Frankfurt lebt von seiner wirtschaftlichen Stärke. Diesen bemerkenswert klaren Satz hat die neue Koalition im Römer – CDU, Grüne, SPD und Volt – selbst in ihren Vertrag geschrieben. Oder wie ich es formulieren würde: Frankfurt – die Wirtschaftsmetropole im Herzen von Europa. Die neue Stadtregierung will Frankfurt als international bedeutenden Wirtschafts-, Finanz- und Innovationsstandort weiterentwickeln. Aus Sicht der Wirtschaft ist dieses Ziel ausdrücklich zu begrüßen.
Nun sollte aus dem Bekenntnis sichtbare Politik werden. Finanzplatz, Flughafen, Rechenzentren und die Internationalität der Region sind herausragende Standortvorteile. Von ihrer Stärke profitieren Unternehmen in der gesamten Region, vom kleinen Unternehmen bis zum international tätigen Konzern. Sie alle brauchen eine Stadtregierung, die ihre Entwicklung ermöglicht und öffentlich für sie eintritt.
Frankfurt ist nach wie vor eine Stadt der kurzen Wege und großen Verbindungen. Hauptbahnhof, Bankenviertel, Messe, Flughafen und der Internetknoten der Region liegen nahe beieinander. Diese Dichte schafft Arbeitsplätze, Aufträge für den Mittelstand und Einnahmen für die Stadt.
Doch wirtschaftliche Stärke ist kein Besitzstand. Andere Metropolregionen investieren kräftig und werben um Unternehmen und Fachkräfte. Je nach Branche konkurriert Frankfurt mit führenden europäischen und internationalen Metropolen. Deshalb sollte die Stadt ihre Stärken weiterentwickeln und selbstbewusst vertreten.
Positive Begleitung bedeutet dabei nicht unkritische Zustimmung zu jedem Vorhaben. Politik wägt Interessen ab und setzt Regeln. Sie sollte aber berücksichtigen, dass wirtschaftliche Wertschöpfung die finanziellen Spielräume der Stadt sichert und Investitionen in eine leistungsfähige Infrastruktur ermöglicht. Wer über neue Auflagen entscheidet, sollte deshalb auch deren Folgen für Investitionen, Arbeitsplätze und die Stellung Frankfurts im Wettbewerb prüfen. Diese wirtschaftliche Folgenabschätzung gehört in die tägliche Arbeit des Magistrats.

In- und ausländische Kreditinstitute, Versicherer, Deutsche Börse, Fintechs und Hochschulen sowie Europäische Zentralbank, Bundesbank und Aufsichtsinstitutionen bilden ein in Europa besonderes Ökosystem. Der Finanzplatz Frankfurt ist zugleich der Finanzplatz Deutschland. Seine Wettbewerbsfähigkeit ist von nationalem Interesse. Die hessische Finanzplatzstrategie benennt die richtigen Handlungsfelder: attraktivere Bedingungen für Unternehmen und Fachkräfte, wettbewerbsfähige Regulierung, mehr Innovation, eine starke Wissenschaft und die Mobilisierung privaten Kapitals.
Auch die Stadtregierung besitzt dafür wichtige Hebel, insbesondere bei der Gestaltung der Standortattraktivität. So sollte sie etwa den überfälligen Erweiterungsneubau der Europäischen Schule entschlossen vorantreiben, um ausländische Fachkräfte zu gewinnen und langfristig zu binden. Zugleich sollte die Stadt Fintechs, etablierte Finanzmarktakteure und Wissenschaft besser vernetzen. Internationale Unternehmen brauchen feste Ansprechpartner und verlässliche Verfahren. Ausländische Finanzfachkräfte sollen sich bei uns am Main willkommen fühlen.
Flughafen entlasten
Der Flughafen verbindet Unternehmen mit Märkten, sichert Lieferketten und macht Frankfurt für Unternehmenszentralen, Messen und Kongresse attraktiv. Davon profitieren auch Hotellerie, Gastronomie, Logistik, Handel und mittelständische Dienstleister. Doch hohe staatlich verursachte Standortkosten bremsen die Entwicklung des Luftverkehrs in Deutschland. Dazu gehören insbesondere die Luftverkehrsteuer sowie die Gebühren für Luftsicherheitskontrollen und die Flugsicherung bei An- und Abflügen. Diese Belastungen verteuern den Betrieb und beeinflussen Reisende bei der Wahl der Airline sowie die Entscheidung der Fluggesellschaften, an welchen europäischen Flughäfen sie Flugzeuge stationieren und Verbindungen anbieten.
Weniger Verbindungen schwächen die internationale Erreichbarkeit Frankfurts und damit einen wesentlichen Standortvorteil der regionalen Wirtschaft. Über Steuern und bundesrechtliche Rahmenbedingungen entscheidet natürlich nicht die Stadt Frankfurt. Die neue Stadtregierung sollte sich aber gemeinsam mit der hessischen Landesregierung, der Wirtschaft und den Akteuren des Flughafens gegenüber dem Bund für wettbewerbsfähige Standortkosten einsetzen. Sie kann die wirtschaftliche Bedeutung des Drehkreuzes sichtbar machen, gemeinsame Positionen bündeln und auf Entlastungen drängen.
