
Vielleicht bleibt Mark Carney gar nichts anders übrig, als Härte gegenüber Donald Trump zu zeigen. Sein Volk würde Duldsamkeit nicht mehr hinnehmen. Louis-Vincent Gave, Gründer des Investmentberaters Gavekal, illustriert das mit einer Anekdote. Als er in Vancouver Orangen kaufen wollte, pflaumte ihn ein rund 80-jährige Kanadier an. Er dürfe die Orangen nicht kaufen, sie seien schließlich aus Kalifornien.
US-amerikanische Politiker unterschätzen, wie viel Ärger sich in Kanada über die Beleidigungen, Provokationen und politischen Initiativen des südlichen Nachbarn aufgestaut hat. Oder sie scheren sich nicht. Selbst wenn Kanadas Provinzregierungen wieder Spirituosen aus den USA in die staatlich regulierten Alkoholverkaufsstellen lassen würden, sollten Kentuckys Whiskeybrenner besser nicht erwarten, dass sie wieder gute Geschäfte machen würden. Denn viele Kanadier boykottieren Waren aus den USA, sie reisen auch deutlich weniger nach Florida oder Kalifornien. Dafür lernen sie das eigene Land besser kennen, lobt Carney.
Sein Kabinett verkündete am Dienstag Vergeltungszölle auf US-Waren im Wert von rund 20 Milliarden US-Dollar, die rund 700 Güter treffen. Kanada reagiert damit auf die 50-Prozent-Zölle, die nach Donald Trumps Ankündigung im Juli am vergangenen Wochenende in Kraft traten, weil die Zollverhandlungen geplatzt waren. Carney erlebt das wohlige Gefühl der Zustimmung für seine Härte, selbst jeder zweite konservative Wähler steht im Handelskrieg hinter ihm.
Alle lieben jetzt Mark Carney
Eine neue Umfrage des Angus Reid Institute zeigt: 76 Prozent der Kanadier halten es für richtig, dass ihre Regierung die Handelsgespräche mit den USA abgebrochen hat. Carney Liberale Partei, die unter seinem Vorgänger Justin Trudeau in die Bedeutungslosigkeit abzurutschen drohte, ist die beliebteste Partei mit 43 Prozent Zustimmung. Noch beliebter ist Carney selbst, dessen Arbeit 60 Prozent der Kanadier gut finden, berichten die Meinungsforscher von Liasion Strategies. Trumps Zustimmungsquote ist laut einer frischen Reuters/Ipsos-Umfrage mit 33 Prozent ungefähr halb so hoch.
Gefeiert wird Carney in Europa, wo vor allem die Politiker nordischer Länder den Kanadier über den grünen Klee loben, weil er in der Grönland-Krise an ihrer Seite stand. Unvergessen ist Carneys Davos-Rede. Er mahnte darin, Mittelmächte müssten sich gemeinsam gegen die Unberechenbarkeit und den Machtanspruch der Vereinigten Staaten wappnen und strategisch unabhängiger machen bei Lieferketten, Energie, kritischen Rohstoffen und in der Finanzwirtschaft. Die Rede ging viral, wurde zum Medienereignis.
Weniger bekannt wurde die Rede des JPMorgan Chase-Chefs Jamie Dimon, in welcher der Bankchef Ende Juni vor dem Council of Foreign Relations vor Illusionen warnte. „Die Mittelmächte sollen sich zusammen tun? Reine Phantasie. Sie haben es längst getan. Das nennt sich Europa.“ Die Allianz wirtschaftsschwacher Länder gegen Amerika helfe nicht weiter, lautet seine Botschaft.
