noch wie eine hilflose Schockreaktion, wie das Verhalten des Kojoten aus den „Looney Tunes“-Zeichentrickfilmen, das der Philosoph Slavoj Žižek gerne als Metapher für die Funktionsweise kollektiver Illusionen heranzieht: Solange man nicht in den Abgrund schaut, kann man noch eine Weile in der Luft weiterlaufen, selbst wenn man schon längst über den Rand einer Klippe gelangt ist.
Auch drei Wochen später scheint das noch die Strategie der Berichterstattung zu sein – was man vielleicht am besten an jener Sendung sehen kann, in der die ARD verlässlich versucht, alle Arten von schicksalhaften Momenten mit den Mitteln journalistischer Formatierung zu bewältigen: dem „Brennpunkt“. Für Naturkatastrophen, Kriege, politische Krise wird bereitwillig „das Programm umgestellt“, aber nie die Methodik oder das Temperament. Am vergangenen Montag verhandelte die Sendung das Thema „Vertrauenskrise nach den Wahlen“ unter anderem – wie schon drei Wochen zuvor – mit einer Kurzreportage über einen beliebigen Familienbetrieb. In diesem Fall durfte der Besitzer eines Autohauses in Parchim den bekannten Refrain des Klagelieds von Bürokratie und Datenschutzverordnung anstimmen, vor drei Wochen war es noch ein Tankstellenbesitzer aus der Altmark.
Alternativen sind nur personell denkbar
Jörg Schönenborn bestätigte den Unmut in der Bevölkerung mit aktuellen Umfragen, CDU-Politiker Karl-Josef Laumann versicherte, dass man jetzt wirklich den „Weckruf“ gehört habe, und empfahl so revolutionäre Veränderungen wie eine bessere Vergabe von Facharztterminen.
Parteikollege Andreas Rödder stellte mal wieder die Brandmauer infrage, ein anderer von der Basis wünschte sich jemanden „vom Format von Jürgen Klopp“ an der Parteispitze. Ob man im CDU-Präsidium keine andere Antwort gefunden habe als ein „Wir machen weiter“, fragte Moderatorin Susanne Stichler – und zielte damit doch auch nur auf Personalfragen ab. Selbst für die Kritik am „Weiter so“ gibt es nur den journalistischen Modus des „Weiter so“.
Ganz ausgeschlossen scheint aber die Möglichkeit zu sein, dass die Berichterstattung aus der Immanenz parteipolitischer Agenden und Performancefragen hinaustreten könnte. Bezeichnend ist dafür auch der Name einer Serie, dessen zweite Staffel diese Woche im ZDF anlief: „Inside CDU“.
Mit beachtlichem Aufwand und dem Blick für aussagekräftige Momente kommt die Dokumentation der Ratlosigkeit innerhalb der Partei sehr nahe. Aber so souverän die amtlichen Insider den Absturz der CDU auch diesmal wieder kommentieren: Die wahren Abgründe, die sich da auftun, könnte man nur von außen erkennen.
