
Der brutale Mord an vier Landarbeitern aus Afghanistan und Pakistan in der süditalienischen Region Kalabrien von Montagnachmittag scheint aufgeklärt. Dank der Zeugenaussagen eines Überlebenden und nach Auswertung der Aufnahmen von Überwachungskameras konnten noch in der Nacht zum Dienstag zwei Pakistaner unter dringendem Mordverdacht festgenommen werden.
Die Aufnahmen von der Überwachungskamera der Tankstelle an der Staatsstraße 106 nahe der Ortschaft Amendolara haben das Land erschüttert. Darauf ist zu sehen, wie zwei Männer – einer in schwarzer, der andere in weißer Kleidung – an der Tankstelle zunächst Benzin in das Wageninnere schütten, dieses entzünden und sodann die Wagentüren des Minivan Fiat Ulysse von außen zuhalten, während aus dem Wagen schwarzer Rauch quillt.
Wenige Sekunden später fliehen die beiden Männer, der Wagen brennt vollständig aus. Von den fünf Insassen im Auto konnte sich nur ein 35 Jahre alter Afghane mit Verbrennungen zweiten Grades retten, indem er sich über die geöffnete Heckklappe in Sicherheit brachte. Drei Afghanen zwischen 19 und 28 Jahren sowie ein 29 Jahre alter Pakistaner verbrannten bei lebendigem Leib. Die flüchtigen Verdächtigen trugen zum Zeitpunkt ihrer Festnahme die gleiche Kleidung, wie sie auf den Aufnahmen der Tankstellenkamera zu sehen war.
„Italien wird nicht zurückweichen“
Bei den Ermordeten und dem Verletzten handelte es sich um Landarbeiter, die für Billiglohn und unter sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen auf den Erdbeerfeldern in Kalabrien die Ernte einbrachten. Nach italienischen Medienberichten war es zwischen den fünf Landarbeitern und den beiden sogenannten Caporali auf den Vordersitzen des Minivans zum Streit gekommen. Die Caporali beuten die rechtlosen Landarbeiter zusätzlich aus, indem sie von diesen überhöhte Preise für den Transport von deren Unterkünften zu den Feldern verlangen. Möglicherweise war es unmittelbar vor der Mordtat zu einem Streit über den Fahrpreis von bis zu fünf Euro täglich gekommen, den die Landarbeiter von ihrem Tageslohn von 20 bis 25 Euro bestreiten müssen.
Auch Meloni äußert sich zu der Tat
Der Polizeichef der Provinzhauptstadt Cosenza sagte nach dem Mord, er habe „in 34 Dienstjahren noch nie so etwas Grausames erlebt“. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni zeigte sich „zutiefst erschüttert über den entsetzlichen Mord an den vier Landarbeitern in Kalabrien“, dankte den Ermittlern für deren raschen Fahndungserfolg und verlangte eine vollständige Aufklärung der Tat. „Italien wird angesichts von Gewalt und Barbarei nicht zurückweichen“, schrieb Meloni auf der Plattform X.
Von dem Caporalato genannten Ausbeutungssystem in der italienischen Landwirtschaft profitieren neben den Agrarunternehmern vor allem die Caporali, die meist aus den gleichen Ländern stammen wie die Landarbeiter, sowie die einheimische Mafia. Nach Schätzungen des größten italienischen Gewerkschaftsbundes CGIL arbeiten bis zu 230.000 Menschen ohne Arbeitsvertrag auf den Feldern Italiens, das ist mehr als ein Viertel der Saisonarbeiter in der Agrarwirtschaft des Landes.
Versuche verschiedener Regierungen, das Milliardengeschäft der modernen Sklaverei in der Agrarwirtschaft zu bekämpfen, hatten bisher wenig Erfolg. Vor allem in Süditalien floriert das Caporalato. 2016 wurde in Rom ein Gesetz verabschiedet, wonach die Ausbeutung von Schwarzarbeitern auf den Feldern mit bis zu sechs Jahren Haft geahndet wird. Die Strafe kann um weitere zwei Jahre verschärft werden, wenn der Arbeitnehmer geschlagen oder schwer bedroht wird.
