Die Schraubzwinge ist des Schreiners Freund: „Hat jemand eine Kleine?“, fragt Heinz Seipel und findet sie auf dem Koffer eines Akkuschraubers, noch ein unverzichtbares Werkzeug, genauso wie die Kreissäge. An der steht Mikel Hogan, drahtiger Mittsechziger, bringt Bretter auf Länge und gibt Anweisungen, wenn die Säge gerade Pause hat: „Nimm das Brett nach außen, dann passt das.“ Die angeschlagene Feder wird dann später nicht mehr stören, wenn der Deckel erst auf Maß gebracht worden ist. Es soll schließlich ordentlich aussehen, was die Teilnehmer des dreitägigen Workshops auf dem Neuen Friedhof in Offenbach bauen: Särge, das „Möbelstück für die letzte Reise“.
Vier Teilnehmer, drei Frauen, ein Mann, sägen, leimen und schrauben unter den Arkaden des Verwaltungsgebäudes auf dem Neuen Friedhof in Offenbach. Die Geschäftigkeit der Heimwerker passt zum Ambiente: Die benachbarte Trauerhalle wird gerade saniert, Baustelle überall: „Hier musst du leimen, die andere Ecke interessiert mich noch nicht!“ Hogan gibt Anweisungen im soliden Handwerkerton, schließlich muss es zügig vorangehen. Denn bis zum Sonntagabend müssen die Särge fertig sein, eine Verlängerung gibt es nicht. Aber es sieht gut aus: Nur die Deckel müssen noch zusammengefügt und zugesägt werden, und der Leim zieht schnell an. „Knappe halbe Stunde“, sagte Hogan, geht dank des Holzes zügig: „Nordische Fichte, da zieht er schnell an. Bei Eiche müssten wir bis morgen warten.“ Der Verschnitt wird übrigens verwertet: Aus den Holzresten werden bei einem anderen Workshop Urnen gebaut.
Kaufmann, Tischler, Therapeut
Der Nordrhein-Westfale aus Hamm ist vom Fach, auch wenn die Lehre und die Arbeit in Schreinereien nur Stationen in Hogans Lebenslauf sind. Erster Punkt war eine kaufmännische Ausbildung, „weil das alle meine Freunde gemacht haben“, dann der Wechsel ins Handwerk als Möbeltischler, eine Arbeit ganz nach seinem Geschmack. Der nächste berufliche Kurswechsel kam mit der Krise der Branche: Der 1961 geborene Hogan wurde zum Ergotherapeuten umgeschult und arbeitete im Sozialen Dienst, unter anderem auch in einem Altenheim. Schon dort nutzte Hogan sein handwerkliches Können, wenn es zum Beispiel darum ging, den Lieblingssessel einer alten Dame so zu erhöhen, dass sie aus ihm wieder aus eigener Kraft aufstehen konnte. Aber Hogan erlebte auch die Gegenwart von „Tod und Abschied nehmen“.
In seinem beruflichen Werdegang liegt ein Schlüssel zu seiner Entscheidung, sich selbständig zu machen und Workshops zum Bau von Särgen und Urnen anzubieten, ein anderer in einem persönlichen Erlebnis: Der Tod eines Freundes, „der noch nicht in der Riege gewesen wäre“. Beerdigt wurde er im Münsterland, ganz formal, ganz traditionell, bis hin zur besorgten Frage der Witwe nach der Zeremonie, ob sie denn auch alles richtig gemacht habe.

Da begann Hogan darüber nachzudenken, was er hätte tun können, wie er seinen Freund in dessen letzten Monaten hätte begleiten und auf den Abschied vorbereiten können: „Was kann ich machen, mit dem, was ich erfahren habe?“ Aus der Überzeugung, „es muss auch anders gehen, so möchte ich das nicht für mich und meine Zugehörigen“, entwickelte er das Konzept für die Sargbau-Workshops. Dazu zählt natürlich das Handwerkliche, aber auch das Gespräch über Abschied und Tod, daher war für Hogan von Anfang an klar, dass auch eine seelsorgerische Begleitung dazu gehört.
