
Der Risikoaufschlag auf französische Staatsanleihen ist spürbar gestiegen. Mitte Juni betrug die Differenz zu den zehnjährigen Bundesanleihen noch etwas mehr als 60 Basispunkte, seit Mitte dieser Woche sind zum ersten Mal nach vielen Monaten wieder mehr als 80 Punkte erreicht. Zuvor hatte die Rechtspopulistin Marine Le Pen erklärt, abermals für die französischen Präsidentenwahlen kandidieren zu wollen. Italien und Griechenland können sich nach einem Renditeanstieg im Frühjahr inzwischen wieder günstiger verschulden als Frankreich. Für Spanien und Portugal gilt das schon länger.
Man muss die Marktbewegungen nicht überbewerten. Kreditgeber berücksichtigen viele Variablen. Doch unbedeutend ist für die Märkte natürlich nicht, dass im Frühjahr 2027 eine schwer kalkulierbare Rechtspopulistin gute Karten hat, an Frankreichs Staatsspitze gewählt zu werden. Was genau Le Pen und ihre Partei nach Jahren der demonstrativen Mäßigung vorhaben, weiß niemand so recht. Gerade diese Unklarheit ruft in Finanz- und Wirtschaftskreisen große Besorgnis hervor.
Nicht nur für Frankreich weitreichende Folgen
Frankreich hat nach wie vor eine leistungsfähige Privatwirtschaft mit vielen Weltmarktführern. Die Infrastruktur ist intakt, der Standort attraktiv. Doch wegen der politischen Fragmentierung, des höchsten Staatsschuldenbergs Europas und der galoppierenden Neuverschuldung gilt die zweitgrößte EU-Volkswirtschaft schon lange als Risikopatient. Und dass ausgerechnet Le Pen große Strukturreformen anstößt, die Franzosen versöhnt und die zerrütteten Staatsfinanzen saniert, gilt als eher unwahrscheinlich.
Im Gegenteil, populistische Duftmarken wie die versprochene Rente mit 62 lassen Schlimmes befürchten. Das hätte nicht nur für Frankreich weitreichende Folgen. Bei Themen wie der Einwanderung und Brüsseler Bürokratie mag Le Pen mit radikalen Forderungen einen Nerv treffen, ansonsten aber drohen in Europa Konflikte, so weit das Auge reicht. Können Berlin und Paris noch vertrauensvoll zusammenarbeiten, nicht zuletzt in Sicherheits- und Verteidigungsfragen? Legt Le Pen die Axt an den EU-Strommarkt und an die Unabhängigkeit der EZB? In Europa ist man gut beraten, sich für Härtetests aller Art zu wappnen.