Rechenzentren ermöglichen
Auch der Rechenzentrumsstandort ist für Frankfurts wirtschaftliche Zukunft wichtig. Die Infrastruktur rund um den DE-CIX macht die Stadt zu einem der international bedeutendsten Datenstandorte. Frankfurt sollte durch die Überarbeitung des Rechenzentrenkonzepts geeignete dezentrale Standorte ermöglichen, Genehmigungen beschleunigen, das Stromnetz vorausschauend und zügig ausbauen und Abwärme dort nutzen, wo dies technisch möglich und wirtschaftlich tragfähig ist. Ein Referentenentwurf des Bundesfinanzministeriums greift nun eine wichtige Forderung der IHK Frankfurt auf. Der bisherige Gewerbesteuermaßstab nach Arbeitslöhnen passt schlecht zu hoch automatisierten Anlagen, die viel Fläche und Netzkapazität beanspruchen, aber relativ wenige Beschäftigte am Standort haben.
Von 2027 an sollen bei Betreibern von Rechenzentren 90 Prozent der Gewerbesteuer nach der vertraglich vereinbarten maximalen Anschlussleistung und zehn Prozent nach den Arbeitslöhnen verteilt werden. Erfasst würden Rechenzentren ab 500 Kilowatt installierter IT-Leistung. Standortgemeinden könnten dadurch stärker am Gewerbesteueraufkommen beteiligt und zusätzliche Anreize für neue Ansiedlungen geschaffen werden. Der Sondermaßstab soll allerdings nur für Betriebe gelten, die ausschließlich Rechenzentren betreiben. Bliebe es bei der Verteilung nach Arbeitslöhnen – die Standortgemeinde könnte trotz des Flächen- und Energiebedarfs weiterhin kaum profitieren.

Finanzplatz, Flughafen und Rechenzentren haben eines gemeinsam: Ihre Stärke beruht wesentlich auf Frankfurts internationaler Vernetzung. Menschen aus aller Welt arbeiten, gründen, forschen und investieren hier. Mehrsprachige Angebote und globale Verbindungen machen die Region für Fachkräfte attraktiv. Diese Offenheit ist ein wirtschaftlicher Vorteil.
Die neue Stadtregierung geht mit einem überwiegend erfreulichen Neustartsignal ins Rennen. Die Senkung des Grundsteuerhebesatzes von 854,69 auf 675 Punkte, die Kurskorrekturen in der Verkehrspolitik und der stärkere Fokus auf Sicherheit und Sauberkeit können den Standort verbessern. Aus Sicht der IHK bleibt es jedoch enttäuschend, dass der im regionalen Vergleich hohe Gewerbesteuerhebesatz nicht gesenkt wird.
Die Gewerbesteuer ist nach wie vor die wichtigste Einnahmequelle der Stadt: 2025 erzielte Frankfurt daraus 3,13 Milliarden Euro – bei Steuereinnahmen von insgesamt 4,26 Milliarden Euro. Darüber hinaus zahlen die Unternehmen auch einen erheblichen Grundsteueranteil in Frankfurt. Mehr als drei Viertel der städtischen Steuererträge stammen damit von den Unternehmen.
Dieses starke Ergebnis darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Frankfurt im Wettbewerb um Unternehmen steht. Die IHK fordert deshalb, den Gewerbesteuerhebesatz um 30 Punkte zu senken. Ein wettbewerbsfähigerer Hebesatz kann neue Ansiedlungen fördern, Abwanderungen entgegenwirken und damit die Gewerbesteuerbasis langfristig verbreitern. Die Koalition verzichtet hier auf eine wichtige Möglichkeit, die steuerliche Wettbewerbsfähigkeit Frankfurts zu verbessern. Auch zusätzliche Belastungen durch steigende Gebühren würden die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen schwächen. Wer Investitionen gewinnen will, sollte die Gesamtkosten des Standorts im Blick behalten.
Für die kommenden Jahre wünsche ich mir deshalb neuen Frankfurter Ehrgeiz: weniger Überregulierung durch weniger und schlankere kommunale Satzungen, mehr aktive Standortpolitik. Die Stadt sollte ihre Standortvorteile positiv begleiten, ihre Interessen gegenüber Land und Bund vertreten und regional verlässlich kooperieren. Dazu braucht es messbare Ziele, klare Zuständigkeiten und verbindliche Zeitpläne: Wie lange dauert eine Baugenehmigung? Wie viel baureife Wohn- und Gewerbefläche stehen zur Verfügung? Wie viele Verwaltungsleistungen sind vollständig digital?
Frankfurt besitzt einen führenden Finanzplatz, ein internationales Luftverkehrsdrehkreuz, eine herausragende digitale Infrastruktur und eine weltweit vernetzte Wirtschaft. Wer hier investiert, findet Zugang zu Europa und zur Welt. Dieses Versprechen sollten Wirtschaft und Politik gemeinsam erneuern. Die neue Stadtregierung hat dafür eine gute Grundlage formuliert. Jetzt sollte sie zeigen, dass Frankfurt seine Stärke nicht nur kennt, sondern sie auch will.
Zur Person
Ulrich Caspar ist Präsident der Industrie- und Handelskammer Frankfurt. Der 70 Jahre alte frühere Politiker war von 2003 bis 2019 Mitglied des Hessischen Landtags für die CDU. Im Mai 2019 wurde er zum IHK-Präsidenten gewählt.
