
Der 7. Oktober 2023, der schlimmste Anschlag auf jüdisches Leben seit dem Holocaust, mit mehr als 1200, nach anderen Schätzungen 1400 Toten, genauso vielen Schwerverletzten und mehr als 200 nach Gaza verschleppten, teilweise, wie unter den Nazis, bis aufs Skelett ausgehungerten oder gleich massakrierten Geiseln: Dieser Tag wird – das Gefühl hat man spätestens, wenn man mit dem Maxim-Biller-Roman durch ist – irgendwie doch unterschätzt. Was die Hamas da getan hat, trägt, sowohl in der bestialischen Ausübung an wehr- und ahnungslosen Zivilisten, darunter sehr viele Kinder, als auch in der sich anschließend nicht nur unter den Tätern, sondern auch in muslimisch-propalästinensischen Milieus außerhalb des Nahen Ostens breitmachenden Freude übers Getane, der Verhöhnung und Schändung der Opfer, zweifellos Züge eines Zivilisationsbruchs, von dem nicht ersichtlich ist, wie man ihn mit der Idee von einem „Befreiungskampf“ überhaupt in Verbindung bringen kann.
Das hindert hiesige „Kultur“-Magazine indes nicht daran, in Kirchentagsrhetorik „unterschiedliche Perspektiven, Erfahrungen und Erzählungen“ zum Nahostkrieg anzumahnen und, statt dem womöglich unauslöschlichen Hass ins Auge zu sehen, zu fragen: „Wie zusammenleben?“, als gäb’s keine Bosheit auf der Welt. Noch am Montag wies jemand in der „Kulturzeit“ mokant darauf hin, dass Israel „sich gerne als die einzige Demokratie im Nahen Osten sieht“. Woher will man wissen, dass Israel das „gerne“ tut? Es ist einfach eine Demokratie. Fertig.
„Demokratie“ als das A und O von Politik überhaupt wird vielmehr in dem Sprachraum bei wirklich jeder Gelegenheit geltend gemacht, aus dem solche Beiträge kommen, in denen es dann immer heißt, dass es „einfache Antworten“ angeblich nicht gibt, und pikiert festgestellt wird, dass bei den israelischen Debatten „immer wieder Härte durchkommt“ („Kulturzeit“), als wenn es Israel ohne Härte noch gäbe. Hierzulande gelten Anschläge auf einzelnes Leben dagegen gleich als „Angriff auf die Demokratie“.
Palästina vergessen? Danach sieht es nicht aus
So etwas ist bis heute tonangebend, vom historisch unterbelichteten „Genozid“-, „Apartheid“- und „Kolonialismus“-Geschrei auf jedem x-beliebigen Kulturfestival wie jetzt wieder bei den Filmfestspielen von Venedig zu schweigen. Noch dieser Tage war im Netz ein Hamas-Funktionär zu sehen, der sagte: „Wenn wir nichts tun, wird Palästina vollständig vergessen und von der internationalen Landkarte verschwinden.“ Danach sieht es nicht aus.
Schon vor diesem Hintergrund erfüllt einen Maxim Billers „Roman eines Jahres“ (Kiepenheuer & Witsch), als der „Schwarze Samstage“ untertitelt ist, mit einer gewissen Genugtuung, die sich ohnehin bei einem Autor einstellt, der nicht nur keinem Streit aus dem Weg geht, sondern ihn geradezu sucht und es nicht darauf anlegt, sich lieb Kind zu machen. Dafür sind seine in einem glänzenden, polemisch-scharfen und gleichzeitig handfesten Stil verfassten Unverblümtheiten das seit den Zeiten von „100 Zeilen Hass“ bewährte Mittel. Und Biller ist, fast wie Israel, boykotterprobt: nicht nur wegen seines gerichtlich verbotenen Romans „Esra“. Im Sommer vergangenen Jahres hat die „Zeit“ eine seiner Kolumnen online aus dem Verkehr gezogen: „Morbus Israel. Warum regen sich die Deutschen immer so über die Juden des Nahen Ostens auf?“ und provozierte die erwartbaren, aber begründungsarmen Proteste. Wenn der Arzt-Witz, mit dem Biller da seine These von der „strategisch richtigen, aber unmenschlichen Hungerblockade von Gaza“ garniert, wirklich so „geschmacklos“ ist, wie danach viele taten, dann müsste man sich auch das eine oder andere Ephraim-Kishon-Buch noch einmal genauer ansehen.
