Der vielleicht fleißigste Mann in Frankfurt ist ein Kfz-Meister im Ostend. Dass Fathalah Movahedi-Sichani jeden Tag mehr als zwölf Stunden in seiner Werkstatt an Autos schraubt, liegt allerdings nicht nur an seinem Arbeitsethos, sondern auch an fehlenden Mitarbeitern, die der 65 Jahre alte Mechaniker wie viele Selbständige händeringend sucht.
Jeden Morgen von Montag bis Samstag schließt er um acht Uhr die Tür seines Büros für die Kunden auf, vorher hat er in der Werkstatt schon eine Weile gearbeitet. Der Mann aus dem iranischen Isfahan zeigt dabei eine geradezu preußische Disziplin: „Zeit ist mir wichtig, sie ist Gold wert. Und es ist wichtig, alles ordentlich zu machen.“ Daher beginnt er immer pünktlich, aber er „hört immer unpünktlich auf“.
Die Autos, die auf den Hof an der Wittelsbacherallee einbiegen, haben manchmal auch schon ein längeres Leben hinter sich. Sie haben Kratzer, Beulen, sie tropfen oder brummen, wo sie es nicht sollen. Movahedi ist dann ein Detektiv, der sich mit Elan auf die Suche nach dem Problem macht. Er ist ein Schrauber, ein Tüftler, wie er im Buche steht. Keiner, der dem Befund blind vertraut, den ein elektronisches Diagnosegerät ausspuckt, sondern der hinterfragt, ob der überhaupt so stimmen kann.
Das Autoradio war nicht das Problem
So wie neulich bei dem Auto einer Kundin, das nach 15 Minuten zu stinken anfing und bei dem sich gleichzeitig das Autoradio abschaltete. Drei Werkstätten hätten das Problem nicht lösen können, klagte die Besitzerin. Nun war sie also bei Movahedi gelandet. Der prüfte nacheinander alle Bauelemente, die Lichtmaschine, maß den Strom und stellte fest, dass die Batterie nach 15 Minuten überkochte, Säure spritzte heraus und stank. Das Autoradio hatte damit gar nichts zu tun, es reagierte aber automatisch auf eine ansteigende Spannung und schaltete sich dann selbst ab.

„Ich habe mich so gefreut, den Fehler gefunden zu haben“, sagt der Kfz-Meister mit einem strahlenden Lächeln. Umgekehrt ärgert es ihn sehr, wenn er ein Problem nicht lösen kann. Moderne Fahrzeuge sind oft nur mit einer speziellen Software auszulesen, die den eigenen Vertragshändlern vorbehalten ist. „Was eine freie Werkstatt zur Verfügung hat, ist da nicht immer ausreichend.“
Schon der Vater hat als Mechaniker in Iran gearbeitet
Sein Vater war ebenfalls Mechaniker, zuständig für Maschinen in Zimmergröße, die Teil eines Kraftwerks im Umland von Isfahan waren. Schon als Junge verbrachte Movahedi die schulfreien Sommer am Arbeitsplatz des Vaters. Dort ließ er sich zeigen, wie alles funktionierte, und lernte im großen tiefen Kühlbecken für die Maschinen schwimmen, erinnert er sich an eine unbeschwerte Jugendzeit in Iran.
Zu verstehen, wie technische Bauteile zusammenhängen, was einen Motor antreibt, das hat ihn schon von klein auf fasziniert. Das sieht man auch den Vitrinen in seinem vollgestellten Büro an. Dort vermehren sich unkontrolliert seine Flohmarktfunde, zu denen sich ähnliche Geschenke von Freunden gesellen: Modellautos, ein altes Funkgerät und historische Telefone, eine Dampfmaschine und alte Schreibmaschinen. Lauter Dinge, die man auseinandernehmen, deren Technik man entschlüsseln und schließlich verstehen kann.
Drum herum stapeln sich Autoschlüssel, Papiere und Ersatzteile, doch verloren geht erstaunlicherweise nichts. Bei der Ablage der Dokumente hilft ihm manchmal seine 22 Jahre alte Tochter Sania. Auch sein Sohn Sami, 25, hat schon mit angepackt. Die Werkstatt übernehmen wollen sie aber nicht.
