Niels Bohr, Werner Heisenberg, Ernst Schrödinger – diese Namen dürften allen geläufig sein, die moderne Physik nicht völlig langweilig finden. Aber wer war David Bohm? Tatsächlich kann man heute ein komplettes Physikstudium abschließen, ohne von dem 1917 in Pennsylvania geborenen und 1992 in London verstorbenen Physiker je gehört zu haben. Wer sich allerdings für die philosophischen Aspekte dieser Wissenschaft interessiert, konkret der Quantenmechanik, kommt an Bohm kaum vorbei.
Auf der Quantenmechanik bauen die modernen Quantenfeldtheorien auf, und diese beschreiben die grundlegenden Strukturen der Materie mit ungeheurer Präzision und Vorhersagekraft. Was ihr Formalismus aber über die Realität hinter den physikalisch messbaren Erscheinungen aussagt – und ob überhaupt etwas –, ist heftig umstritten. Es gibt verschiedene Ansätze, die Quantenmechanik naturphilosophisch zu interpretieren und einer, die sogenannte Pilotwellen-Theorie, wurde Anfang der 1950er-Jahre von David Bohm formuliert. Es ist nicht der populärste, aber auch nicht der unbedeutendste Versuch einer solchen Interpretation. In einer Umfrage, die das Wissenschaftsmagazin „Nature“ im Jahr 2025 aus Anlass des hundertsten Jubiläums der Formulierung der Quantenmechanik veranstaltete, bekannten sich immerhin sieben Prozent der befragten Physiker zur „Bohmschen Mechanik“, wie die Pilotwellen-Theorie auch genannt wird.
Eine Vorlesung in Tel Aviv
Die Bedeutung Bohms für die Geschichte, ja die Gegenwart der Quantenphysik geht darüber aber hinaus. Dies ist die These von Hanoch Gutfreund und Jürgen Renn in ihrem Buch über eine Vorlesungsreihe, die Bohm 1957 in Tel Aviv hielt, als er vorübergehend als Professor in Israel wirkte. Das Skript zu diesen Vorlesungen war bisher unveröffentlicht, und so ist seine Edition nebst ausführlichem Kommentar durch Gutfreund und Renn zunächst einmal ein Dienst an ihrem Fach.

Beide sind Physiker und Physikhistoriker, die bereits zusammen über die Geschichte der Relativitätstheorie veröffentlicht haben. Hanoch Gutfreund lehrte lange an der Hebräischen Universität in Jerusalem und leitet heute das Archiv, das Albert Einsteins Nachlass hütet. Jürgen Renn war Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte und wurde 2022 Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts für Geoanthropologie in Jena.
Warum aber sollte sich eine breitere Öffentlichkeit für eine Vorlesung von vor 70 Jahren interessieren? Zunächst vielleicht wegen ihres Titels: „Philosophical Problems of Quantum Mechanics in the Light of Dialectic Materialism“. Dialektischer Materialismus ist die philosophische Weltanschauung des Marxismus, zu dem sich auch Bohm damals bekannte. Das hatte ihn in der McCarthy-Ära der frühen Fünfzigerjahre seine Stelle in Princeton gekostet, ihn zur Emigration aus den USA veranlasst und 1957 eben zu jenen Vorlesungen vor marxistischen Physikern in Tel Aviv, obgleich er noch im selben Jahr mit dem politischen Marxismus brach. Das macht Bohms Vorlesungen zu einem philosophiehistorischen Zeitdokument.
Ein Gegenvorschlag zur Kopenhagener Interpretation
Der physikhistorische Kontext, den Gutfreund und Renn referieren, war die sogenannte Kopenhagener Interpretation der Quantenmechanik. Sie geht davon aus, dass es in der Quantenphysik nicht um die Natur selbst gehen kann, sondern nur um das, was wir über sie sagen können. Diese Sicht war seit den Zwanzigerjahren vor allem von Niels Bohr in Kopenhagen entwickelt worden, nicht zuletzt in Auseinandersetzung mit den Einwänden Albert Einsteins, der auf einer realistischen Interpretation bestand.
