Ingelheim am Rhein, das ist deutsche Provinz. Ein dreigleisiger Bahnhof, eine zubetonierte Fußgängerzone, Dönerläden neben Weinstuben. Ingelheim war einstmals aber auch römische Provinz. 500 Jahre gehörte das heutige Stadtgebiet zu einer Grenzregion des Imperiums; von hier aus wurde das Legionslager im nahe gelegenen Mogontiacum, dem heutigen Mainz, mit Getreide, Gemüse und Wein versorgt. Auf dieses Erbe ist man weiterhin stolz.

Und so steht an einem Abend im August der Althistoriker Michael Sommer im funktionalen Kreistagssaal der Stadt und hält einen Vortrag im Rahmen des Themenjahres „Römer in Rheinhessen“. Sommer sei Professor für Alte Geschichte in Oldenburg, stellt der gastgebende Landrat ihn vor, aber auch Bestsellerautor und Beiträger zahlreicher Zeitungen. Selbst bei „Terra X“ sei er schon aufgetreten – das müsse er, der Landrat, nachher unbedingt seinen Kindern erzählen.
„Von den Römern lernen, heißt siegen lernen“ ist Sommers Vortrag überschrieben. Wer deshalb Historytainment mit didaktischem Anstrich erwartet, irgendetwas zwischen Monty Python und Guido Knopp, dürfte jedoch enttäuscht sein – oder angenehm überrascht. Denn in Wirklichkeit bietet Sommer seinen gut dreißig überwiegend älteren Zuhörern eine einstündige tour de force durch 1000 Jahre römischer Geschichte, vom Aufstieg zum Weltreich über Krisen und Wandlungen bis zum Zerfall. Vom Titel bleibt eigentlich nur der Versuch, aus dieser Geschichte ein paar eher allgemein gehaltene Lektionen zu ziehen: Zivilisation sei kein Naturgesetz, das System habe eine Bringschuld gegenüber seinen Bürgern, und der historische Pessimismus der Römer solle uns dazu animieren, das Erforderliche zu tun, um einen Kollaps in unserer Zeit noch abzuwenden.
Seriöser als die Aufmachung vermuten lässt
Was Sommer hier präsentiert, könnte man – trotz solcher mahnenden Appelle – die helle, „saubere“ Seite der Antike nennen: eine Abfolge bedeutender Menschen, Ereignisse und Entwicklungen. Auf andere Facetten stößt, wer auf dem Weg nach Ingelheim in einer größeren Bahnhofsbuchhandlung vorbeischaut. Denn am Tag des Vortrags ist zugleich Sommers neues Buch erschienen: „Dirty Rome. Die schmutzige Seite der Antike“ (C.H. Beck Verlag, München 2026. 352 S., geb., 26,– €). Darin geht es nur am Rande um das Schicksal von Staaten und ihre Lenker. Stattdessen stehen „die im Dunkeln“ im Mittelpunkt, wie Sommer in Anspielung auf Brechts „Dreigroschenoper“ schreibt, die einfachen Menschen, deren Leben in Kapiteln über Themen wie Schmutz, Mietwucher oder Epidemien geschildert wird.

Wie der Vortrag ist auch das Buch seriöser, als es der Titel vermuten lässt. Was vom Verlag als „die dreckige Wahrheit“ über das alte Rom beworben wird, entpuppt sich bei der Lektüre als ein sauber recherchiertes und anschaulich dargestelltes Panorama des römischen Alltags. Das war bei Sommers vorherigen Büchern nicht anders. „Mordsache Caesar“ (2024) ist im Kern eine mittellange Caesar-Biographie, und bei „Dark Rome“ (2022) beschwerte sich gar ein Amazon-Rezensent, so „dark“ sei das Geschilderte gar nicht, Sommer gehe doch recht schnell wieder zur „üblichen Geschichtsschreibung“ über.
Viele von Sommers Fachkollegen dürften über „Dirty Rome“ dennoch wieder genauso die Nase rümpfen wie über dessen Vorgängerwerke. Manch einem mag die Aufmachung so verdächtig erscheinen, dass er den Inhalt gar nicht erst beachtet. Bei der „Verdammt blutigen Geschichte der Antike“ (2025) etwa – Untertitel: „ohne den ganzen langweiligen Kram“ – empörten sich einige Koryphäen über die vermeintliche Unterstellung, sie selbst seien dann wohl für „den langweiligen Kram“ zuständig. Andere monieren, dass Sommer kaum noch als Forscher in Erscheinung trete und seinem Auftrag als Universitätsprofessor somit nicht gerecht werde. Bücher wie die seinen könne schließlich auch ein Lehrer schreiben.
