
Kurz bevor Daniel Kinahan in seine Heimat ausgeliefert wurde, hatte er sich noch selbst zu Wort gemeldet. Seit April saß der Ire, der als einer der größten Drogenbosse Europas gilt, in Dubai im Gefängnis. Von dort aus telefonierte er mit dem Podcaster James English, der Ausschnitte aus dem Gespräch veröffentlichte. Kinahan klagte darin, dass ihm übel mitgespielt werde, dass das Urteil eines Gerichtsprozesses gegen ihn in Irland schon feststehe: „Ich glaube, ich hab schon lebenslänglich, James“, sagte er.
Am Sonntag gegen 18 Uhr landete dann ein Flugzeug der irischen Regierung mit Kinahan an Bord in Dublin. Er wurde einem Gericht vorgeführt, das erst einmal Untersuchungshaft bis zum 5. Oktober anordnete. Wie irische Medien berichteten, will die irische Generalstaatsanwaltschaft Kinahan wegen der Führung einer kriminellen Vereinigung anklagen – wofür er tatsächlich eine lebenslange Gefängnisstrafe bekommen könnte.
Es wäre die erste Verurteilung von Daniel Kinahan, obwohl er schon seit Jahrzehnten als einflussreicher Drogenboss gilt. Ermittler gehen davon aus, dass der Kinahan-Clan international bestens vernetzt ist – amerikanische Behörden setzten ihn sogar auf eine Stufe mit der italienischen Camorra und anderen Mafiaorganisationen. In einer europaweit ausgetragenen Fehde mit einem weiteren irischen Clan sollen mindestens 18 Morde verübt worden sein. Der britische Sender BBC berichtete, der Anwalt des Beschuldigten habe erklärt, die Vorwürfe, er sei ein Gangster-Boss, seien falsch.
Die Söhne übernahmen die Organisation des Vaters
Den Grundstein für die kriminelle Organisation hatte Daniels Vater Christy Kinahan schon in den Achtzigerjahren in Dublin gelegt. Er beherrschte dort den Heroinhandel, wurde deswegen auch verurteilt, später dann wegen synthetischer Drogen und Waffen in den Niederlanden, wegen Geldwäsche in Belgien. Seine Söhne wurden bis heute von keinem Gericht verurteilt. Dass sie in die illegalen Geschäfte ihres Vaters verwickelt sind, ist aber lange bekannt.
Schon 2009 wurde Daniel Kinahan in einer Depesche der amerikanischen Botschaft in Sierra Leone als Drogenhändler beschrieben, der sein Netzwerk womöglich nach Westafrika ausdehnen wolle. In einem Urteil des irischen High Court gegen Mitglieder des Kinahan-Kartells 2018 wurde festgestellt, dass die beiden Söhne inzwischen die Führung des Tagesgeschäfts übernommen hätten. Niederländische Ermittler bezeichnen Daniel Kinahan in ihren Akten als Geschäftspartner von Ridouan Taghi, dem berüchtigtsten Drogenboss des Landes. Außerdem soll Kinahan von Dubai aus mit dem Camorra-Boss Raffaele Imperiale und weiteren europäischen Großkriminellen zusammengearbeitet haben. Europol bezeichnete das Bündnis als „Superkartell“.
Mächtigste kriminelle Gruppierung Irlands
Die amerikanische Drogenbehörde DEA lobte vor vier Jahren eine Belohnung in Höhe von fünf Millionen Dollar für Hinweise aus, die zur Festnahme von Daniel Kinahan, seinem Bruder Christopher Jr. oder seinem Vater Christy Kinahan führen. Die irische Organisation, sagte damals ein Vertreter des US-Finanzministerium, stehe „ab heute auf einer Stufe mit der italienischen Camorra, den Los Zetas in Mexiko, den Yakuza in Japan und den russischen Dieben im Gesetz“.
Laut den amerikanischen Behörden verkaufte die Gruppierung zunächst Kokain und Heroin aus Südamerika in Irland, dann in ganz Großbritannien und auch auf dem europäischen Festland. Hinzu kamen demnach Geldwäsche und Waffenhandel. Zudem soll sie in eine Clanfehde verwickelt sein, die zu mindestens 18 Morden führte.
Eine Fehde mit einer rivalisierenden Drogenbande in Dublin brachte den Clan weltweit in die Schlagzeilen. 2016 fielen Schüsse in einem Hotel in Dublin bei einer Veranstaltung für einen Boxkampf. Der Beschuldigte soll Ziel gewesen sein, er überlebte unverletzt. Seither wurden laut den Informationen 18 Menschen getötet. Laut PA soll der Beschuldigte am 5. Oktober abermals vor Gericht erscheinen.
Obwohl irische und internationale Medien schon seit vielen Jahren über die Vorwürfe gegen Kinahan berichtet hatten, stieg er zu einem einflussreichen Strippenzieher im weltweiten Boxgeschäft auf (eine ausführliche Recherche zu Kinahans Einfluss im Boxgeschäft lesen Sie hier). Er gründete im spanischen Marbella einen Boxclub, aus dem ein erfolgreicher Boxstall wurde: MTK Global. Die Managementfirma nahm mehr als 200 Profis unter Vertrag, darunter zahlreiche Weltmeister wie Tyson Fury und Billy Joe Saunders, dazu mehr als 100 Mixed-Martial-Art-Kämpfer.