Für gut zwei Jahrzehnte wurde die Kopenhagener Interpretation von fast allen Physikern vertreten, die sich überhaupt philosophische Gedanken über ihr Tun machten. Und noch heute ist „Kopenhagen“ in weiterentwickelter Form die dominante Interpretation. Nach der „Nature“-Umfrage von 2025 folgen ihr 36 Prozent der Physiker.
David Bohm aber kamen Zweifel, als er 1951 ein Quantenmechanik-Lehrbuch verfasste, und sie veranlassten ihn wenig später zur Formulierung eines Gegenvorschlags, eben der Pilotwellen-Theorie. Sie heißt auch De-Broglie-Bohm-Theorie, denn der Franzose Louis de Broglie hatte die Grundidee dazu bereits 1927 formuliert, war dann aber nach Kritik durch die Kopenhagener wieder davon abgekommen. David Bohm kehrte nun zu ihr zurück, aber nicht aus physikalischen Gründen – seine Pilotwellen machen keine anderen Vorhersagen als der seit 1932 abschließend etablierte Formalismus der Quantenmechanik –, sondern aus philosophischen.
Von Marx zu Hegel
Wie diese aber mit Bohms marxistischer Weltanschauung zusammenhängen, dies dokumentiert das neu entdeckte Vorlesungsmanuskript aus Tel Aviv. Wie Gutfreund und Renn allerdings zeigen, waren es nicht nur Marx, Engels und Lenin, die ihn hier leiteten, sondern vor allem eine intensive Beschäftigung mit dem Philosophen, aus dessen System heraus der Marxismus erst entwickelt worden war: Georg Wilhelm Friedrich Hegel, insbesondere dessen Werk „Wissenschaft der Logik“.
Eines der hier für Bohm zentralen Motive ist das der Einheit der Gegensätze, mit der sich Hegel gegen die Vorstellung von Begriffen als starre Schubladen wendet und gegen Abstraktionen, die Übergänge zwischen für sich genommen widersprüchlichen Aspekten ausblenden. Hegels Denken ist dialektisch, wie man auch sagt: Es vollzieht sich in Übergängen und Umschlägen, bei denen ein Stadium eines Erkenntnisprozesses von einem anderen nicht einfach nur verworfen wird, sondern „aufgehoben“ – in dieses Wortes dreifacher Bedeutung: überwunden, auf eine reichere Ebene gehoben und damit auch bewahrt.
Dies versucht Bohm nun für die Quantenphysik mit ihren Widersprüchlichkeiten fruchtbar zu machen. „Für Bohm sprechen Natur und Mensch dieselbe Sprache“, schreiben Gutfreund und Renn, „und folgen demselben dialektischen Gang: durch Widersprüche hindurch zu höheren Formen des Seins und des Denkens“.
Real sollen die Wellen sein
Beispielsweise weigert sich die Kopenhagener Interpretation, weiter darüber nachzudenken, ob ein Quantending, das je nach Messaufbau wellenhafte oder teilchenhafte Eigenschaften zeigt, nun in Wirklichkeit eine Welle, ein Teilchen oder etwas noch mal ganz anderes sei. Bohm aber will über dergleichen nachdenken dürfen und tut dies, indem er solche Widersprüchlichkeiten hegelianisch als „Einheit von Gegensätzen“ liest, die uns die auf Grenzfälle beschränkte Gültigkeit unserer Begriffe aufzeigt und zur Suche nach einem tieferen, umfassenderen Bild motiviert. Ein solches wäre etwa die Pilotwellen-Theorie, in der sie das Quantensystem aus realen Wellen zusammensetzt, die realen Teilchen den Weg weisen.
