
Als echtes Hochhaus wird der Mousonturm heute gar nicht mehr wahrgenommen. Mit einer Höhe von 33 Metern handelt es sich bei dem heute als Künstlerhaus genutzten Industriebau um ein für Frankfurter Verhältnisse eher niedriges Gebäude. Bei seiner Fertigstellung vor 100 Jahren war das anders. Natürlich gab es 1926 schon höhere Bauwerke. Der Domturm mit seinen 95 Metern Höhe und der 81 Meter hohe Turm der Dreikönigskirche in Sachsenhausen überragten alles. Aber ein echtes Hochhaus mit durchgehend nutzbaren Etagen hatte bis dahin in Frankfurt niemand gebaut.
Entstanden ist der Mousonturm im damals von Industrie geprägten Ostend als Fabrik- und Verwaltungsgebäude der 1798 in der Frankfurter Innenstadt gegründeten Parfüm- und Seifenfabrik J.G. Mouson & Cie. Fritz Mouson, Teilhaber des Unternehmens, hatte sich zuvor in den Vereinigten Staaten über moderne Produktionstechniken informiert. Er stellte die seit 1879 im Ostend ansässige Fabrik auf Fließbandfertigung um, leitete selbst mit den Architekten Robert Wollmann und Josef Geittner die bauliche Neuordnung des Geländes.
Dazu gehörte auch das Hochhaus, das die siebengeschossige Halle für die Seifenproduktion überragte. Ein großer, schon von Weitem sichtbarer Schriftzug am Kopf des Turms machte Werbung für das Unternehmen. Es handelt sich um einen Betonskelettbau, der mit einer Klinkerfassade verkleidet war. Im achten Obergeschoss befand sich ein Wasserreservoir. Diese Form der Industriearchitektur hatte es in Frankfurt bis dahin nicht gegeben. Lediglich der kurz zuvor entstandene Verwaltungsbau der Farbwerke im damals noch selbständigen Höchst weist in eine ähnliche Richtung. Der sogenannte Behrens-Bau ist mit noch mehr expressionistischen Details versehen, überschreitet aber die Grenze zum Hochhaus nicht.
In den Siebzigerjahren drohte der Abriss
Den Zweiten Weltkrieg überstand der Turm im Gegensatz zum übrigen Fabrikgelände weitgehend unbeschadet. In den Siebzigerjahren wurde die Produktion im Ostend eingestellt. Der Turm wurde 1976 unter Denkmalschutz gestellt, doch eine Nutzung gab es zunächst nicht. Der kürzlich gestorbene Heinz Schomann, damals Leiter des Denkmalamts, setzte sich für den Erhalt ein. Um einen Abriss zu verhindern, kaufte die Stadt 1979 das Gebäude. 1988 wurde es nach Plänen des Büros Albert Speer & Partner umgebaut, seitdem wird es als Künstlerhaus mit Theater-, Tanz- und Musikaufführungen genutzt.
Heute ist der Mousonturm ein Symbol für die industrielle Moderne der Zwanzigerjahre, für die Entwicklung Frankfurts zur Hochhausstadt und für die Umnutzung eines Gebäudes von der Waren- zur Kunstproduktion. Das Jubiläum von Frankfurts erstem Hochhaus wird der Mousonturm am 22. und 23. August gemeinsam mit den Nachbarn feiern.
Den Status des höchsten Hochhauses in Frankfurt hatte der Mousonturm übrigens nur wenige Jahre. 1931 wurde im Westend das IG-Farben-Haus fertiggestellt. Das heutige Hauptgebäude der Goethe-Universität wirkt zwar wegen seiner vertikalen Orientierung nicht wie ein Hochhaus, ist aber zwei Meter höher als der Mousonturm. Deutlich höher hinaus ging es erst in den Fünfzigerjahren mit dem 69 Meter hohen Fernmeldehochhaus in der Innenstadt. Das ist aber nicht mehr erhalten – im Gegensatz zum Mousonturm.
