Angehaltener Atem, Jonglage auf einer Slackline, einem weichen, nachgiebigen Band hoch über dem Platz, und am Ende eine regenbogenfarbige Rauchwolke über dem Künstlerhaus Mousonturm: Mit einem „Spaziergang durch die Lüfte“ sind die Industriekletterer und Artisten Ruben Langer und Gregor Lawrenz neben einer nächtlichen Lichtshow der Höhepunkt des Straßenfestes zu 100 Jahren Mousonturm gewesen. Die Artisten hatten mit dem Band die benachbarte Seniorenresidenz, deren Dach teilweise für die Installation des Seiles abgedeckt wurde, und den Mousonturm verbunden.
Die Bewohner der Seniorenanlage, Nachbarn, Passanten, Freunde des Mousonturms und zahlreiche Gäste aus der Geschichte des Hauses, das seit 1988 als Künstlerhaus Produktionsort für Darstellende Kunst ist, feierten bis in die Nacht auf der abgesperrten Waldschmidtstraße und dem Gelände. Unter den Gästen waren auch der Gründungsintendant des Mousonturms, Dieter Buroch, und der langjährige erste technische Direktor des Produktionshauses, Karl Krause. 1976 hatte die Stadt den verwaisten Turm gekauft, Buroch, damals freier Künstler, hatte danach mit der Künstlergruppe Omnibus das Haus bespielt, das 1988 nach einem Umbau als Kunstort eröffnet worden ist.

Mit Hunderten Seifenblasen, die aus der Fassade auf die gesperrte Waldschmidtstraße strömten, hat der Mousonturm nun an seine Anfänge erinnert. 1926 ist das neungeschossige Gebäude als Teil des Produktionsgeländes für Seifen, Parfums und Cremes des Unternehmens Mouson errichtet worden. Das höchste Hochhaus ist das Gebäude an der Waldschmidtstraße mit seinen gerade mal um die 33 Metern Höhe schon lange nicht mehr. Als Slogan aber taugte der Superlativ immer noch.
Auch dass der Mousonturm das „netteste“ und „markanteste“ Hochhaus sei, haben sich die Besucher des großen Straßenfests auf mitgebrachte oder vom Secondhandständer geholte T-Shirts drucken lassen können, eine Siebdruckstation war eine der begehrtesten Attraktionen des Festes.
Die andere kam vom Hessischen Literaturforum, das ebenfalls im Mousonturm ansässig ist. Das hatte sich zum Hundertjährigen mit „KI“ etwas Besonderes einfallen lassen: An drei historischen Schreibmaschinen zeigten Schriftstellerinnen und Dichter, darunter Saskia Hennig von Lange und Jan Wilm, dass analoge und spontane „künstlerische Intelligenz“ einen ungeheuren Reiz ausübt: Die Schlange der Gäste, die sich live Texte nach Wunsch von den Autoren schreiben lassen wollten, riss schier nicht ab und diente dem benachbarten Kinderhospiz, das für die Texte Spenden erhielt.
Mit Kurzkonzerten, Performances und Theaterbeiträgen, Bewirtung auf der Straße und Beiträgen benachbarter Betriebe hat der Mousonturm auch auf eine Jubiläumssaison eingestimmt, die nach den finanziellen Engpässen der vergangenen Saisons wieder mehr Vorstellungen und internationale Gäste wie Tim Etchells, von dem die Fassadeninstallation des Mousonturms stammt, und Anne Teresa de Keersmaeker verspricht. Auf Begegnung setzt unter anderem ein Festival, das Ende September ältere und jüngere Generationen in einen Austausch bringen soll, auch eine Stadtteilküche, an der sich jeder beteiligen kann, soll es dann geben. Dem bunten Fest ist das schon gelungen, am Sonntag endete es mit einem Nachbarschaftsfrühstück und einem Rennen der am Samstag gemeinschaftlich dekorierten Seifenkisten.
