Bis in die Achtzigerjahre waren Frauen aus dem akademischen Fach Musikwissenschaft so gut wie ausgeschlossen. Dass sich dies mittlerweile geändert hat und Lehrstühle heute auch mit Professorinnen besetzt werden, ist den Pionierinnen der Frauenmusikforschung zu verdanken, in erster Linie Freia Hoffmann, Eva Weissweiler, Beatrix Borchard und Eva Rieger. Letztere fasst ihr Lebensthema der Frauen- und Genderforschung in ihrem Buch „Frau.Macht.Musik“ auf knapp dreihundert Seiten zusammen.
Auf fünfzig Jahre blickt sie dabei zurück, seit sie 1976 bei einer Sommeruniversität der Freien Universität Berlin zum Thema „Frauen und Wissenschaft“ feststellte: „Überall forschten Frauen, nur nicht über die Musik.“ Es dauerte dann noch mal zwölf Jahre, bis in Heidelberg der erste Kongress „Frauen in der Musik“ stattfand. Allerdings hatte eine Gleichgesinnte Riegers, die Chordirigentin Elke Mascha Blankenburg, in der Zwischenzeit den Arbeitskreis Frau und Musik e. V. mit angeschlossenem Archiv in Frankfurt gegründet. Bald zweitausend Komponistinnen werden dort heute registriert.
Eine überholte deutsche Musikwissenschaft?
In drei Kapiteln hält Rieger Rückschau, wobei sich persönliche Erinnerung, Auseinandersetzung mit verschiedenen Ausprägungen der Genderforschung und musikalische Betrachtung überschneiden (leider sind die wenigen Notenbeispiele hier fehlerhaft). Vieles hat Rieger schon an anderer Stelle ausführlicher publiziert, etwa ihre Untersuchung zur Filmmusik oder die Briefe der Sängerin Marie Fillunger an Clara Schumanns jüngste Tochter Eugenie, die hier – ganz „unakademisch“ – ein Unterkapitel über lesbische Frauenfreundschaft erhalten. Was das Buch zur Fundgrube macht, ist das achtzehn Seiten umfassende Literaturverzeichnis des deutschen und englisch-amerikanischen Schrifttums. Riegers Feststellung, „aus den USA kam Widerstand gegen die überholte deutsche Musikwissenschaft“, leitet ihren aufschlussreichen Diskurs über den Einbruch der amerikanischen Genderforschung in die Musikwissenschaft ein.

Der „Widerstand“ richtete sich nicht nur gegen ihren Doktorvater, Carl Dahlhaus, an dem sie sich immer wieder abarbeitet, sondern auch gegen Beethoven samt Geniekult sowie die Fixierung auf europäische Musik mit ihrem Kunst- und Werkbegriff – eine komplette Bankrotterklärung für Old Germany. Wortführerin der feministischen amerikanischen Musikwissenschaft war Susan McClary mit ihrem umstrittenen Buch „Feminine Endings“ (1991). Deren radikale These vom „phallozentrischen Code“ bei Beethoven, der laut McCarey in der neunten Symphonie als „Vergewaltiger“ auftrete, bringt sogar Riegers Frauensolidarität kurz in Bedrängnis. Männlichen Beistand holt sie sich bei Leo Treitler oder dem Schweizer Musikwissenschaftler Jacques Handschin, der Beethoven schon 1948 eine „ausgesprochen männliche, willensmäßige Haltung“ zugesprochen habe.
Grundsätzlicher für die akademische Verankerung des Fachs ist eine andere Feststellung: „Erst als die Musikwissenschaft sich auch als eine Kulturwissenschaft definierte und die Soziologie einbezog, wurden Frauen sichtbar.“ Das beförderte einerseits Forschungen über die musikalische Tätigkeit von Frauen im privaten und öffentlichen Raum, als Lehrerin, Kirchenmusikerin, Mitglied in Frauenorchestern, Klagesängerin in bestimmten Kulturen. Andererseits durchkreuzt der soziologische Ansatz den künstlerischen, der durch die Hintertür wieder in die Genderforschung hineinkommt, sobald es um die Aufhebung der Benachteiligung von Komponistinnen geht: Clara Schumann, Louise Farrenc, Emilie Mayer oder Augusta Holmès schrieben eben doch „männlich“ konnotierte Werke, Symphonien, Opern, Konzerte, Streichquartette, von denen viele erst heute entdeckt und gewürdigt werden.
Wie diese Musik selbst gendermäßig hinterfragt wird, erläutert Rieger quer durch die Jahrhunderte bis in die heutige Filmmusik hinein. Sie unterscheidet „lustbetonte“ und „unlustbetonte“ Affekte, „maskulines Dur“ und „feminines Moll“, „männliche Trompete“ und „weibliche Flöte“, „heroische“ Konsonanz und „schmerzliche“ Dissonanz, erstes „männliches“ und zweites „weibliches“ Thema in der Sonatenhauptsatzform: eine Durchetikettierung der europäischen Musik, die der Kompositionspraxis nicht standhält, gerade bei Beethoven. Man liest die Zitate mit Amüsement, aber über ihr Erregungspotential mag die Zeit inzwischen hinweggegangen sein. Das scheint auch Rieger zu ahnen, wenn sie im letzten Kapitel voller Sorge fragt: „Dementiert sich der Feminismus selbst?“ Und sich damit gegen den amerikanischen Feminismus wendet, insbesondere gegen Judith Butler: Denn sollte sich das Geschlecht wirklich auflösen, schreibt Rieger, „wird man die Musik vergangener Jahrhunderte bis hin zur Gegenwart nicht mehr verstehen.“
Eva Rieger: „Frau.Macht.Musik“. 50 Jahre Frauen- und Genderforschung in der Musik. Georg Olms Verlag, Baden-Baden 2026. 321 S., geb., 29,– €.
