Wer im Jahr 1979 als Jugendlicher das Lied „Overkill“ zu hören bekam, traute seinen Ohren kaum: Was für ein Druck! Was für eine räudige Stimme! Was für ein apokalyptisches Trommel-, Gitarren- und Bassgewitter! Der Sänger wirkte furchteinflößend mit seinem Westernbackenbart und den garstigen Fibromen im Gesicht. Andere Bands bemühten sich, gefährlich auszusehen. Lemmy Kilmister musste sich nicht bemühen, er war in dieser Hinsicht ein Frühvollendeter.
Lang und steinig aber war sein Weg zum Ruhm, den Frank Schäfer in seiner Bandbiographie „Motörhead“ nachzeichnet, die zu dreifachem Anlass erschienen ist: dem fünfzigjährigen Gründungsjubiläum der Band, dem achtzigsten Geburtstag und zehnten Todestag des Meisters der musikalischen „Rabiatesse“. Nichts konnte Lemmy beirren. Als Leadgitarrist der Beatcombo The Rockin’ Vickers wurde er 1967 vom Radioguru John Peel verhöhnt: Sein verhuschtes Geschredder in „It’s Alright“ sei das „schlechteste Gitarrensolo aller Zeiten“.
Motörhead als Verjüngungskur für die Rockmusik
Bei der Band Sam Gopal machte er erstmals als geschmeidige Singstimme auf sich aufmerksam, auch wenn der psychedelisch-pseudoindische Sound heute kurios wirkt. Zum Bassmann mit rauer Kehle mutierte er dann bei der Spacerockband Hawkwind. Hier sang er nicht nur deren größten Hit „Silver Machine“, sondern auch schon einen Song namens „Motorhead“.

Schäfer ordnet die Band gut ein in jene Bestrebungen der späten Siebzigerjahre, der artifiziell gewordenen Rockmusik eine Verjüngungskur zu verpassen, mit der sie gegen die Konkurrenz von Punk, Funk und New Wave bestehen konnte: Simplifizierung (AC/DC) und Eskalation (Judas Priest) waren die wichtigsten Strategien. Motörhead hatte teil an beiden. Nach einigen furiosen Alben geriet die Band aber in die Defensive. Plötzlich gab es auf der einen Seite noch brutalere Metalkrieger wie Slayer oder Pantera, die dazu mehr Alben verkauften als Motörhead; auf der anderen Seite die toupierten Hair-Metal-Bands, die das Genre ins Poppige hinüberspielten und natürlich noch mehr Alben verkauften. Zwischen Massaker und Melodie verfolgten Motörhead stoisch ihren Kurs des knüppelharten Rock ’n’ Roll, auch wenn die Verkaufszahlen über viele Jahre dürftig blieben.
Schäfer beschreibt deshalb eine Band, die ordentlich schuften und touren muss. Spätestens alle zwei Jahre brachte man sich mit einem neuen Album in Erinnerung, das fast wie die alten klang. Schäfer spricht von der „Kunst der Variation“ und nimmt sich jedes Werk analytisch vor, um das eine oder andere übersehene Glanzstück zu empfehlen – etwa „Love Can’t Buy You Money“ und „I Don’t Believe a Word“ vom backenbartlosen Album „Overnight Sensation“ (1996).
Lemmy Kilmister: Ein warmherziger und gebildeter Zeitgenosse
So ist in diesem Buch viel vom Rock ’n’ Roll die Rede, aber nur wenig von „Sex and Drugs“. Ausgiebig befasst sich das Buch dagegen mit Lemmys Songtexten, deren lyrische Feinfühligkeit einen Kontrast zum „sinistren Gebelfer“ und dem Brutalismus der Musik bildet. Ausgerechnet der Mann, der die Installation eines Bombers bedrohlich über der Bühne schweben ließ, steht als Antikriegspoet nicht hinter Bob Dylan zurück, etwa mit der ans Herz greifenden Ballade „1916“.
Hinter der räudigen Rockerschale war er ein warmherziger und gebildeter Zeitgenosse. Ozzy Osbourne staunte, dass in seinem Tourneekoffer neben einer Unterhose zum Wechseln nur Bücher waren. Frauen haben Lemmys höfliches und solidarisches Verhalten gelobt. Und mit den Jahren wuchs ihm Dignität zu. Aus dem Outlaw wurde der „weise alte Grandpa des Metal“ und eine crossmedial vermarktete Ikone; es gab Lemmy als Videospielfigur und als Badeente.
Aber bei allem Personenkult – am Ende machte der multimorbide, tief erschöpfte Mann, gezeichnet vom jahrzehntelangen exzessiven Speed- und Whiskeykonsum, auf der Bühne eine immer bestürzendere Figur und musste viele Auftritte abbrechen. Erschütternd war sein Blick voller Trauer und Todesahnung – so wörtlich wollten all die Totenköpfe und Metaltodessymbole dann doch nicht genommen werden. Schäfer schreibt: „In ihm offenbart sich die Tragik des alternden Rockstars, der die Bühne braucht als Ort, an dem er sich noch einmal lebendig fühlt, und ihn gleichzeitig verabscheut, weil ihm dort ständig vor Augen geführt wird, dass er den Anforderungen nicht mehr gewachsen ist.“
Dass Schäfer solche kritischen Gedanken nicht verhehlt, macht neben dem musikalischen Sachverstand die Qualität seines Buches aus, das sich dadurch abhebt von den üblichen Hagiographien und vor allem Lemmys Selbstfeier in der Autobiographie „White Line Fever“.
Frank Schäfer: „Motörhead“. Eine Biographie. Suhrkamp Verlag, Berlin 2025. 261 S., br., 22,– €.