Jetzt widmet Biller sich der Diagnose einer eng verwandten, im Grunde damit identischen Krankheit, „Morbus Gaza“, und nimmt dabei die augenfällige Obsession der Weltöffentlichkeit für den dortigen Krieg ins Visier, die letztlich auch nur seinen Verdacht auf Antisemitismus bestätigt, dem er wie mit einer erzählerischen Wünschelrute nachgeht. Er tut das aus der fingierten, allerdings wohl kaum zur Tarnung gedachten Perspektive des Ich-Erzählers Ari, dem er erkennbar viel von sich selbst mitgegeben hat, auch die Verankerung in einem journalistischen, schriftstellernden, im weiteren Sinne geisteswissenschaftlich geprägten Milieu. Das Wesentliche ist dem Biller-Leser auf geradezu intime Weise vertraut: Geburt 1960 in Prag, Übersiedlung 1970 nach Hamburg, das Elternhaus, in dem wieder so sympathisch viel ferngesehen wird, Studium in München und schließlich Berlin als Wohn- und Arbeitsort, dazwischen, natürlich, Israel, immer wieder Israel, meistens Tel Aviv.
So bescheiden wie ein aufrichtig trauernder Gast bei einer Beerdigung
Um eine Vorstellung von dem Geist dieses in seiner Anlage nicht leicht zu fassenden Buchs, das fiktional ist und auch wieder nicht, zu geben, sei auf eine eher unauffällige Stelle verwiesen, an welcher der Erzähler aufzählt, wer in seinem Hamburger Elternhaus alles so ein und aus ging: „Heinrich Braasch kam auch immer, der bullige Korrespondent der Frankfurter Rundschau für Norddeutschland … ein Linker, wie ich sie in der Schule oder an der Universität nie traf: bei jüdischen Themen so bescheiden wie ein aufrichtig trauernder Gast bei einer Beerdigung – und über Israel nie ein falsches Wort.“ Das ist in Gegenwart Billers, dieses nach wie vor unterschätzten Mitleidethikers, schwer genug. Also lieber den Mund halten, als gutgemeinte Floskeln absondern.
Der Roman ist, stofflich wie zeitlich, auf mehreren Erzählebenen angesiedelt und wechselt zwischen der Gegenwart rund um den 7. Oktober 2023 mitsamt den daraus folgenden Diskursen; Aris Lebensgeschichte und Alltag; und den immer wieder eingestreuten judaistischen Reflexionen und Erzählungen bis hin zu den Ursprüngen des Judentums. Dieses sieht Biller in Kürze so: Es ist mit seinen Zehn Geboten ein einziges Zivilisationsprojekt, das vom Christentum und vom Islam sozusagen überschrieben wurde und darüber hinaus mit dem griechisch-römischen Polytheismus im Widerstreit steht. Die Vorstellung vom auserwählten Volk, die Biller dabei probeweise beim Wort nimmt, und die jüdische, strikt diesseitige, aufklärerische Zivilisiertheit waren von Anfang an, nach Freud, ein Gegenstand nicht jüdischer „Eifersucht“ und letztlich auch der Anlass von Auslöschungsphantasien und -aktionen von der Antike bis zum Holocaust und dem nun als „versuchter Holocaust“ gedeuteten 7. Oktober, dessen Entsetzlichkeiten Biller immer wieder schnappschussartig einblendet.
Was es mit den weitgespannten religionsgeschichtlichen Passagen auf sich hat, das wird ein Altertumswissenschaftler besser beurteilen können. Jan Assmann kommt dafür nicht mehr infrage; er ist tot und wird, wie seine Frau Aleida und noch manch anderer Protagonist aus dem Biller so verhassten erinnerungspolitisch ambitionierten linksliberalen Milieu (Carolin Emcke, Alexander Mitscherlich), scharf angegangen.
