Die ersten Warnungen machen in Kiew schon am frühen Mittwochabend die Runde. Russlands strategische Luftwaffe habe sechs bewaffnete Tu-95-Bomber bereitgestellt, zudem sollen Tu-160 aus dem Fernen Osten auf dem Weg Richtung Westen sein. Die Verlegung von Kampfflugzeugen zu bestimmten Flugplätzen gilt als Indiz für einen bevorstehenden kombinierten Luftangriff. Bei der Satellitenaufklärung werden die Änderungen bemerkt. Mitunter warnt dann sogar Präsident Wolodymyr Selenskyj die Bevölkerung vor möglichen Luftschlägen. Doch selbst wenn er schweigt, bahnen die Information sich ihren Weg in einen der vielen Telegramkanäle, die sich auf Warnungen spezialisiert haben.
Gerade ist die Sorge vor russischen Raketen in Kiew besonders groß. Den ukrainischen Verteidigern fehlt es dringend an Flugabwehrmunition. Ballistische Raketen können deshalb gerade nicht abgewehrt werden. Auch mit modifizierten Drohnen und neuen Marschflugkörpern tut sich die Flugabwehr schwer. Moskau nimmt all das zum Anlass, seine Luftkampagne gegen Städte fernab der Front sogar noch zu verstärken.
Die ersten Einschläge gibt es kurz vor Mitternacht
Nach Einbruch der Dämmerung wirkt der Kiewer Nachthimmel ruhig. Auf den Straßen sieht man nun immer weniger Fahrzeuge. Ab Mitternacht sind sie fast ganz leer, denn dann beginnt die Sperrstunde. Wer sich dann noch draußen aufhält, sollte eine gute Ausrede bereithalten. Um 23:53 Uhr warnen die ukrainischen Luftstreitkräfte auf Telegram vor ballistischen Raketen. In Kiew heulen Sirenen auf. Die Russen feuern ihre Iskander- und S-400-Raketen gerade in der Dunkelheit aus den endlosen Wäldern in Brjansk ab. Das Gebiet grenzt an die Nordostukraine, es beginnt schon rund 250 Kilometer nördlich von Kiew.
Auf die erste Warnung vor ballistischen Raketen in den sozialen Netzwerken folgt die nächste, dann noch eine und noch eine. Die Benachrichtigungen der Luftstreitkräfte häufen sich auf dem Handybildschirm.

Und schon schlägt es ein. Gegen Mitternacht sind mehr als ein Dutzend laute Explosionen zu hören. Wenn der Einschlag weit weg ist, sieht man zunächst den Himmel aufblitzen, das Geräusch folgt erst Sekunden später. Wenn der Einschlag nah ist, nimmt man den Knall und das Aufleuchten fast gleichzeitig wahr. Im Kanal der ukrainischen Luftstreitkräfte überschlagen sich weiterhin die Warnungen.
Spätestens jetzt machen sich viele Kiewer auf den Weg in einen Schutzraum. Immer mehr Leute suchen in den Bombennächten auch in der U-Bahn Schutz. Wenn es kracht, kommen derzeit oft über 50.000 Menschen in der Tiefe unter. Die Anwohner rund um die U-Bahn-Station Lukijaniwska haben dafür besonders gute Gründe. Russland nimmt die Gegend immer wieder unter Beschuss, in den Straßen rund um die Station sind heute fast alle Gebäude fensterlos. Auch vom Einkaufszentrum Kwadrat direkt am U-Bahn-Eingang ist nur noch ein verkohltes Gerippe geblieben.
Die Studentin hat in einer Woche fünf Tage in der Metro übernachtet
Während des Luftalarms sind die Türen der unterirdischen Stationen geöffnet. Minutenlang fahren die Schutzsuchenden mit einer Rolltreppe rund 70 Meter in die Tiefe. Im Untergeschoss haben viele schon ihre Zelte aufgeschlagen. Neuankömmlinge legen ihre Taschen ab und blasen Luftmatratzen auf. Sowohl in der Mittelhalle als auch auf den Bahnsteigen selbst sind die Liegenden aufgereiht. Die Stimmung ist ernst, aber nicht unruhig. Manch einer arbeitet konzentriert am Laptop, andere schauen Filme oder tippen auf ihren Handys herum.
Die Rentnerinnen Lidia und Elvira haben nicht viel mehr als ihren kleinen Klappstuhl dabei. Sie nächtigen hier zum sechsten Mal. Lidia erzählt, früher sei sie nach oben in ihre Wohnung gegangen, sobald der Luftalarm endete. Mittlerweile aber bleibe sie die ganze Nacht.

