Ein Junge flieht vor seinen gleichaltrigen Quälgeistern in das nächstgelegene Geschäft. Zufällig ist es ein Antiquariat. Der Besitzer knurrt ihn zur Begrüßung an, bezeichnet ihn abwechselnd als „Schwächling“, „Angsthase“ und als „Versager auf der ganzen Linie“ und verschwindet dann in einem Nebenraum, um einen Anruf entgegenzunehmen. Das Buch, das er bis dahin gelesen hatte, lässt er liegen. Der Junge wiederum fühlt sich von dem Band magnetisch angezogen, ergreift ihn schließlich und verlässt den Laden.
Mit dieser Szene beginnt Michael Endes Roman „Die unendliche Geschichte“, der dritte und letzte unter seinen überaus erfolgreichen Beiträgen zur deutschen Kinder- und Jugendbuchgeschichte, nach den beiden „Jim Knopf“-Romanen und „Momo“. Und schon auf den wenigen Seiten, die dem Antiquariat gewidmet sind, lässt der Roman erkennen, was ihn in Form und Inhalt über die folgenden gut vierhundert Seiten prägt.
Reisende zwischen den Welten
Inhaltlich ist das die Feier des Lesens, aber auch die des Buchs an sich. Denn der Junge, der sich mit dem geraubten Band auf den Dachboden seiner Schule flüchtet und dort mit der Lektüre beginnt, ist keiner jener Leser, wie sie Alfred Andersch in seinem Roman „Sansibar oder der letzte Grund“ als Ideal schildert – keiner von denen, die, das aufgeschlagene Buch vor sich, dennoch jederzeit aufstehen und gehen könnten. Endes Protagonist ist im Gegenteil ein völlig gebannter Leser, einer, der im Buch geradezu versinkt, was erst metaphorisch und dann buchstäblich gemeint ist: Er tritt in die dort geschilderte Welt mit dem sprechenden Namen „Phantásien“ ein, um dort ein Rettungswerk zu vollbringen, indem er diesen in Auflösung befindlichen Kosmos neu belebt.

Formal ist Endes Roman von Anfang an im Verhältnis von Bild und Gegenbild aufgebaut. Der Handlung, die in unserer Welt spielt, die also den lesenden Jungen schildert, steht die des Landes Phantásien gegenüber – anfangs in großem Abstand, später so nahe gerückt, dass die beiden Sphären im Verlauf von nur wenigen Zeilen mehrfach wechseln. Dem lesenden Jungen entspricht dabei Atréju im Roman, auch hier besteht eine auffällige Verbindung, noch bevor der Junge den Übergang nach Phantásien wagt. Aber schon in der Antiquariatsszene ist über alle Schroffheit des Händlers eine Verbundenheit zu dem Besucher spürbar: Beide sind begeisterte Leser, beide körperlich eher schwerfällig, und beider Namen bestehen aus drei Teilen, jeweils durch Stabreime strukturiert: Karl Konrad Koreander heißt der Händler, Bastian Balthasar Bux der Junge.
In der letzten Szene des Romans kommt Bastian ein zweites Mal ins Antiquariat zum nun sehr viel freundlicheren Koreander, der eine eigene Reise ins Land zwischen den Buchdeckeln andeutet. Dass es Menschen gibt, die nie nach Phantásien kommen können, teilt der Antiquar dem Jungen mit, und dass es andere gibt, die durchaus dorthin gelangen, aber nie mehr zurück. Und er erzählt von einer kleinen, dritten Gruppe, von denjenigen, die zwischen den Welten reisen und sich dabei nicht verlieren. Solche wie Bastian und er selbst.
Betonen oder nicht?
Endes 1979 erschienener Roman, der zur Anregung für unzählige sentimentale Nachfolger geworden ist, für Bibliotheksschmonzetten und Papierweltenspazierer besonders in der literarischen Fantasy, ist nach wie vor äußerst spannend und von einigem Tiefgang. Er spricht von Lust und Gefahr der eskapistischen Lektüre, und es scheint, dass er, wo immer er ein Prinzip schildert, das Gegenteil gleich mitdenkt.
Wer es also, wie Stefan Kaminski, unternimmt, den Roman als Hörbuch einzulesen, wird fortwährend auf das Spannungsverhältnis reagieren müssen, das den kompletten Roman durchzieht. Und sich fragen, ob er beispielsweise die latente Verbindung zwischen Bastian und Koreander, dem alten und dem jungen Phantásienreisenden, als Kontrast herausstellen oder im Anklang erahnen lassen will. Oder ob er es durch einen betont ruhigen Duktus dem Hörer anheimstellt, sich einen Reim darauf zu machen.
Mach doch weiter, Atréju
Dieser dritte Weg ist Kaminskis Sache nicht. Seine Lesung orientiert sich an den Figuren, die er jeweils eigen stimmlich modelliert. Das ist keine geringe Leistung, auch wenn man bisweilen die Anregungen für diese Interpretationen deutlich herauszuhören meint: Klingt der grummelige Antiquar nicht ein bisschen wie Orson Welles in „Der Pate“, das Gnomenweibchen Urgl nicht wie die Wichtel aus „Ronja Räubertochter“?
Es geht Kaminski nicht darum, irgendetwas bloß anzudeuten. Wird die Handlung rasant, wird auch der Sprecher aufgeregt, spricht schneller, flüstert oder kichert hilflos. Droht gar Gefahr, einer Figur oder gleich dem ganzen Reich, dann zittert Bastians Stimme, oder sie quengelt beinahe, um den gedächtnislosen Atréju zum Weitermachen zu bewegen. Der wiederum, vernünftig, mutig und klug, wie er ist, hat manchmal ein grundbesorgtes Timbre, schließlich weiß er, was alles von ihm abhängt. Und der Gelehrte Engywuck weiß sich kaum zu halten, so pompös stolz ist er auf seine wissenschaftlichen Leistungen, die Ende im Buch ironisiert und Kaminski in der Lesung.
Endes Roman ist die Überzeugung eingeschrieben, dass sie einander brauchen: das Buch und der Leser. Ihr Miteinander erst belebt das Werk. Kaminskis Lesung übernimmt einen Teil dieser Arbeit, indem sie durch die ausufernde Interpretation den Raum für die Phantasie des Rezipienten kleiner macht. Ob man das nützlich und anregend oder umgekehrt lästig findet, ist Sache des Hörers.
Michael Ende: „Die unendliche Geschichte“. Roman. Gelesen von Stefan Kaminski. Hörbuch Hamburg, Hamburg 2026. 928 Min., Download, 21,99 €.