Heutige „Bohmianer“ dürfte bei der Lektüre der Ausführungen Bohms in Tel Aviv aber vielleicht überraschen, vielleicht sogar verstören, dass er seine Pilotwellen offenbar keineswegs als abschließende Naturtheorie der Quantenwelt verstanden wissen wollte. Eine solche kann es seiner Auffassung nach nämlich gar nicht geben. Das in dieser Frage letzte Wort sein zu wollen, welches weiteres Nachdenken über eine Realität hinter den Formeln in dogmatischem Anspruch als unwissenschaftlich verwirft, das macht Bohm der Kopenhagener Interpretation ja gerade zum Vorwurf.
Gleichwohl erhebt Bohm als Wissenschaftler durchaus den Anspruch, mit seiner Theorie einer Wahrheit auf der Spur zu sein – nur eben keiner letzten Wahrheit. Hinter jeder Theorie, so die Position Bohms, steht eine andere, tiefere, die mit der davor dialektisch in einem Verhältnis von Begründung und Überschreitung steht – und hinter dieser wieder eine und so weiter. Die Realität ist laut Bohm erforschbar, die Dinge an sich sind uns zugänglich. Die Welt ist wissbar. Aber zugleich ist sie unausschöpflich.
Die Bedeutung für Bells Ungleichung
Nun ist die bohmsche Pilotwellen-Theorie aber mit gewisser Wahrscheinlichkeit nicht nur keine letzte Antwort auf die Frage nach der Natur der Quantenwelt, sondern gar keine. Die Kopenhagener Deutung erfreute sich zumindest unter Physikern immer einer höheren Akzeptanz als die Bohmsche Mechanik, und anders, als es Gutfreund und Renn mit Berufung auf den Wissenschaftsphilosophen James Cushing für möglich halten, könnte das nicht allein damit zu tun haben, dass die Kopenhagener Interpretation der Bohms historisch vorausging. So gibt es mit Bohms Theorie ganz erhebliche Schwierigkeiten, sie zu einer Quantenfeldtheorie zu verallgemeinern.
Das schmälert aber nicht die Bedeutung Bohms und seiner hegelianisch munitionierten Opposition gegen Kopenhagen für die weitere Geschichte der Quantenmechanik. Gutfreund und Renn verweisen hier insbesondere auf den Einfluss, den Bohms Sicht der Dinge auf den Physiker John Stewart Bell hatte. Einem ursprünglich von Albert Einstein 1935 gegen Bohr ins Feld geführten Gedankenexperiment hatte Bohm eine neue Formulierung gegeben, und auf deren Grundlage stellte Bell 1964 eine Ungleichung auf, die erfüllt sein muss, wenn Einstein gegen Bohr recht hätte. Diese Ungleichung wiederum inspirierte Experimentalphysiker dazu, aus dem Gedankenexperiment richtige Versuchsaufbauten zu machen, um empirisch zu ermitteln, ob Bells Ungleichung nun erfüllt ist oder nicht.
Sie ist es nicht – und das dürfte die so ziemlich wichtigste Erkenntnis auf dem Gebiet der Physik seit der Quantenrevolution in den Jahren nach 1925 sein. Aber nicht nur das. Die experimentelle Praxis zur Durchführung von Bell-Tests mündete in eine zweite Quantenrevolution, in der zum einen die Frage nach der Wissbarkeit der Welt auf neuer empirischer Grundlage neu gestellt werden konnte. Zum anderen führte sie zu Technologien, die heute bereits in der Wirtschaftsberichterstattung verhandelt werden: Quantenverschlüsselung, Quantensensoren, Quantencomputer. Der Lauf der Wissenschaftsgeschichte mag über David Bohms Versuch, die Quantenmechanik auf den Begriff zu bringen, hinweggehen oder schon hinweggegangen sein. Aber als integraler Teil dieser Geschichte bleiben auch seine Bemühungen darin aufgehoben.
Hanoch Gutfreund und Jürgen Renn: „Dialectical Materialism and Quantum Physics“. The Unpublished 1957 Lectures of David Bohm in Israel. Oxford University Press, Oxford 2025. 240 S., geb., 109,45 €.