Schon die Habilitationsschrift galt als „journalistisch“
Stört Sommer diese Kritik seiner Peers? Oder nimmt er sie gerne in Kauf, wenn er dafür die Gunst des Publikums gewinnt? Neu seien solche Vorwürfe für ihn jedenfalls nicht, erzählt Sommer nach dem Vortrag beim Essen in einem örtlichen Weinlokal. Schon in seinem Habilitationsgutachten habe es geheißen, er schreibe „journalistisch“ – und das sei nicht als Kompliment gemeint gewesen.

Zum populären Schreiben im eigentlichen Sinne kam er dennoch eher zufällig. Nach seinen Qualifikationsarbeiten zu den politischen Institutionen der Phönizier und zum römischen Nahen Osten fragte das Geschichtsmagazin „Damals“ einige Artikel bei ihm an. Durch diese wurde wiederum der Kröner Verlag auf ihn aufmerksam, und bald veröffentlichte Sommer dort und anderswo beinahe im Jahrestakt Überblicksdarstellungen zur phönizischen, römischen oder sizilianischen Geschichte.
Damit hatte Sommer seine Berufung gefunden. Zwar setzte er seine wissenschaftliche Laufbahn fort, wurde nach Lehrjahren in Freiburg zunächst Dozent in Liverpool und 2012, im Alter von 42 Jahren, Professor in Oldenburg. Doch spätestens danach schrieb er immer häufiger für ein Laien- und immer seltener für ein Fachpublikum. Während andere um Rufe, Preise und Drittmittel konkurrierten, erlebte Sommer seinen Durchbruch in die Bestsellerlisten, als „Dark Rome“ 2022 auch von Denis Scheck gepriesen wurde.
Bei der Geschichte vom „geheimen Leben der Römer“ habe er bewusst etwas riskiert, erzählt Sommer, mehr Witz und mehr Storytelling gewagt. Das zahlte sich aus: „Dark Rome“ verkaufte sich mehrere Zehntausend Mal, auch spätere Bücher haben ähnliche Auflagen erzielt. So erfolgreich wie Sommer ist kein anderer deutscher Althistoriker auf dem Markt.
„Mein Fach braucht jemanden, der in die Breite wirkt“
Hat ihn das von seinen Kollegen entfernt? Hat es vielleicht sogar den Neid derer geweckt, die sich für die bedeutenderen Forscher halten, nun aber erleben müssen, wie jemand von geringerem wissenschaftlichen Standing die Disziplin in der Öffentlichkeit repräsentiert? Er nehme sich im Fach als „relativ gut vernetzt“ wahr, meint Sommer selbst. Doch auch von seiner Seite scheint immer wieder Distanz durch, etwa wenn er die Drittelmittelfixierung seiner Kollegen kritisiert, Tagungsbände für „oft völlig witzlos“ erklärt oder berichtet, auf Konferenzen frage er sich bei neun von zehn Vorträgen, ob er das Präsentierte eigentlich überhaupt wissen wolle. „Ich bin immer schon jemand gewesen, der eher den Wald sieht als die Bäume“, fügt er als Begründung an.
Entschieden tritt er dem Vorwurf entgegen, er vernachlässige mit der Forschung zugleich seine professoralen Pflichten. Wissensvermittlung, meint er, gehöre doch auch zu den Aufgaben eines Professors. Und da sehe er in der Alten Geschichte eine Lücke: „Mein Fach braucht dringend jemanden, der in die Breite wirkt.“ Tatsächlich dürfte es der Disziplin kaum schaden, wenn Sommer mit seinen Büchern Menschen erreicht, die eher nicht zu den Abonnenten historischer Fachzeitschriften zählen – gerade in Zeiten, in denen die Geisteswissenschaften unter wachsendem Rechtfertigungsdruck stehen. Salomonisch könnte man von einer Arbeitsteilung zwischen ihm und seinen forschenden Kollegen sprechen.
