„Von außen“ kennt sie das Mehrkampfmeeting in Götzis schon lange. „2019“, erinnert sich Emma Kaul, „konnte ich als Besucherin zum ersten Mal dabei sein.“ Damals war sie zwölfeinhalb Jahre alt – und schaute ihrem großen Bruder dabei zu, wie er den Zehnkampf in der legendären Vorarlberger Mehrkampf-Metropole absolvierte. Niklas Kaul, damals 21, belegte mit persönlicher Bestleistung Rang vier – ein halbes Jahr später krönte er sich zum jüngsten Zehnkampf-Weltmeister der Leichtathletikgeschichte.
In diesem Jahr wird Emma Kaul die „einzigartige Atmosphäre“ nun erstmals „von innen“ erleben und „freut sich riesig“. Die Neunzehnjährige startet an diesem Wochenende beim Siebenkampf in Götzis. Schon allein die Teilnahmeberechtigung empfindet die Mainzerin als Auszeichnung. Exakt 6001 Punkte hatte sie vergangenes Jahr in Bernhausen erzielt; damit erstmals die Grenze übertroffen, die den Einstieg in die erweiterte Spitzenklasse markiert. Langfristig will sie versuchen, sich der absoluten Elite zu nähern, doch zunächst einmal lautet ihr Ziel für Götzis: „Atmosphäre genießen, Stimmung aufsaugen.“
„Für Mama und Papa wird es schwierig“
Für das im Mehrkampf schon lange etablierte „Familienunternehmen“ Kaul bedeutet das Heranwachsen der kleinen Schwester eine zusätzliche Herausforderung. Denn zum ersten Mal starten die Geschwister gemeinsam in einem Wettbewerb. „Für Mama und Papa wird es schwierig“, ahnt Emma. „Wir müssen noch genau absprechen, wer auf wen achtet.“ Denn Stefanie und Michael Kaul sind nicht nur die Eltern, sondern auch die Trainer ihrer Kinder.
Emma freut sich auf die gemeinsame Herausforderung, zumal der Zeitplan in Götzis so gestaltet ist, dass Siebenkämpferinnen und Zehnkämpfer sich in den einzelnen Disziplinen abwechseln – und bisweilen auch unterstützen können. „Für mich waren es immer die schlimmsten zwei Tage, wenn Niklas einen Wettkampf machte und ich nur zuschauen musste“, erzählt sie über das Lampenfieber der Außenstehenden.

Ihren eigenen Wettkampf dagegen geht die Psychologiestudentin mit der nötigen Gelassenheit an, die sie auch sonst im Leben ausstrahlt. Als ihr Bruder 2022 nach seinem EM-Sieg in München zum zweiten Mal zu „Deutschlands Sportler des Jahres“ gewählt worden war, hielt sie vor einem Millionenpublikum bei der ZDF-Gala die Laudatio – und zwar aus dem Stegreif.
Dass Emma Kaul selbst Mehrkämpferin wurde, erscheint angesichts der familiären Vorgeschichte keine Überraschung. Und obwohl sie nur 1,67 Meter groß ist und somit körperlich andere Voraussetzungen mitbringt als der 1,90 große Niklas, setzt sie auf die gleichen Stärken: die beiden Disziplinen am Ende des Wettkampfs – in denen sie das konkurrierende Teilnehmerfeld von hinten aufrollen kann.
„Im Wettkampf handlungsfähig sein“
„Ich habe immer gesehen, wie er wirft“, sagt sie über die Kunst der Adaption. Mit Weiten nahe der 50-Meter-Marke übertrumpft Emma Kaul im Speerwurf sogar Siebenkampf-Weltmeisterin Anna Hall (USA), die in Götzis schon zweimal gewann und dank ihrer exaltierten Art auch zum Publikumsliebling avancierte.
Emma Kauls zweite große Stärke ist der 800-Meter-Lauf, was sie nicht zuletzt bei ihrer Bestleistung in Bernhausen bewies. „Ich wusste, dass ich eine 2:12 laufen muss“, erinnert sie sich an die Ausgangsposition vor dem 800-Meter-Lauf. Es bedeutete, dass sie ihre bisherige Bestzeit um drei Sekunden steigern musste, um die 6000er-Grenze zu übertreffen. 300 Meter vor dem Ziel habe sie „einen Gang hochgeschaltet“ – und erreichte in 2:12,82 Minuten exakt jene Zeit, die reichte, um sich auf 6001 Punkte zu steigern. „Im Wettkampf handlungsfähig sein“ nennt Emma Kaul ihr eigenes Vermögen, „aktive Entscheidungen“ selbst in akuten Stressphasen treffen zu können.

Ihre duale Kombination aus Leichtathletikkarriere und Psychologiestudium absolviert Emma Kaul in ihrer Heimatstadt Mainz. Zuvor hatte sie mit einem Wechsel nach Amerika geliebäugelt. „Er kam nicht zustande“, sagt sie heute. „Und ich bin sehr glücklich darüber: Es war die richtige Entscheidung, in Deutschland zu bleiben.“
Die familiäre Bindung der Kauls spielte dabei eine große Rolle. Der Trainingsgruppe mit Vater, Mutter und Bruder gehören insgesamt acht Mehrkämpfer an, darunter auch Niklas’ Freundin und Emmas Freund. „Das funktioniert sehr gut.“ Aber auch das Studium, bei dem sie nun schon im dritten Semester angekommen ist, spielte eine Rolle. „Den Neustart, den ich nach dem Abitur anstrebte, habe ich hinbekommen“, sagt sie. Obwohl sie in Mainz blieb. „Mein privates Umfeld hat sich durch die Uni verändert.“
Als übergeordnetes sportliches Ziel hat sie definiert, ihre relativen Schwächen auszumerzen. Dazu gehören neben Weit- und Hochsprung auch das Kugelstoßen. Zu ihren persönlichen Stärken zählt neben Speer und 800 Meter der Hürdensprint. Und ihr Realismus.
Im vergangenen Jahr belegte sie bei der U20-Europameisterschaft Rang vier. „In Götzis will ich mal gucken, was möglich ist.“ Sollte sie in den ersten sechs Disziplinen über sich hinausgewachsen sein, kann sie im 800-Meter-Lauf ja immer noch auf den Punkt laufen.
