
Vier Tage vom 13. bis zum 17. April 1971 gehören aus einem erfreulichen Grund in die Literaturgeschichte. Denn für diesen Zeitraum ist überliefert, dass der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges glücklich war. Er war auf Island, abgestiegen in einem Hotel Eija, in Begleitung von Maria Kodama, seiner späteren zweiten Frau und Nachlassverwalterin. Und gegen seine vorwiegende Gestimmtheit, die auch mit dem Umstand zu tun hatte, dass er seit seinem 55. Lebensjahr das Augenlicht verloren hatte, ging es ihm für eine Weile gut.
So geht es jedenfalls aus einem der vielen Dokumente hervor, die Mariano Llinás für seinen Film „Biografía de Jorge Luis Borges“ gesichtet hat. Selbstverständlich ist er auch nach Reykjavík geflogen, wo sich herausstellte, dass das Eija inzwischen zu einer amerikanischen Kette gehört. Und wenn er schon da ist, kann er auch Geysire filmen, die mit ihrer melancholischen, flüchtigen Gestalt gut zum Werk von Borges passen.
Die Suchbewegung als Erkennungszeichen
Vor dem Biographischen wird das Lesepublikum gerade moderner Literatur immer wieder gewarnt. Aber natürlich ist die Versuchung groß, hinter Figuren, Motiven, Enden etwas zu suchen, das sich im Leben des Autors erkennen lässt. „Biografía de Jorge Luis Borges“, der am Dienstag außer Konkurrenz bei den Filmfestspielen in Venedig Weltpremiere hatte, lässt sich einerseits fast sechs Stunden lang auf diese Suchbewegung ein – das Erkennungszeichen des Projekts ist die Lupe, mit der sich Menschen immer wieder über Texte beugen.
Allerdings weiß man von dem argentinischen Regisseur, dass er es vor allem auf die Uneinholbarkeit der Wirklichkeit abgesehen hat – mit dem dreizehnstündigen, metafiktionalen Riesenwerk „La Flor“ hat er alle Konventionen, die für einen Film einen Anfang und ein Ende (und gewöhnlich auch in dieser Reihenfolge) vorsehen, durcheinandergewirbelt. Als ein paar Jahre später Laura Citarella den formal stark verwandten „Trenque Lauquen“ folgen ließ, mit vielen Darstellern aus dem Ensemble von „La Flor“, da konnte man schon von einer argentinischen Schule des borgesianischen Kinos sprechen.
Und nun wendet sich diese Schule ihrem Hausheiligen zu, mit Laura Citarella als Produzentin, der Schauspielerin Laura Paredes in einer Nebenrolle und Mariano Llinás an der Seite eines Philologen namens Montequíno, für dessen Sherlockiaden er den Watson macht.
„Biografía de Jorge Luis Borges“ ist für jedes Festival eine Trophäe. Andererseits sprengt es die Abläufe, wenn man sich zweimal drei Stunden aus dem dichten Programm zurückzieht, um sich auf die Suche nach einem Leben zu begeben, das in teilweise hermetischen Texten verschlüsselt wurde. Llinás legt sein Projekt deutlich als Komödie an, das Suchspiel ist zugleich Verwirrspiel, aber immer auf dem höchsten theoretischen Niveau einer Lektüre, die man eher als hochmodern denn als postmodern bezeichnen sollte. Für eine Mostra der langen Filme war „Biografía de Jorge Luis Borges“ ein gutes Trainingslager, denn am Mittwoch folgt ein Vierstünder über „Musk“, von dem anzunehmen ist, dass es biographisch ans Eingemachte des amerikanischen Tech-Moguls gehen wird.
