Ceuta wird sich wiederholen. Der Ansturm von Zehntausenden Migranten wird nicht der letzte gewesen sein: das nächste Mal vielleicht in Melilla oder auf Lampedusa, Lesbos, Kreta oder den Kanaren. Schließt sich eine Tür, suchen sich die Menschen auf dem Weg nach Europa eine neue Route.
In Ceuta stiegen gemeinsam mit Marokkanern auch erschöpfte Sudanesen aus dem Mittelmeer. Sie waren jahrelang unterwegs. Vergeblich hatten sie versucht, aus Libyen und Tunesien nach Europa zu gelangen: Mehr als vier Millionen Menschen sind vor dem Bürgerkrieg im Sudan geflohen. In den spanischen Außenposten hatten sie keine Schleuser gelotst. Zum ersten Mal organisierten sich Migranten in kürzester Zeit über soziale Medien.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Die virtuell begonnene Welle überrollte die marokkanischen und spanischen Sicherheitskräfte. Einen zweiten Aufruf erstickten die Regierungen dann mit einem historischen Großaufgebot an Sicherheitskräften im Keim. Dieses Mal schwamm kein einziger Migrant auf die spanische Seite. Marokko hat seine Grenzen unter Kontrolle, lautete die Botschaft aus Rabat an die Europäer und die eigene Bevölkerung.
Ein solcher Einsatz lässt sich im Alltag nicht aufrechterhalten
Die meisten der 6000 marokkanischen Polizisten sind wieder abgezogen. Ein Einsatz dieser Dimension lässt sich im Alltag nicht aufrechterhalten. Der Sicherheitsapparat kann vielleicht für Ruhe an den Grenzen sorgen, aber nicht dauerhaft eine junge Bevölkerung in Schach halten, die einfach nur wegwill: Nach Ceuta schwammen auch knapp 2000 Kinder und Jugendliche.
Dafür genügte ein Online-Gerücht: Wer nach Ceuta schwimmt, könne erst einmal in Spanien bleiben – so wurde ein spanisches Gerichtsurteil in den sozialen Netzwerken dargestellt. Die Reaktion war ein Misstrauensvotum gegen die eigene Heimat, in der eine ungeduldige junge Generation keine Zukunft mehr für sich sieht.
Das wurde schon im vergangenen Herbst deutlich. Online mobilisierte sich die Generation Z und organisierte im ganzen Land die größten Proteste seit dem Arabischen Frühling 2011. „Kliniken statt Fußballstadien“, lautete ihr Slogan. Sie demonstrierte für mehr Geld für die Gesundheitsversorgung, Schulen und Universitäten.
Marokko boomt, Algerien hat Erdgas
Diese Unzufriedenheit ist beunruhigend, denn die jungen Menschen kommen aus einem Land, das sich gut entwickelt. Die Wirtschaft wächst, das Land modernisiert sich und baut gerade das größte Fußballstadion der Welt für die WM 2030. Die Marokkaner sind keine Armuts- und Bürgerkriegsflüchtlinge wie die aus Subsahara-Afrika, mit denen sie vor Ceuta ins Meer gingen. Marokko ist keine Ausnahme. Im benachbarten, erdgasreichen Algerien setzten in den vergangenen eineinhalb Jahren 11.000 junge Menschen in Booten auf die spanischen Balearen über.
Ceuta war eine Eruption, die daran erinnerte, wie stark die Fliehkräfte unter der Oberfläche weiterhin sind. Dabei geht die Gesamtzahl der irregulären Migranten auf dem Seeweg sogar zurück. Diesen Trend änderte auch die Legalisierung von möglicherweise mehr als einer Million Migranten in Spanien nicht – anders, als manche befürchtet hatten. Das im Februar beschlossene Angebot lockte nicht mehr Menschen als zuvor auf die Iberische Halbinsel.
Nicht einfach nur Gendarm und Türsteher der EU
Ceuta machte deutlich, was entscheidender für den Rückgang ist. Ohne die Kooperation von Staaten wie Marokko sähen die Migrantenzahlen in Europa ganz anders aus. Die EU hat im Süden ihre Grenzsicherung outgesourct. Marokko erinnert jetzt selbstbewusst daran, dass es nicht einfach nur Gendarm und Türsteher der EU sein will, der den Europäern die Migranten vom Leib hält. Das hat finanziell und politisch seinen Preis.
Rabat versucht, die jüngste Migrationskrise für eine Neuverhandlung der Beziehungen zu Europa zu nutzen. Es geht um mehr Geld und die Anerkennung marokkanischer Positionen, etwa im Westsahara-Konflikt. Am südlichen Mittelmeerufer sind die Europäer alles andere als zimperlich und interessieren sich wenig für menschenrechtliche Mindeststandards. Die EU und insbesondere Giorgia Meloni kooperieren mit dem libyschen Warlord Chalifa Haftar und hofieren den autoritären Staatspräsidenten Kaïs Saïed in Tunesien. Dort wurden Bootsmigranten schon im Grenzgebiet in der Wüste ausgesetzt, wo auch Frauen und Kinder verdursteten.
In Ceuta erinnert ein Ort an diese tödliche mediterrane Migrationspolitik. Auf dem muslimischen Friedhof wachsen seit Jahren die Reihen der namenlosen weißen Betongräber der Ertrunkenen. Jetzt kamen auf einmal 76 neue dazu. Sie werden nicht die letzten bleiben.
