Verrucht blickt der Dichter auf dem Buchcover des vorliegenden Bandes zur Seite, die Augen kaum geöffnet und dunkel untermalt. Trotz seiner Lässigkeit scheint er erwartungsvoll zu sein. Im nächsten Moment könnte sich die coole Pose in mitreißende Aktion auflösen. Eine „Nachtmaschine“ verspricht der Titel. Mit der Übersetzung ausgewählter Gedichte von Michael Strunge aus dem Dänischen schenkt der Literaturwissenschaftler Philipp Theisohn dem deutschsprachigen Lesepublikum einen neuen Lyriker – einen, der sich 1986 das Leben nahm.
Strunge sprang damals aus dem Fenster. Er war erst 28 Jahre alt. Der Aufnahme in den „Club 27“, jener Gruppe von Pop- und Rockstars, die jung am Exzess sterben, ist der Autor also knapp entgangen. Auf den ersten Blick hätte er gut in diese Runde gepasst. Mit derselben Maßlosigkeit, mit der er sich der Kunst hingab, suchte er das Nachtleben. Doch bei der Lektüre von Strunges Gedichten wird klar, dass er den Exzess nicht suchen musste, sondern in sich hatte. Bereits als junger Mann litt er an einer bipolaren Störung. Sein Schreiben bestand wesentlich darin, dem inneren Wüten eine Form zu geben.

Den tödlichen Sprung hatte er vor dem Selbstmord sprachlich bereits häufig durchgespielt. So finden sich in dem Gedicht „Fall“ die Zeilen: „Im Winter fiel ich / wie verschmutzter Schnee / vom Himmel aus der Luft frostschwarzem Spiegel.“ Was eigentlich hell ist, der Schnee und der Spiegel, verdüstern sich hier durch Schmutz und Frost. An anderer Stelle heißt es: „Fall immer aus demselben Fenster. // Erlieg der gleichen Krankheit immer wieder.“ Während der Autor in die Depression fällt, wird er taub für andere „hier, unter der Glasglocke“.
Mit dieser Formulierung grüßt Strunge die Lyrikerin Sylvia Plath, die ebenfalls an einer affektiven Störung litt und sich das Leben nahm. In ihrem Roman „Die Glasglocke“ beschreibt sie, wie sich ihr Leben unter Depressionen immer mehr verdunkelte und sie die Umwelt wie im Vakuum erfuhr. Dieses Gefühl der Isolation setzt den Grundton bei Strunge.
Die Gedichte lassen sich wie Popsongs lesen
Gleichzeitig aber lassen sich seine Gedichte wie Popsongs lesen. Wie stark Strunges Poetik mit der Musik des Punks und New Wave verbunden ist, erschließt sich aus Philipp Theisohns Essay „Michael Strunge – Dichter der neuen Welle“. Dieser Text ist den Gedichten nicht vorangestellt, sondern neben sie gesetzt: Auf den jeweils linken Seiten finden sich Theisohns Überlegungen auf schwarzem Grund mit weißer Schrift, auf der rechten Strunges Gedichte auf weißem Grund mit schwarzer Schrift.
Theisons Kommentar ist mehr als eine Hinführung zu Strunges Lyrik. Er will nicht erklären, sondern skizziert feinmaschig das Netz ihrer Kontexte und Einflüsse. Der Essay auf den schwarzen Buchseiten ist somit wie ein fotografisches Negativ zu lesen. In diesem Sinn sind die Gedichte auf den weißen Buchseiten die Abzüge der Lebenserfahrungen, die Theisohn beschreibt.
Zeilensatz in der Form einer Pistole
Als wichtigsten Kontext nennt der Literaturwissenschaftler die New Wave der Siebziger- und Achtzigerjahre. Sein Essay beginnt mit der Feststellung, dass Strunge zuerst ein Radio aus dem Fenster geworfen haben soll, bevor er selbst hinterhergesprungen ist. Diese Szene wird Theisohn zum Emblem für Strunges Gedichte. Der Autor selbst nennt den Wellenempfänger explizit als poetologisches Motiv: „So etwa läuft es ab. // Die Maschine summt / Eine Empfindung ein Gefühl eine Idee / Wird zum Gedanken / In dem sich Worte tummeln“. Die Strophe endet mit der Zeile „Welle zur Sekunde“. New Wave steht in diesem Zusammenhang also nicht für die coole Version des Punks, sondern für eine Denk- und Dichtweise: „Und es fließen aus dem Radio / Wellen – Wellen, neu, elektrisch, / silberschwarzer Klang rostigen Chroms.“
Strunge konstruiert mit seinen Gedichten Energiezentren oder, wie Theisohn formuliert, eine „körperlich wirksame Formel“. Lektüre ist hier Produktion, Lesen das In-Gang-Bringen der Kunst. Was das heißt, lässt sich besonders gut an einer Strophe des Langgedichts „Durch den Spiegel“ begreifen. Die Zeilen sind so gesetzt, dass der Umriss der Strophe die Form einer Pistole andeutet:
Denken Sie sich eine Pistole Stellen Sie sich die vor
Und feuern sie auf die Gedanken ab
Oder Ihre schlimmsten Feinde
Sind Sie jetzt besser dran.
Diese Zeilen sind konkrete Poesie. Die räumliche Anordnung des sprachlichen Materials wird hier zum zweiten Bedeutungsträger.
Die Wut des Punks schlägt um ins Melancholische
Die Pistolenform der Strophe gibt ihrem Inhalt eine greifbare Form. Das Lesen des Gedichts soll das Schießen mit der Pistole ersetzen. Lyrik gilt Strunge entsprechend als Mittel für radikales Handeln. Doch das Wütende des Punks verwandelt sich durch Strunges Schreiben in Melancholie. Als situationistische Kunst, das heißt, als Kunst, die immer nur im Moment stattfindet, lasse sich Punk nicht auf Dauer stellen. Strunge aber sucht nach bleibenden Formen, kann sich auf Punk also nur distanziert beziehen. Ebenso ambivalent verhält sich Strunge zum Pop. Das Coole wird ihm zu kalter Härte, „Pop und Plastik“ finden sich in einer Verszeile direkt nebeneinander.
Ein weiteres im Buch abgebildetes Foto von Strunge steht in krassem Kontrast zum Cover: Strunge trägt hier die Haare hoch aufgegelt, sein Sakko ist mit zahlreichen Ansteckern bestückt. Der Blick richtet sich wütend nach vorn. Auf die Wand im Hintergrund sind Wörter gekritzelt, ebenso auf das Kleid einer anderen Person sowie quer über das Foto. Strunge ist von Text umfangen. Dieses Porträt steht für ein Leben, in dem Schreiben nicht Erfahrungen festhält, sondern die Erfahrung selbst ist.
Michael Strunge: „Nachtmaschine“. Gedichte. Aus dem Dänischen und mit einem Essay hrsg. von Philipp Theisohn. Matthes & Seitz, Berlin 2026. 180 S., geb., 22,– €.
