
Bei ihrer ersten Kundgebung nach der Sommerpause lässt Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen ihrem politischen Ziehsohn den Vortritt. Als Jordan Bardella in den Saal einzieht, stimmen die Anhänger in ein Geburtstagsständchen ein. Bardella ringt mit einem Lächeln. Le Pen beginnt ihre Rede ebenfalls mit Geburtstagswünschen an den Parteivorsitzenden. Noch einmal singt der Saal das Geburtstagslied. Die Präsidentschaftskandidatin ist sichtlich bemüht, den Gerüchten über Streit in der Führungsriege ein harmonisches Bild entgegenzusetzen. Aber Bardella blickt während ihrer Rede oftmals, als wünschte er sich an seinem 31. Geburtstag ganz weit weg.
Der Auftritt in Hénin-Beaumont ist für Le Pen eigentlich ein Heimspiel. In dem früheren Kohlerevier im Norden liegt ihr Wahlkreis. Das Rathaus ist seit 2014 fest in der Hand ihres Vertrauten Steeve Briois. Aber am Sonntag verzichtet die 58 Jahre alte Politikerin auf den traditionellen Rundgang durch die Stadt. Das Wetter sei nicht gut genug, heißt es. Vielleicht hatte Bardella auch einfach keine Lust, hinter seiner Mentorin herzulaufen, kolportieren Beobachter. Le Pen jedoch bemüht sich sichtlich, ihren Kronprinzen bei Laune zu halten. In den sozialen Netzwerken verbreitete sie ein Foto mit Geburtstagswünschen, auf dem sie ihn innig umarmt.
Eine Rückkehr zum ideologischen Sockel ihres Vaters
Le Pens Rede im Theater L’Escapade enthält keine neuen Ideen, sondern eine Rückkehr zum ideologischen Sockel ihres Vaters. Jean-Marie Le Pen machte in den 1980er-Jahren mit der Forderung nach einer Bevorzugung französischer Staatsbürger bei Sozialleistungen, Wohnungsvergabe und Gesundheitsversorgung Furore. „Die nationale Präferenz – Antwort auf Einwanderung“ lautete der Titel eines Buches aus dem Jahr 1985, das Le Pens Vordenker Jean-Yves Le Gallou veröffentlichte.
Die nationale Präferenz bildet den roten Faden von Le Pens Rede. Mit viel Pathos gibt sie „den Schwur“ ab, sie werde alles tun, um die Patrioten zum Sieg zu führen. Sie nennt das „die Schlacht für Frankreich“. Ihr Redenschreiber hat sich offensichtlich von den zwei De-Gaulle-Filmen inspirieren lassen, die ungewöhnlich viele Zuschauer in die Kinos lockten. Während ihr rechtsextremer Herausforderer von 2022, Eric Zemmour, in Port-Marly bei Paris die „Remigration“ aller Einwanderer fordert, schließt Le Pen in Hénin-Beaumont in ihren Schwur ausdrücklich Franzosen „aller Hautfarben, Religionen und Herkunft“ ein. Wer Franzose sei, der solle künftig bevorzugt werden, ob bei der Vergabe der Sozialwohnungen oder beim Wohngeld für studierende Kinder.
„Erste soziale Maßnahme wird ein neues Recht für alle Franzosen sein“
Ohne die EU auch nur ein Mal zu erwähnen, steuert Le Pen auf einen Konflikt mit dem Nichtdiskriminierungsgebot innerhalb der europäischen Gemeinschaft zu. Den erwartbaren Widerstand des französischen Verfassungsrates will sie über ein Referendum zur nationalen Präferenz brechen. „Die erste soziale Maßnahme wird ein neues Recht für alle Franzosen sein“, sagte sie und führte aus: „Mit uns werden alle Franzosen unabhängig von ihrer Hautfarbe, Religion, Herkunft und Wohnort prioritär behandelt“. Sie nannte das „Brüderlichkeit“.
Großen Beifall erhielt sie, als sie die Lockerung der Vorschriften zu nachhaltiger Wärmedämmung und Energieversorgung ankündigte. Ebenso versprach sie, die Steuern auf alle Energieträger drastisch zu senken. Die Finanzierbarkeit erwähnte sie mit keiner Silbe. Stattdessen verhöhnte sie Präsident Emmanuel Macron als vorgeblichen „Mozart der Finanzwelt“, der Frankreich zusammen mit seinen Freunden Gabriel Attal und Edouard Philippe in den Ruin gestürzt habe. „Sie müssen sie abwählen“, forderte sie. Sie wolle den Franzosen wieder Hoffnung geben.
Le Pen verzichtet auf ihre Nichte Marion Maréchal
Le Pen verzichtete darauf, ihre Nichte Marion Maréchal zu ihrer Rede in ihre Wählerbastion einzuladen. Damit ging sie auf eine Forderung Bardellas ein, der auf Kriegsfuß mit der EU-Abgeordneten steht. Die 36 Jahre alte Maréchal hatte sich im vergangenen Präsidentschaftswahlkampf Zemmour angeschlossen und ihrer Tante vorgeworfen, bei ihrer Entteufelungsstrategie zu weit gegangen zu sein.
Doch zwischenzeitlich haben Maréchal und Zemmour miteinander gebrochen und Le Pen hat ihre abtrünnige Nichte zurück in die Partei geholt. „Natürlich werde ich bei den großen Kundgebungen dabei sein und alles dafür tun, dass Marine Le Pen gewinnen wird“, sagte Maréchal jüngst dem Sender CNews. Eine feste Funktion brauche sie dafür nicht. „Ich denke, alle haben verstanden, dass Marine Le Pen mir vertraut“, sagte sie.
Bardella soll während einer Parteivorstandssitzung gedroht haben, Le Pen müsse sich entscheiden: „Sie oder ich!“ Le Pen hat in den vergangenen Wochen Bardellas Beraterstab kalt gestellt. Der EU-Abgeordnete Pierre-Romain Thionnet wurde laut Informationen der Zeitung „Libération“ dazu gedrängt, den Vorsitz der Jugendorganisation der Partei abzugeben. Der Pressesprecher Victor Chabert bleibt demnach zwar im Amt, aber darf nicht die Pressearbeit während des Wahlkampfes leiten.Dafür wird Le Pens Nichte Nolwenn Olivier zuständig.
„Die Partei Rassemblement National bleibt eben ein Familienunternehmen“, erklärte ein namentlich nicht genannter Vertrauter Bardellas dem „Le Canard Enchaîné“. Le Pens Schwager Philippe Olivier und ihr Ex-Lebensgefährte Louis Aliot sind weiterhin einflussreich in der Partei.
Über Bardellas jüngste Reise nach Großbritannien war man im Familienclan Le Pen verärgert, wie die Wochenzeitung berichtete. So habe sich der international unerfahrene Bardella von Nigel Farage über den Tisch ziehen lassen, als er eine Absichtserklärung über die Rückführung von illegalen Migranten nach Frankreich unterzeichnete. Bardella musste richtigstellen, dass Le Pen dadurch zu nichts verpflichtet sei.
