
Der wirtschaftliche Druck, unter dem viele Unternehmen stehen, wirkt sich auf den Arbeitsmarkt aus. Das zeigt sich nicht nur bei den zuletzt stetig steigenden Arbeitslosenzahlen, sondern auch bei der zunehmenden Zahl von Klagen, die bei den Arbeitsgerichten eingehen. Denn die Mehrheit dort bezieht sich auf Kündigungen. Das ist ein Zeichen.
Es macht deutlich, wie sich der Arbeitsmarkt gedreht hat. Das Angebot an Arbeitskräften ist längst höher als die Nachfrage. Nur wer Qualifikationen für besonders gefragte Tätigkeiten mitbringt, hat noch gute Chancen, nach einer Kündigung schnell wieder einen Job zu finden. Vor allem wer schon etwas älter ist oder nicht auf dem neuesten Stand der technologischen Entwicklung, muss oft sehr lange suchen. Andererseits fehlen immer noch in vielen Bereichen Fachkräfte – und durch das Ausscheiden der geburtenstarken Jahrgänge künftig wohl noch mehr. Deshalb sprechen Arbeitsmarktexperten von einem Passungsproblem: Ein arbeitsloser Facharbeiter aus der Industrie lässt sich in der Regel nicht zum Handwerker oder zur Pflegekraft umschulen.
Sorge um Ausbildungsplätze
Auch aus diesem Grund sind die Berichte der vergangenen Wochen darüber, dass viele junge Menschen keinen Ausbildungsplatz und viele Handwerksbetriebe und Unternehmen keine passenden Lehrlinge finden, sehr bedenklich. Auch hier gibt es offenbar reichlich Passungsprobleme. Die hängen aber zum Teil auch damit zusammen, dass ein junger Mensch nicht unbedingt eine Lehre weit entfernt von seiner Heimat machen möchte, zumal dann oft die Miete oder die Kosten fürs Pendeln das komplette Azubigehalt verschlingen.
Zudem stellt sich offenbar so manchen jungen Leuten die Frage, ob sich eine Ausbildung überhaupt für sie lohnt. Ein Beitrag auf der Plattform Linkedin machte unlängst die Rechnung auf, dass ein 18 Jahre alter Auszubildender mit etwa 600 Euro netto deutlich weniger zum Leben habe, als ein gleichaltriger Bürgergeldempfänger, der Wohngeld und weitere Leistungen beziehe. Dass dies nur für einen kurzfristigen Vergleicht taugt, wird dabei außer Acht gelassen. Denn mittelfristig verdient man nach einer Ausbildung deutlich besser. Dennoch wäre es hilfreich, wenn es beispielsweise mehr günstige Unterkünfte für Lehrlinge gäbe, Anfänge dazu sind gemacht.
Fest steht, dass nur diejenigen, die gut ausgebildet sind, auf einem Arbeitsmarkt, der absehbar nicht wesentlich besser wird, Chancen haben, eine passende Stelle zu finden, und sie so schnell nicht verlieren. Solange nämlich hohe Kosten unter anderem für Energie die Wirtschaft belasten, wird am Personal gespart werden. Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz an manchen Stellen treibt diese Entwicklung noch voran. Auch wenn Experten warnen, dass diejenigen, die jetzt Wissen und Erfahrung aus dem Unternehmen drängen, vielleicht kurzfristig sparen, aber in der Zukunft noch stärker unter dem Fachkräftemangel leiden werden.
Dass die Arbeitsgerichte durch die aktuelle Entwicklung besonders viel zu tun haben, ist ein Warnsignal. Auf längere Sicht aber gibt es weniger Fälle und vor allem viele gütliche Einigungen. Das ist eine positive Entwicklung. Neue Rechtslagen wie durch die europäische Entgelttransparenzrichtlinie dürften aber dafür sorgen, dass die Arbeitsgerichte weiterhin gut zu tun haben. Es bleibt zu hoffen, dass solche Klagen diejenigen gegen Kündigungen bald überholen.