Kanada kann gut buddeln und schlecht liefern
Kanadas beherrscht eine Sache ziemlich gut: Es kann Rohstoffe aus der Erde holen: Öl, Erdgas, Gold, Kali, seltene Mineralien. Es hat aber versäumt, Pipelines und Eisenbahnstrecken queer durch das Land zu bauen, um die Rohstoffe auf den Weltmarkt zu bringen. „Es fehlt etwa an einer Ölpipeline von Alberta zu den Häfen in British Columbia oder an LNG-Terminals an der Atlantikküste, über die Kanada mehr Erdgas in das energiehungrige Westeuropa verkaufen könnte“, beklagt Finanzanalyst Louis-Vincent Gave. So bleibe den kanadischen Produzenten oft nur ein Absatzmarkt: die USA. Dorthin mussten bisher Öl, Strom und Erdgas häufig mit Preisabschlag verkauft werden. Wollte Toronto Öl aus Edmonton, musste der Rohstoff über ein Pipelinesystem geliefert werden, das zum großen Teil auf US-amerikanischen Boden liegt. Das erweist sich in der neuen Welt als Verwundbarkeit. Erst vor Kurzem hat Kanada mit Lieferung von verflüssigtem Gas nach Europa begonnen.
Kanadas Provinzregierungen, Indianerstämme und Klimaschützer haben zahlreiche Projekte im Keim erstickt. Die Provinzen genießen große Autonomie und behindern den innerkanadischen Handel nicht mit Zöllen, sondern mit Auflagen. Vom Ökonom Vincent Geloso stammt das Beispiel der Kindersitze: Was in Ontario zugelassen ist, darf in Quebec nicht unbedingt verkauft werden. Mehr als 200 solcher Vorschriften behindern laut dem Montrealer Institut den freien Warenverkehr im Land. Noch schwerer wiegt für Ökonomen, dass Berufsabschlüsse nicht überall anerkannt werden. Eine Krankenschwester aus Halifax braucht zusätzliche Zertifikate, um in Winnipeg zu arbeiten. Das gilt laut Geloso auch für Zahntechniker, Brunnenbauer und Lastwagenfahrer.
Der Handel mit den USA erlaubt Kanada den innerstaatlichen Protektionismus. Zwar ist das Problem erkannt, eine Sonderbehörde soll große Infrastrukturprojekte strategischer Natur beschleunigen, damit man Güter auch in andere Länder außer den USA schicken kann. Aber das braucht Zeit. Solange sendet die USA rund 75 Prozent ihrer Exporte in die USA, jene Volkswirtschaft, die 13-Mal größer ist als Kanada und deutlich freier im Binnenhandel.
Abwarten als alternative Strategie?
Es gäbe ökonomische Gründe, Trumps Zöllen nicht mit Zöllen zu begegnen. Sie sind kostspielig für kanadische Verbraucher. Wirtschaftshistoriker Geloso hat deshalb einen alternativen Vorschlag: Warum nicht abwarten. Er wisse, das sei unpopulär. „Aber schon in den 1890er-Jahren verfolgten die USA unter republikanischen Präsidenten gegenüber Kanada einen ähnlichen Kurs. Er ging nach hinten los: Innerhalb von zwei Jahren erlitten die Republikaner bei den Zwischenwahlen schwere Verluste, und mit Grover Cleveland kehrte ein freihändlerischer ‚Bourbon Democrat‘ ins Weiße Haus zurück.“
Ökonom Stephen Gordon, Professor in Quebec, kontert auf X: „Vergeltungszölle sind teuer, das weiß ich – ich bin ausgebildeter Ökonom. Hätte Trump nicht wiederholt erklärt, er wolle Kanada so weit schwächen, dass wir ihn am Ende um unsere Annexion bitten, wäre ich gegen Vergeltungszölle. Aber er hat es gesagt. Deshalb bin ich es nicht.“
Wer am Ende schuld am Scheitern der Zoll-Verhandlungen ist, bleibt unklar. Die Vorstellung, dass die Kanadier stets mit weißen Handschuhen verhandeln, sei naiv, sagt der langjährige amerikanisch-kanadische Handelsanwalt Mark Warner. William Reinsch, der lange in hohen US-Regierungsfunktionen für den Außenhandel zuständig war, bestätigt die Einsicht gegenüber der Washington Post: „Jeder, der in den vergangenen 50 Jahren mit den Kanadiern verhandelt hat, wird Ihnen sagen, dass sie sehr harte Verhandlungspartner sind“, sagte Reinsch. „Und auf Carney lastet enormer Druck, gegenüber Amerika nicht nachzugeben. Beide Parteien sagten ihm: ,Bleib hart, schließ keinen Deal.‘ Genau das hat er getan.“
