Cowboystiefel mit Schlangenmuster. Funktionsjacke. Ihr langes graues Haar flattert im Wind. So steht Treasa Kerrigan auf einen knorrigen Wanderstock gestützt. Sie nennt ihren Beruf „Hohepriesterin“, eine Hohepriesterin des Gottes Lugh. Und weil sie nun in besonders leere Gesichter ihrer deutschen Reisegruppe schaut, erklärt sie dies: „Lugh führte mit seinem magischen Speer das Volk der Göttin Danu gegen die Firbolg und die Fomori in die Schlacht.“
Treasa spricht weiter von dem Schöpfer Eru, von Balor aus der Unterwelt, von seiner Tochter Ethniu, die einsam auf einer Insel leben musste. All diese Personen und Völker lebten dereinst in Irland. Falls es sie denn gab. Denn ihre Geschichten sind Mythen. Die Fomori etwa waren eine chaotische Macht der Unterwelt. Vielleicht sind sie eher ein Archetypus, eine Urversion von Saurons Armee aus dem „Herrn der Ringe“. Aber genau festlegen, wie viel Wahrheit nun in all den Wesen steckt, möchte hier niemand. „Wir Iren nehmen unsere Mythen ernst“, erklärt Treasa.
Sie steht auf dem Hill of Tara, einem Hügel in einer etwa 50 Hektar großen Landschaft. Von einigen Punkten aus blickt man über das Boyne Valley, die zentrale Ebene Irlands, und sieht mit Glück die Umrisse von Trim Castle, einer normannischen Anlage aus dem zwölften Jahrhundert. In dieser Ruine wurden 1995 Teile von „Braveheart“ gedreht, der eigentlich in Schottland spielt.
Auf der Schwelle zwischen Diesseits und Jenseits
Für die Iren hat der Hill of Tara gleich drei Bedeutungen: als Schlachtfeld, denn hier kämpften im Jahr 980 die gälischen Iren gegen die Wikinger; als kultischer Ort, denn hier saßen die mythischen Hochkönige, die entweder vor 2500 Jahren lebten oder nur Legenden sind. Und als Ausgrabungsstätte: Denn hier befinden sich einige erstaunliche Gräber der Jungsteinzeit, Hügel mit komplexen Gangsystemen und Inschriften, deren Bedeutung niemand kennt. So viel Mythos und Vorgeschichte, so viel Unklares, aber: „Die alten Gottheiten wirken heute noch immer“, ist Treasa überzeugt. Und dann lässt sie ihre Gäste um einen kultischen Stein laufen: die linke Hand auf die Kuppe des niedrigen Pfeilers legen, gegen den Uhrzeigersinn gehen, und zwar genau dreimal, mit geschlossenen Augen. „Das verbindet mit diesem Kraftort.“

Irland gilt als besonders spirituell. Zauberei, Feen und mächtige Wesen der Vorzeit haben einen festen Platz in den Landschaften der Insel. Die Iren haben das selbst aufgebracht, vor über 100 Jahren in der Literatur. Der Nationaldichter W. B. Yeats beschrieb 1893 in „Celtic Twilight“ sein Land auf der Schwelle zwischen Diesseits und Jenseits. Die Autorin Isabella Lady Gregory widmete sich Feenglauben, Hellseherei und magischen Zeichen. Als das moderne Irland sich selbst entdeckte und seinen Nationalismus entwickelte, gehörte das „Magische“ immer dazu.
Die „Anderswelt“ ist überall
Das wirkt bis heute. Reiseanbieter aus ganz Europa vermarkten Trips zu „mystischen Orten“ oder der „magischen Mitte“ Irlands, verschiedene „Spiritual Tours“ gibt es auch. Und so findet man eine knappe Busstunde nordwestlich vom Flughafen Dublin dann einen „Kraftort“ wie den Hill of Tara.