„Gehen Sie woanders hin. Sie sind falsch hier“, sagt der Barmann
So kompliziert diese Anlage auch anmutet – das Erzählen selbst ist es nicht, es ist eingängig, lebensprall und fängt, typisch Biller, gleich konfrontativ an. Ari sucht sein Berliner Stammcafé auf, aber der syrische Barmann empfängt ihn frostig: „Gehen Sie woanders hin. Sie sind falsch hier.“ Das Hamas-Massaker hat sich gerade herumgesprochen. Mit rein erzählerischen Mitteln ist hier ein psychologisches Deutungsmuster eingeführt, das sich durch das ganze Buch zieht: Der Jude ist eben auch in seiner gegenwärtigen, lebendigen Gestalt ein Opfer und als solches ein Vorwurf für jeden Täter, ja im Grunde für die ganze nicht jüdische Welt. Nicht nur Biller hat seine Fassungslosigkeit darüber zum Ausdruck gebracht, dass am 7. Oktober und danach so wenig Mitgefühl mit den Juden gezeigt wurde und der Antisemitismus nicht etwa ab-, sondern überall wieder dramatisch zugenommen hat. Irgendwoher wird diese Teilnahmslosigkeit schon kommen. Und genauso haben die Deutschen den Juden Auschwitz nicht verziehen – diese von dem Arzt und Psychoanalytiker Zvi Rix in die Welt gesetzte Deutung des sogenannten sekundären oder Schuldabwehr-Antisemitismus dürfte dem Erzähler vertraut sein; er wendet sie auf den muslimischen Kellner an, der auch keinen Juden mehr sehen will.
Der 7. Oktober 2023 war und bleibt ein tiefschwarzer Samstag. Aber der Romantitel, der die Feindschaft gegen die Juden gleichsam in Serie stellt, wird dadurch beglaubigt, dass Ari sich durch viele noch folgende Samstage quasi hindurcherzählt, die für ihn, einen extrem reizbaren, gegen jede Form von Dickfelligkeit allergischen, heftig mitfühlenden Juden, auch nicht gerade hell waren. Als einen Besessenen, aber auch als jemanden, der die Welt einfach und ehrlich nicht versteht, schickt Biller ihn durch die Zeiten, immer auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, die wohl ein Dutzend Mal gestellt wird: „Warum?“ Warum gibt es Antisemitismus, woher kommt er?
Was das angeht, so hört Biller das Gras natürlich schon länger wachsen. Aber die Realität gibt ihm recht, wobei die gegenwärtige israelische Politik als Anlass oder manchmal auch nur als Vorwand für eine Israel-Kritik, die für Biller letztlich auf Antisemitismus hinausläuft, eher vorausgesetzt als erörtert wird. Zur Realpolitik, die, schon aus Überlebenswillen, auf militärische Stärke und Wehrhaftigkeit setzt, sieht er keine Alternative – eine Position, die in dieser Entschiedenheit öffentlich sonst eigentlich nur der Historiker Michael Wolffsohn vertritt.
Der Erzähler ist wie Thomas Manns Jaakob: voller Geschichten
Dieses Buch ist schon deswegen kühn, weil es für oder wohl eher gegen eine Öffentlichkeit geschrieben ist, die Biller für konfliktscheu hält und die sich lieber an Antisemitismus- und Völkermorddefinitionen orientiert. Darauf wie überhaupt auf „Wissenschaft“ verlässt sich dieser Autor nicht; Holocaust-Forscher kommen nicht vor. Ihm ist eher an einer Definition des Judentums als solches gelegen – fast ein wenig wie der Josephsroman von Thomas Mann, den Biller bekanntlich nicht schätzt: ein jüdischer Roman in judenfeindlicher Zeit. Ari ist nämlich genau wie Jaakob: „voller Geschichten“, ein feinnerviger Erinnerungsspeicher für alles Völkerunrecht.
Der Hass auf Juden, die Bereitschaft, sie zu töten, auszurotten, auch die in radikalislamischen Milieus gezeigte Ausgelassenheit über jeden toten Juden, die Biller angeekelt protokolliert – das alles ist völlig irrational. Mit Vernunft, Verständigung, „Dialog“ kommt man dem nicht bei. Biller versucht es stattdessen, die einschlägigen Meinungsbeiträge scharf einvernehmend, mit einer schriftstellerischen Selbstbefragung, die ihre obsessiven Züge keineswegs verhehlt, die trotz ihres Furors mit Ambivalenzen arbeitet, psychologisiert und damit zeigt, was Literatur kann.
Zuletzt noch ein gespielter Witz mit einem Personal, das bei Biller gar nicht vorkommt. Mickey: „Wie kann man an Gott glauben, wenn es die Nazis gegeben hat?“ Mickeys Vater: „Woher soll ich wissen, warum es Nazis gab? Ich weiß ja noch nicht einmal, wie ein Dosenöffner funktioniert!“ Das ist aus „Hannah und ihre Schwestern“ von Woody Allen, der seine Erkenntnisse auch durch Betrachtung des Lebens und durch Zuhören gewinnt. Ungefähr, wirklich nur ungefähr so macht Maxim Biller es manchmal auch.