In Offenbach ist das der Part von Timo Haas, Psychotherapeut und zuvor 17 Jahre lang katholischer Priester. Außerdem ist er Sohn eines Schreiners, und die Erfahrungen aus Kindheit und Jugend sind im Augenblick gefragter als sein seelsorgerisches Rüstzeug. Haas schleppt Bretter, „Timo, wir brauchen noch mehr“, kontrolliert Verbindungen und hilft bei der Montage. Am Ende werden gut und gerne 200 Schrauben neben dem Leim die Särge halten. Gesprochen wird vor allem über das Schreinern, aber mit dem Thema Tod und extremen Lebenssituationen sind die drei Teilnehmerinnen ohnehin vertraut.
Gabriele Scholz engagiert sich in der Hospizarbeit, ihre Frau Heike Städter, von Haus aus Musikerin, als Trauerbegleiterin und -Rednerin. Sie musiziert auch in Heimen und Hospizen, gibt auch „Privatkonzerte am Pflegebett“. Pia Staudt, gerade erst ist sie in Pension gegangen, arbeitet nach einer entsprechenden Schulung in der Notfallseelsorge im Kreis Darmstadt-Dieburg mit. Nur der 74 Jahre alte Heinz Seipel, „geboren in Seligenstadt, heute in Hainburg“, ist „einfach aus Interesse da“, er hatte durch die Lokalzeitung von dem Workshop erfahren. Eigentlich hatten sich noch zwei weitere Teilnehmer angekündigt, Vater und Sohn, aber sie mussten kurzfristig absagen. „Schade“, sagt Hogan, sie hätten die Gruppe bereichert. Aber ihre Teilnahme hätte auch eine handwerkliche Herausforderung bedeutet. Beide Männer sind knapp zwei Meter groß, da wäre besonderes Material vonnöten geworden.
Faktisch kommt man bei der Beerdigung nicht ohne Sarg aus, auch bei Feuerbestattungen. Es gibt zwar Ausnahmen aus religiösen Gründen, Muslime werden nur in einem Leinentuch bestattet, und in Rheinland-Pfalz ist gerade im Bestattungsgesetz die Sargpflicht für Erdbestattungen aufgehoben worden. Darum habe es einigen Streit im Land gegeben, erzählt Timo Haas, der im rheinhessischen Guntersblum lebt. Das letzte Wort aber haben die Kommunen, die in ihren Friedhofssatzungen und den Betriebsordnungen der Krematorien die Regeln vorgeben. Sieht man von den Ausnahmen ab, dann sind auch für die Kremierung Särge vorgeschrieben. Bei Erdbestattungen ist auch vorgegeben, dass Material gewählt wird, das leicht verrottet. Für Feuerbestattungen ist zum Beispiel in Offenbach vorgeschrieben, dass der Sarg aus Vollholz gebaut werden muss, Tropenhölzer und Eiche werden nicht angenommen. Sperrholzsärge für die Einäscherung kosten von 200 Euro an aufwärts, der Standard liegt bei etwa 800 Euro. Bei Särgen für Erdbestattungen kann es deutlich teurer werden, es finden sich sogar Angebote für mehr als 10.000 Euro.

Während Seipel sich noch einmal neben seinen Sarg-Korpus stellt, „muss ja passen“, arbeitet Staudt an einem mit einer Länge von 1,8 Meter recht kleinen Exemplar. Mehr Platz bleibe nicht in der niedrigen Sattelkammer, in der sie ihre Arbeit aufstellen wolle. Viele Jahre ist die Groß-Umstädterin geritten, hat es anderen als Trainerin für Westernreiten auch beigebracht, aber inzwischen machen die Knie nicht mehr mit, Arthrose. Daher hält die Südhessin auch nur noch ein Pferd, „altes Tier und alte Frau, das passt doch“. Dass für Staudt der Tod ein Teil des Lebens und kein Tabu ist, das spürt der Zuhörer, als sie ins Erzählen kommt. Mehr als ein Jahr lang betreute sie ihren an Krebs erkrankten Vater, eine Vereinbarung mit ihrem Dienstherren machte es möglich. Sie erinnert sich an Ausflüge und die gemeinsam verbrachte, für beide erfüllende Zeit in den letzten fünfzehn Monaten seines Lebens.
