
Die türkische Polizei hat bei der Gay-Pride-Parade in Istanbul am Sonntag mindestens 50 Menschen festgenommen. Unter den Festgenommenen sei auch eine Journalistin, teilten die Organisatoren mit. Obwohl sie sich mehrfach als Journalistin ausgewiesen habe, sei Müberra Ünsal in Gewahrsam genommen worden, teilte die türkische Journalistengewerkschaft auf der Plattform X mit. „Journalisten, die über die Istanbuler Pride Parade berichteten, sahen sich auch in diesem Jahr wieder unrechtmäßigen Eingriffen ausgesetzt.“
Die Parade hatte demnach trotz eines Verbots durch die Behörden sowie der Abriegelung des zentralen Taksim-Platzes stattgefunden. Die Polizei errichtete rund um den für Versammlungen beliebten Platz Eisenzäune. Auch andere Plätze, etwa im asiatischen Stadtteil Kadiköy, wurden gesperrt. Teilweise wurde der öffentliche Nahverkehr eingeschränkt.
Teilnehmer der Kundgebung für die Rechte der LGBTQ-Gemeinschaft demonstrierten dennoch in mehreren Stadtvierteln und verkündeten, den Protest aufrechtzuerhalten. „Der Tag ist noch nicht vorbei. Tatsächlich fangen wir gerade erst an. Wir geben nicht auf. Wir werden weiterhin von jedem Ort aus auf die Straße gehen“, skandierten die Demonstranten.
Auf der asiatischen Seite der Stadt liefen sie pfeifend durch die Straßen, wie Aufnahmen zeigten. Das wurde unmittelbar von Zivilpolizisten unterbunden. Die Anwaltskammer von Istanbul rollte an ihrem Sitz an der zentralen Istiklal-Straße ein Transparent mit der Aufschrift „LGBT ist ein Menschenrecht“ aus.
„Ihr könnt uns nicht zum Schweigen bringen“
Aktivisten hatten zuvor das Verbot der Parade scharf kritisiert. „Ihr könnt unsere Stimmen nicht durch Repression, unsere Slogans nicht mit Verboten zum Schweigen bringen“, teilten die Organisatoren der diesjährigen Pride mit. Die Organisatoren warfen der Regierung vor, Lesben, Schwule, Trans- und Bisexuelle ins Visier zu nehmen, statt effektiv gegen Straftaten wie Femizide und Vergewaltigungen vorzugehen. Man lasse sich nicht durch Verbote und Hasspolitik reglementieren.
Homosexualität ist in der Türkei nicht illegal, doch der konservative Präsident Recep Tayyip Erdoğan stellt die die LGBTQ-Gemeinschaft regelmäßig an den Pranger. Er macht sie unter anderem für den Geburtenrückgang in dem Land verantwortlich. Seit 2015 wird die jährlich stattfindende Pride Parade systematisch verboten und unterdrückt. Die englische Abkürzung LGBTQ steht für lesbisch, schwul, bisexuell, transgender und queer.
Vertreter der Regierung äußern sich ebenso wie Erdoğan immer wieder offen LGBTQ-feindlich. In den vergangenen Wochen haben die Repressalien zugenommen. Zahlreiche Konten auf X, die sich für die Rechte von LGBTQ einsetzen, wurden gesperrt.
Am Freitag wurde dann der queere Journalist Yildiz Tar verhaftet. Am Samstag ordneten türkische Behörden die Schließung einer Schwulenbar in Istanbul wegen nicht näher bezeichneter Verstöße an. Zuvor hatten islamistische Gruppen den Besitzer der Bar kritisiert, der ihren Angaben zufolge der Organisator vor Ort einer internationalen LGBTQ-Kreuzfahrt ist, die am 8. Juli in Istanbul anlegen sollte. Einem Medienbericht zufolge sagte der Kreuzfahrtveranstalter den Stopp in Istanbul ab.
