Die Mitteilung des Gewerbevereins Treffpunkt Bahnhofsviertel klingt wie ein Brandbrief an die Stadt. „Das Frankfurter Bahnhofsviertel steht am Kipppunkt“, heißt es dort. „Wir stehen mit dem Rücken an der Wand.“ Die Kritik kommt von Gastronomen, Gewerbetreibenden und Hoteliers, die sich mit dem Gewerbeverein zu einer Allianz zusammengeschlossen haben. Sie beklagen vor allem die durch Baustellen veränderte Situation, die dazu führe, dass sich vor allem an der Niddastraße die offene Drogenszene auf engem Raum konzentriere.
Tatsächlich nehmen seit einiger Zeit schon zum Teil Schwerstabhängige den Bürgersteig an der Niddastraße in Beschlag, sie lagern dort und konsumieren Crack – direkt vor der Drogenhilfeeinrichtung. Die „Integrative Drogenhilfe“ hat dort ihr Haus, das erst vor Kurzem um weitere Rauchplätze im Innern des Gebäudes erweitert wurde.
Wie der Gastronom Florian Jöckel mitteilte, der die neue Initiative ins Leben gerufen hat, hat die Allianz Rechtsbeistand gesucht und ist gewillt, „notfalls alle rechtlichen Mittel auszuschöpfen, um die für die katastrophale Situation Verantwortlichen in die Haftung zu nehmen“. Zugleich sei die Allianz für konstruktive Gespräche mit der Stadt offen. „Es muss jedoch jetzt etwas passieren, bevor das Bahnhofsviertel endgültig nicht mehr zu retten ist.“
Der Stadt ist die Situation schon seit Längerem bekannt
Wie Sozialdezernentin Elke Voitl (Die Grünen) auf Anfrage mitteilte, ist die Situation an der Niddastraße bekannt. Auch Voitl führt die aktuelle Verlagerung der offenen Drogenszene auf die Baustellen zurück. Die Frage, warum die Stadt auf die sich durch die Baustellen verschärfte Situation in der Drogenszene bisher nicht reagiert hat, blieb aus dem Dezernat unbeantwortet. Ebenso die Frage, warum die Stadt nicht gegen das Lagern auf dem Bürgersteig vorgehe. Stattdessen verweist Voitl auf die Landespolizei. Das Lagern von Drogenkonsumenten fällt laut der städtischen Gefahrenabwehrverordnung jedoch in die Zuständigkeit der Stadt.
Wie die Polizei auf Anfrage mitteilte, geht sie insbesondere im Bereich der sogenannten Wasserstraßen, zu der die Niddastraße gehört, „konsequent gegen eine Szenebildung vor, ebenso gegen öffentlichen Konsum und Lagern auf dem Bürgersteig. Ein Sprecher sagte, „die Angehörigen der offenen Drogenszene werden dabei dauerhaft durch Ansprechen mobilisiert, in Bewegung gehalten und das Lagern bestmöglich unterbunden“. Allerdings seien die polizeilichen Handlungsmöglichkeiten ohne eine ausreichende und geeignete Örtlichkeit, zu der die Suchtkranken geschickt werden könnten und die durch die Stadt Frankfurt zur Verfügung gestellt werden müsste, „limitiert“.

Die Gewerbetreibenden, die sich Jöckels Initiative angeschlossen haben, befürchten, dass das Viertel nun auch wirtschaftliche Einbußen hinnehmen wird. Allein durch die Großbaustellen am Karlsplatz sowie an der Kaiserstraße und weiteren Achsen sei das Viertel faktisch kaum noch erreichbar. Zufahrtswege zu Hotels seien abgeschnitten, Zulieferungen kaum noch denkbar, Gastronomie und Handel schlügen seit Längerem Alarm. „Die Auswirkungen sind massiv: Umsatzrückgänge, ausbleibende Gäste, zunehmende Leerstände und eine Atmosphäre des Stillstands.“
Voitl sagt, sie setze weiterhin „große Hoffnung in das geplante Suchthilfezentrum in der Niddastraße 76, das die Situation im Bahnhofsviertel deutlich verbessern wird“. Es sei „bedauerlich, dass die Umsetzung dieses Projekts unnötig verzögert wurde“. Das Hilfezentrum, wenn die Pläne denn auch von der künftigen Koalition so fortgeführt werden, wird jedoch erst etwa Ende 2027 eröffnet werden.
