Immer wieder berichten Neurobiologen und Psychologen von kleinen Wundern, die durch Musik hervorgerufen werden. Menschen, die nach einem Schlaganfall nicht mehr reden können, schaffen es noch zu singen. Durch das Singen von Liedern gelingt es ihnen, ihr Sprachvermögen zurückzuerwerben. Demenz, Depressionen, Schizophrenie oder Autismus können durch Musik gelindert oder in ihrem Verlauf gebremst werden. Woran liegt das?
Das im Frühjahr gegründete Kronberg Institute for Music & Health will das systematisch erforschen und ist dazu eine Kooperation mit der Kronberg Academy eingegangen. Aufgebaut wird es gerade von dem Neurowissenschaftler Michael Madeja, Professor an der Universität Frankfurt am Main, der auch an der Spitze des Stiftungsrates steht. Madeja hat bereits mehrere Institute ins Leben gerufen, darunter das Hertie-Institut für klinische Hirnforschung in Tübingen oder das Else Kröner Fresenius Zentrum für Digitale Gesundheit an der Technischen Universität Dresden.
Privat finanzierte medizinische Forschung
Noch ist das Kronberg Institute for Music & Health eine unselbständige Stiftung. Die Verwaltung der Mittel der Stiftung liege in den Händen des Vorstands der Stiftung der Kronberg Academy, erzählt Madeja. Aber es sei seines Wissens „das erste gemeinnützige medizinische Forschungsinstitut in Deutschland, das komplett privat finanziert ist. Wir müssen durch das Spendenwesen einen finanziellen Grundstock sicherstellen, und es wäre denkbar, dass sich später diese unselbständige Stiftung in eine selbständige umwandelt. Finanziell wird das Institut aber von Beginn an unabhängig bleiben und keine Förderung durch die Kronberg Academy erhalten. Die Mittel für seinen Betrieb soll es selbst erwirtschaften.“

Unter der Direktion der drei Spitzenforscher Eckart Altenmüller, Christian Gold und Stefan Kölsch soll es in Kronberg um die Frage gehen: Wie kann man Musik zur Heilung oder Prävention von Krankheiten einsetzen? Das sei nämlich gar nicht so abwegig, meint Madeja: „Wir wissen bereits, dass Musik sehr viel mit dem Gehirn zu tun hat. Und die Pharmakologie sagt uns, dass das Gehirn große Änderungen gar nicht verkraftet, was entscheidend ist bei der Entwicklung von neuen Medikamenten. Spezifische Substanzen mit hoher Effizienz sind im Gehirn oft nicht so gut einsetzbar, weil das Gehirn diese Substanzen an bestimmten Stellen anreichert, sodass man zu giftigen Konzentrationen kommt und starke Nebenwirkungen hat. Deshalb halten wir es für aussichtsreich, die Musik, die eine große Kraft darstellt, aber nur moderate Wirkungen im Gehirn erzeugt, medizinisch einzusetzen. Die Akut- und die Notfallmedizin werden daher nicht das Einsatzgebiet der Musik sein. Aber sie wird vielleicht interessant bei chronischen Erkrankungen und bei der Prävention.“
Musik als Vorsorgeleistung zur Entlastung eines kaum mehr finanzierbaren Gesundheitssystems? Das klingt reichlich kühn, ist aber für Madeja eine ernsthafte Arbeitshypothese. Um sie zu belegen, braucht man belastbare Daten. Die sollen nun in einem hochmodernen Konzertsaallabor mit 88 Sitzplätzen für Probanden gewonnen werden. Dieses „Living Lab“ wird am Beethovenplatz neben dem Casals Forum in Kronberg demnächst gebaut werden. Schon Ende 2028 soll es fertig sein, finanziert ausschließlich mit privatem Geld. Die hessische Unternehmerfamilie Strauss hat sich dafür besonders starkgemacht. Auch das neue Wohnheim der Kronberg Academy, die Casa Casals mit 20 Zimmern und einem Bistro, gehört zu diesem Bauabschnitt zwei.
Wie der Konzertsaal genau aussehen wird, steht noch nicht fest. Die mobilen Messgeräte entwickeln sich momentan so schnell, dass man ihn technologieoffen gestalten will. Es geht darum, die Wirkung von Musik in einer Konzertatmosphäre zu erforschen. Hören wir Musik im Konzertsaal anders als zu Hause? Macht es einen Unterschied, ob ein international erfahrener Künstler oder ein begabter Amateur spielt? Das können Ausgangspunkte für Messreihen sein. Eine Laboratmosphäre soll dabei gar nicht erst entstehen. Sie würde vom Musikerleben zu stark ablenken. Deshalb will man eine Verkabelung der Probanden unbedingt vermeiden. Viele Geräte würden am Platz sein, aber nicht stören, erläutert Madeja. Jeder der 88 Sitze werde einen Kabelkanal und einen Stromanschluss haben, sodass die Möglichkeit offenbleibt, Geräte, die erst in Zukunft entwickelt werden würden, anschließen zu können.

Nach derzeitigem Stand werde, so Madeja, jede Person „einen Ring bekommen, mit dem man unter anderem Herzfrequenz, Sauerstoffgehalt des Blutes, Hauttemperatur und -leitfähigkeit erfassen kann. Wir werden eine Bewegungserkennung bis hin zur individuellen Mimikauswertung haben, die im Sportbereich bereits weit entwickelt ist. Das könnte ein Mobilphon sein, das von der Rückenlehne des Vordersitzes aus die betreffende Person aufnimmt. Die so entstehenden Videoaufnahmen können dann mit schon existierenden Programmen und per Künstlicher Intelligenz ausgewertet werden.“
Zu den größten technischen Herausforderungen gehöre gegenwärtig noch die Registrierung der Aktivität der Hirnrinde über das Elektroenzephalogramm. „Die Systeme, die mit Hauben arbeiten, die man auf den Kopf setzt“, sagt Madeja, „sind belastend und dürften das Konzerterlebnis beeinträchtigen oder ganz zerstören. Wir denken über mobile Systeme wie Bänder nach, die man um den Kopf legen kann. Und zur Erfassung emotionaler Reaktionen ziehen wir schon entwickelte leichte Brillen in Betracht, mit denen man die Augenbewegungen und die Pupillenreaktion messen kann. Alles, was uns erregt oder aufregt, führt zu einer leichten Pupillenerweiterung.“
Zunächst würden hier die drei wissenschaftlichen Direktoren und ihre Arbeitsgruppen Messungen vornehmen. Allerdings soll das Konzertsaallabor auch anderen Arbeitsgruppen offenstehen, etwa von den benachbarten Universitäten Gießen, Frankfurt, Mainz, aber auch aus dem europäischen Ausland. Das Max-Planck-Institut für Empirische Ästhetik dürfte sich ebenfalls für diese Daten interessieren.
Im Freundeskreis der Kronberg Academy, der ungefähr zweitausend Personen umfasst, gäbe es bereits ein großes Interesse, sich als Proband zur Verfügung zu stellen. „Bei bereits Erkrankten sind wir mit verschiedenen Kliniken im Gespräch, auch mit Pflegeeinrichtungen für Demenzkranke“, berichtet Madeja. Musizieren werden die Akademisten ebenso wie die Dozenten und Gastsolisten. Diese Zusammenführung von künstlerischer Ausbildung, Konzertbetrieb und wissenschaftlicher Forschung solle nachhaltig Bestand haben, ein Vierteljahrhundert mindestens, sagt Madeja. Die Entschlossenheit, mit der dieses Institut vorangetrieben werde, sei auch ein Zeichen von Courage und sein Charakter jedenfalls weltweit einzigartig.