Die wenigsten der Teilnehmer an Hogans Workshops bauen ihre Särge als Vorbereitung für ihre Beerdigung. Der Korps als Sitzbank, die Deckel als Tische, bei denen „Weinkisten als Beine beliebt sind“ – den Begriff „Möbel“ hat er ganz bewusst gewählt. Aber manchmal ist ein Sarg eben ein Sarg, so wie bei dem Mann, der sich kurz nach dem ersten Workshop bei Hogan meldete: Er habe keine Zeit mehr bis zum nächsten Termin im Herbst. Also verabredeten sich die Männer und machten sich an die Arbeit, soweit es die Kräfte des Sterbenden zuließen. Hogan erinnert sich an den Mann, der seine Angelegenheit in seinen letzten Monaten Stück für Stück regelte, eine Art Checkliste habe der frühere Friedhofsgärtner abgearbeitet: „Sarg: Erledigt.“
Auch der Tod hat seine Routine
Mittlerweile hat sich Hogan mit seinem Sargbau-Atelier, das er in einer leerstehenden Wohnung in seinem Haus eingerichtet hat, selbständig gemacht. Gar nicht so einfach, wie er erzählt. Flugs meldete sich bei ihm die Kammer: Was ihm denn einfalle, einfach einen Sargbau-Betrieb zu eröffnen, und das ohne Meister. Er hatte einige Überzeugungsarbeit zu leisten, dass er einen ganz anderen Ansatz verfolge, und auch die Behörden hatten ihre Schwierigkeiten, den Betrieb einer Kategorie zuzuteilen: „Dann habe ich gesagt, schreiben Sie ‚Künstler‘, seitdem habe ich nichts mehr gehört.“

Mittagspause, es gibt Pizza, Nudeln und Salat vom Italiener. Seipel erzählt während des Essens, dass für ihn die Arbeit an dem Sarg nichts mit Schauer und Grusel zu tun habe, „unverkrampft“ nähere er sich dem Ganzen. Aber im Bekanntenkreis habe es auch andere Stimmen gegeben: „Um Gottes Willen, bloß nicht“, habe es geheißen. Gestört hat er sich nicht daran. Wer sich wie er jahrzehntelang in der Kommunalpolitik engagiert hat, der lernt offenkundig Gelassenheit. Mit der will es Hogan aber nicht zu weit kommen lassen, schnell schickt er die Teilnehmer wieder an die Arbeit, die Zeit drängt, „wie das bei Handwerkern eben so ist“. Immerhin spielt das Wetter mit, bei der Premiere in Offenbach vor einem Jahr war das anders, da mussten die Teilnehmer bei hochsommerlicher Hitze schuften.
Vorsichtig werden die Deckel auf den Arbeitsstationen, also den Biertischen, in Position gebracht, Endspurt. Ohnehin werden manche Arbeiten nicht mehr auf dem Friedhof erledigt, Seipel zum Beispiel will zu Hause noch Zwischenböden einfügen. Denn sein Werkstück soll später die Gläser aufnehmen, in denen seine Frau Marmelade einkocht. Dafür wird die Zeit in Offenbach nicht genügen: Die Friedhofsgärtner haben in ihrem Lager über das Wochenende Platz für das Material des Workshops gemacht, aber am Montag werden sie den wieder brauchen. Dann geht auf dem Friedhof das Leben weiter.