Anders als bei früheren Popularisierern wie Christian Meier oder Karl Christ kann man bei Sommer freilich auch als Fachfremder eine Aussageabsicht, ja einen intellektuellen Fragenhorizont vermissen. „Dieses Buch verfolgt das Ziel, ein wenig Licht auf die Schattenseiten der römischen Welt zu werfen“, heißt es im Vorwort von „Dirty Rome“. „Verständnis für das Funktionieren einer Gesellschaft“ erlange man nämlich nicht vom „Sonnendeck“, sondern vom „Maschinenraum“ aus. Was genau die vielen kleinen, lebhaft erzählten, aber eher assoziativ verbundenen Episoden über die Funktionsweise der römischen Gesellschaft aussagen sollen, bleibt dann jedoch weitgehend unklar. Insofern ähneln Sommers Werke den noch erfolgreicheren erzählenden Sachbüchern eines Florian Illies oder Uwe Wittstock, die ebenfalls gekonnt Anekdoten arrangieren, ohne dass sich daraus immer ein größeres Ganzes ergäbe.
Glauben wir noch an die ideale Antike?
Lernen kann der Leser trotzdem einiges. Etwa warum die Getreidepreise, so Sommer mit einem für ihn charakteristischen Gegenwartsbezug, die „Benzinpreise“ des alten Roms waren: Die römische Ernährung habe fast nur aus Weizen, Gerste und Hülsenfrüchten bestanden, erklärt er, deshalb sei die Getreideversorgung der Hauptstadt ein hochpolitisches Thema gewesen, mit dem sich Karrieren machen oder zerstören ließen. In solchen kleinen Erkenntnisgewinnen sieht Sommer denn auch den Zweck seiner Bücher: „Ein Sachbuch braucht keine These, sondern möglichst viele Aha-Effekte.“ Vielen wird das genügen, einigen nicht.

Wo einmal so etwas wie ein Programm durchscheint, wirkt das auf manch einen anachronistisch. „Der hier so lustvoll zelebrierte Ikonoklasmus kommt Jahrzehnte zu spät“, schrieb ein Rezensent zur „Verdammt blutigen Geschichte der Antike“. Sommer und sein Mitautor (und langjähriger Lektor) Stefan von der Lahr verkünden darin, sie wollten „dem Pathos, mit dem die Geschichte der Griechen und Römer versehen wurde, ein wenig die Luft“ herauslassen: „NEIN, edle Einfalt und stille Größe waren keine Werte des antiken Griechenlands!“ „Dark Rome“ kann man zumindest dem Titel nach einen ähnlichen Anspruch unterstellen, und auch „Dirty Rome“ beginnt wieder mit Winckelmanns „Antike-Verklärung“, wobei die Frage nach ihrer heutigen Bedeutung offenbleibt.
Doch müssen Menschen im 21. Jahrhundert, da fast alle Filme, Serien und Videospiele die grausamen Facetten der Antike betonen, wirklich noch davon überzeugt werden, dass die Griechen und Römer nicht ausschließlich nach dem Wahren, Schönen und Guten strebten? Sommer überlegt und differenziert. Einerseits glaube er, dass sich das idealisierte Antikenbild in vielen Gesellschaftsschichten viel stärker gehalten habe, als die meisten Wissenschaftler denken. Gerade jetzt werde es wieder von der amerikanischen Rechten bemüht. Auf der anderen Seite hätten von der Lahr und er aber auch einfach einen „Pappkameraden“ gebraucht, gegen den sie anschreiben konnten.
Das ist entwaffnend ehrlich. Überhaupt wirkt Sommer den ganzen Abend über so unprätentiös, wie er in Chinos und Poloshirt schon auf den ersten Blick erscheint. Als ein Zuhörer ihn nach dem Vortrag um sein Manuskript bittet, bietet er kurzerhand an, es auf der Website des Landkreises für jedermann verfügbar zu machen. Konfrontiert man ihn mit einer unklaren Stelle aus seinem Buch, gibt er unumwunden zu, seine Formulierung nun selbst nicht mehr zu verstehen. So nimmt man ihm auch ab, dass ihn die Kritik seiner Peers tatsächlich nicht anficht, er in erster Linie zur eigenen Freude und in zweiter Linie zur Freude der Leser schreibt, wie er sagt.
Zugleich merkt man im Gespräch, dass er ebenso viel Freude an der intellektuellen Auseinandersetzung hat. Sie möchte Sommer künftig wieder stärker suchen. Sein nächstes Werk solle wissenschaftsnaher, argumentgetriebener werden, kündigt er an. Als Professor, meint er, könne man bei leichter gewichtigen Büchern zwar eine Zeit lang aus den eigenen Seriositätsreserven schöpfen. Irgendwann aber seien diese aufgebraucht.