Was ein Kraftort ist, weiß keiner so genau. Aber unterwegs in der saftiggrünen Natur mit ihren raschen Wetterwechseln nimmt man das Wort gern an. In alle Himmelsrichtungen schaut man in weite Hügellandschaften, hin und wieder ist in der Ferne ein Dorf zu sehen. Die „Anderswelt“ – Otherworld, auch dieses Wort benutzt die Reiseleiterin gern – ist überall. Vorsicht etwa vor dem Weißdorn-Baum! In dem buschigen Gewächs mit den roten Beeren und dreigeteilten Blättern (sieht ein wenig aus wie Liebstöckel) halten sich möglicherweise Feen auf. „Nicht diese niedlichen Elfen“, sagt Treasa. „Stattliche Wesen, mit denen nicht zu spaßen ist.“
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Über Feen müsse man dieses wissen: Oft seien es besonders große Frauen, die man aus dem Augenwinkel vorbeigehen sieht. Sie könnten ein Kind entführen, sie tun, was sie wollen. In die Feenbäume darf man, „wenn sie es erlauben“, eine symbolische Gabe hängen, das kann ein geknoteter Grashalm oder ein Stück Stoff sein. Feenbäume stehen einzeln und an einer Wegkreuzung oder einem Brunnen. Später wird Treasa, damit wir Deutschen es auch glauben, den Busfahrer ansprechen, einen bodenständigen Kerl aus Dublin. Würden Sie einen Weißdorn fällen? „Auf keinen Fall“, sagt der, „sicher ist sicher.“ Man dürfe aber eine Tinktur anfertigen aus den Blüten im Frühjahr oder den Beeren im Spätsommer. Soll Herz, Gemüt und Verdauung stärken.
Meditation am Hill of Uisneach
Am Hill of Uisneach, etwa eine Autostunde westlich des Hill of Tara, soll das Zentrum des heidnischen Irlands liegen – samt altem Festplatz, der bis heute für druidische Kulte verwendet wird. Hier kann man ein Feuer entzünden (eine Schale steht bereit), ein Tamburin mit einem weichen Klöppel schlagen und die Augen zur Meditation schließen. In der Vorstellung der Iren ist Uisneach (ausgesprochen wie: „Ischnach“, mit einem kehligen „ch“) der Ort, an dem „das erste heilige Feuer“ entzündet wurde.
Auch dieses Gebiet ist kein einzelner Hügel, sondern eher eine gewellte Hochlage von zwei bis drei Kilometer Durchmesser. Aber sie hat ein Zentrum. Alle Wanderungen führen zu einem Kalkstein-Felshaufen, rund, groß wie ein Haus, dem Cat Stone. Er soll das Zentrum Irlands sein – genau hier liefen die fünf Provinzen Ulster, Ost- und Westmunster, Connacht und Leinster zusammen, so war Irland im Frühmittelalter aufgeteilt. In die Ritzen und Furchen des Felshaufens kann man Zettelchen mit Wünschen stecken.

Und im Zentrum der Steine befindet sich, natürlich, ein Eingang zur Anderswelt. Manch eine der Druidinnen und Hexerinnen, die hier mit ihren Reisegruppen herumstehen, mag das englische Wort Cat Stone nicht hören. In der alten irischen Sprache heißt der Stein Aill na Mireann.
Die Iren pflegen einen fast starrsinnigen Stolz auf alles Eigene, das hat mit den Kriegen gegen die übermächtigen Engländer zu tun. Aus der Unterdrückung hat die Republik Irland sich befreit, sie gehört nicht zu Großbritannien, sondern zur EU. Aber was die Iren und manche Reiseanbieter nun zu ihrem spirituellen Kern machen, ist eine äußerst eklektische Mischung. Der Mythos von Uisneach als Mitte des Landes gehört zur keltischen Überlieferung (die Kelten haben allerdings nichts verschriftlicht). Die Beltane-Feuer, die hier stattfinden, sind neoheidnische Aneignungen. Und die Hügelgräber von Newgrange (nordöstlich vom Hill of Tara) sind neolithische Anlagen, älter als die Pyramiden.
Wenn eine spirituelle Tour heute das oft alles einbezieht, geht sie durch mindestens drei Epochen. Aber die Symbole der Naturverbundenheit, der Sonne und der Jahreszeiten, die sind immer dabei. Zur Wintersonnenwende am 21. Dezember fällt das Licht in den 19 Meter langen Steingang des Grabes von Newgrange. Für etwa 17 Minuten. Wer dabei sein will, muss bei einer Verlosung gewinnen, in die zentrale Grabkammer passt höchstens ein Dutzend Menschen.
Die Erscheinung lässt sich aber auch im übrigen Jahr bewundern. Die Veranstalter simulieren den Effekt mit künstlicher Beleuchtung. Wie es möglich war, dass Konstrukteure vor 5200 Jahren das Bauwerk tatsächlich so eingerichtet haben – darüber kann man dann auf der Wanderung zur nächsten kultischen Stätte nachdenken.
Anreise Aer Lingus fliegt ab Frankfurt, München, Hamburg oder Berlin nach Dublin, ca. 100 bis 180 Euro. Lufthansa auch ab Frankfurt oder München, Ryanair ab Berlin, Frankfurt oder Hamburg, aber mit Zusatzgebühren für Gepäck.
Kraftorte Zentrale Orte mit historischem und mystischem Hintergrund sind der Hill of Tara, Hill of Uisneach, der Berg Sliabh na Calliagh und die jungsteinzeitlichen Passagengräber von Newgrange.
Literatur Cary Meehan: A Traveller’s Guide to Sacred Ireland. (E-Book, ca. 1400 Seiten, 15 Euro). Éire: Bräuche, Mythen und Sagen aus Irland. Die Sehnsucht nach der magischen grünen Insel in einem Buch (Ars Edition, 128 S., 15 Euro). Jennifer Emick: Das Buch der keltischen Mythen. Von Göttern, Kriegern, Feen und Druiden (Anaconda-Verlag, 320 S., 7.95 Euro)