Die Studentin Marina sagt, sie komme auf etwa fünf Stunden Schlaf in den U-Bahn-Nächten. Allein in der vergangenen Woche habe sie fünfmal hier übernachtet, erzählt die 18 Jahre alte Frau. Und nun sei es schon wieder die zweite Nacht in Folge. Eigentlich aber komme sie nur noch hierher, um ihre Schwester zu unterstützen. Der 24 Jahre alte Mykyta und seine Freundinnen haben Kartenspiele und Snacks dabei. Er kommt hierher, seitdem er einen Raketeneinschlag in unmittelbarer Nähe erlebt hat. Bis zu diesem Tag sei er kein einziges Mal nachts in der Metro gewesen, erzählt er.
In den Telegramkanälen heißt es derweil, die Bomber seien von den Flugfeldern Olenja und Ukrainka gestartet. Man rechnet damit, dass sie ihre Marschflugkörper über den russischen Gebieten Wologda und Saratow abfeuern. Bis die Flugkörper den ukrainischen Luftraum erreichen, dauert es Stunden. Die Angriffsnacht ist noch lange nicht vorbei. Was bislang runterkam, waren nur die Raketen aus grenznahen Gebieten. Journalisten haben derweil schon mehr als 20 Einschläge in Kiew gezählt. Videos der Raketentreffer machen die Runde.
Doch nicht nur diesen Vorort im Norden der Stadt hat es erwischt. Im Solomjanka-Bezirk, der nahe dem Kiewer Hauptbahnhof liegt, wurde ein Wohnhaus getroffen. Um den Block herum stehen schon viele Feuerwehrautos, der Boden knirscht wegen der vielen zersplitterten Scheiben. Es riecht nach Benzin. Noch ist die Sonne nicht aufgegangen, das getroffene Gebäude steht in völliger Dunkelheit da. Zu hören sind herabplätscherndes Wasser und ein durchgängiges Klingeln aus einer der Wohnungen. Da alle Scheiben geborsten sind, dringt jedes noch so kleine Geräusch nach draußen. Die Feuerwehrleute sitzen schweigend in einem Zelt am Rand. Sonst ist noch niemand hier. Die Nachbarn, die Schaulustigen und die Reporter kommen in der Regel erst nach Tagesanbruch.

Vom Straßenrand ist das Schluchzen einer alten Frau zu hören. Vor ihr auf dem Boden liegt etwas golden Glitzerndes. Es sind zwei Tote, eingehüllt in eine Rettungsdecke. Sie steht gebückt da, stöhnt immer wieder einen Namen und fasst die nackten Füße an, die aus der Decke herausragen. Die Frau ist außer sich, läuft schluchzend durch die Dunkelheit davon. Vor dem Wohnhaus stehen zerbeulte und verformte Autos. Raketen- und Trümmerteile haben ihre Karosserien durchbohrt, als wären sie aus Papier. Aus dem Haus dringt noch immer der unaufhörliche Klingelton, Smartphonebildschirme erleuchten die Gesichter der Feuerwehrmänner.
Nun steht eine andere, kräftige Frau vor den Toten, beugt sich herab und murmelt. Die Feuerwehrmänner bekommen einen Funkspruch, im Laufschritt hechten sie zur Schule gegenüber. Luftalarm, Drohnen mit Strahlantrieb. Die Frau bleibt einfach auf der Straße stehen, winkt ab. Sie wird sich nicht in Sicherheit bringen.
Im Keller der Schule sitzen die Anwohner dicht gedrängt, zwischen ihnen Kinder. Manchen steht die Angst ins Gesicht geschrieben. Die Feuerwehrmänner mit ihren schmutzigen Uniformen und den schutzsicheren Westen bleiben im Gang stehen. Nach wortkargen Minuten ein knapper Funkspruch. Die Rettungskräfte strömen wieder ins Freie.

Dort gibt das erste Tageslicht das Ausmaß der Verwüstung preis. In den Scherben auf dem Boden liegen Dachziegel, Steine, Spielzeug. Der Apfelbaum im Hof hat seine unreifen Früchte überall verteilt. In Decken gehüllte Leute klettern in das kaputte Wohnhaus, manche haben Schnitte an den Beinen. Einer trägt einen E-Scooter heraus. Neben der trauernden Frau drängeln sich schweigend ein paar Fotografen mit langen Objektiven. Ein roter Räumroboter trägt ein verformtes Auto vorbei.
Für Journalisten ist es schwer zu ermitteln, welcher Luftschlag welchem konkreten Ziel galt. Treffer von Militäreinrichtungen, Rüstungsfabriken oder Energieobjekten werden von Kiew nach Möglichkeit geheim gehalten. Oft lässt sich auch nicht sagen, ob Schäden durch einen direkten Treffer verursacht wurden oder durch herabstürzende Trümmer. Auch nicht, welche Waffe genau zum Einsatz kam. Doch unabhängig davon gibt es in jeder russischen Bombennacht zivile Opfer. Fast immer werden Wohnhäuser getroffen. Kaum jemand hat immer die Zeit und Kraft, einen Schutzraum aufzusuchen. Die Menschen sterben in ihren Betten. Oder in den Fluren, in denen sie aus Angst vor Splittern ausharren.
Allein im Juli kamen nach Angaben der Vereinten Nationen 437 ukrainische Zivilisten ums Leben, das ist der höchste Wert seit Mai 2022. Von allen Städten starben in Kiew die meisten Zivilisten, nämlich 54. Diese Nacht war also nur eine von vielen. „Wir haben noch einen Körper gefunden“, knarzt es aus den Funkgeräten der Feuerwehrleute.