„Die Arbeit in Deutschland hat ihren Wert verloren“
Mit seiner guten Arbeit und seinen fairen Preisen hat sich der Kfz-Meister auch über das Viertel hinaus einen Namen gemacht. Doch es ist auch alles ein bisschen bitter: Die Auftragslage ist so gut, er könnte jetzt gutes Geld verdienen. Nachdem zwei Werkstätten in der Nähe geschlossen haben, kommen noch mehr Kunden zu ihm. Aber es fehlt der Raum in seiner Werkstatt, es fehlt die Zeit, und vor allem fehlt es an Mitarbeitern, von denen viele nur noch in Teilzeit arbeiten wollen. „Sie sagen, Vollzeit lohne sich nicht“, sagt Movahedi. „Die Arbeit in Deutschland hat ihren Wert verloren.“

Nur zwei Mitarbeiter hat er im Augenblick, es waren mal vier. Damit teilt er das Los vieler Selbständiger, die einen Kleinbetrieb führen und einen kranken Kollegen kaum ersetzen können. Der Chef nimmt nur so viele Aufträge an, wie ihm Mitarbeiter zur Verfügung stehen. „Aber was soll ich machen, wenn sich jemand am Sonntagabend krankmeldet? Dann muss ich am Montag einen Teil seiner Arbeit mit übernehmen – und schiebe die anderen Aufträge die ganze Woche vor mir her.“
Vor 40 Jahren kam Movahedi aus Iran nach Deutschland. Geflohen war er als junger Mann vor dem, was man als Revolution in Iran bezeichnet hat, was aber der Rückschritt in einen absolutistischen Gottesstaat unter Ajatollah Khomeini war. Viele wollten damals das Land verlassen, nicht allen gelang es. Auch Movahedi musste sieben Jahre ausharren, bevor er gehen konnte. Weil er sich politisch engagiert hatte, sah er in Iran keine Zukunft für sich.
Dennoch war das Auswandern ein Schritt, der ihm sehr schwerfiel, weil er seine ganze Familie zurückließ. „Ich musste mich selbst retten“, sagt er dazu. Einige seiner Freunde seien damals zum Wehrdienst eingezogen worden, manche starben im Kampf für ein Regime, das sie gar nicht gewollt hatten. Manche wurden inhaftiert, andere verschwanden einfach.
Ohne Integrationskurs und Beratungsstelle
In Deutschland erhielt er Asyl, nach drei Jahren die Arbeitserlaubnis. In Marburg machte der Mechaniker, der in Isfahan Alarmanlagen installiert hatte, eine Umschulung zum Kfz-Mechaniker bei Mercedes. Seine Vorkenntnisse in Elektrik und Mechanik und sein Abitur halfen ihm dabei, aber seine Deutschkenntnisse, die sich auf einen sechsmonatigen Kurs beschränkten, waren dürftig. „Ich musste damals jeden Tag 50 bis 60 neue Wörter lernen, oft Fachbegriffe, ich verstand ja sonst nichts im Kurs.“
Am Ende der dreijährigen Ausbildung waren seine Noten dennoch so gut, dass er seine Abschlussprüfung vorziehen konnte. Fast 30 Jahre ist es her, dass er auch seine Meisterprüfung bestanden hat, ebenfalls in kürzerer Zeit als vorgesehen, wie er gerne berichtet. Er hat auch allen Grund dazu, stolz auf das zu sein, was er damals ohne Integrationskurse oder Migrationsberatungsstellen hinbekommen hat, in einer Zeit, in der es auch kein persisch-deutsches Wörterbuch für Fachbegriffe gab, weder gedruckt noch im Internet: „Ich war der erste Ausländer, der dort die Meisterprüfung bestanden hat.“
Mit seiner Frau Rama, die ebenfalls aus Iran stammt und die er in Marburg kennengelernt hatte, ist er dann nach Frankfurt gezogen und wagte den Schritt in die Selbständigkeit. Zehn Jahre lang hatte er eine Werkstatt im Stadtteil Bornheim, seit fast 20 Jahren nun im Ostend. „Deutschland ist mittlerweile meine zweite Heimat, hier habe ich mein bestes Leben gelebt. Aber Iran ist mein Vaterland“, sagt Movahedi, der wie viele Iraner an seine Angehörigen dort denkt, wenn er die bedrückenden Kriegsnachrichten aus der Region verfolgt.
Zwei bis drei Jahre möchte er noch weiterarbeiten, sofern sich sein Mietvertrag verlängern lässt und „wenn ich mich so lange auf den Beinen halten kann“. Darauf hoffen all seine treuen Stammkunden, für die er immer die beste, nicht die teuerste Lösung ihrer Autoprobleme sucht.
