Marco Brenner nestelte gerade an seinem Trikot, wirkte etwas unkonzentriert, als Santiago Buitrago auf den letzten Kilometern davonschoss. Es schien der entscheidende Zug des Kolumbianers nach 120 Kilometern gemeinsamer Flucht. Doch Brenner ordnete noch schnell seine Kleidung, legte ruhig die Hände an den Lenker und startete die Verfolgungsjagd. Meter um Meter kämpfte er sich heran, schloss schließlich auf und entschied den Spurt für sich.
Im Ziel sprudelten die Worte aus dem 24-Jährigen heraus: „Ich kann es noch gar nicht glauben“, sagte er, nachdem er für den ersten deutschen Etappensieg bei einer Grand Tour in dieser Saison gesorgt hatte. „Für Tage wie diesen lebt man als Radsportler. Es gibt nicht viele Fahrer, die eine Grand-Tour-Etappe gewinnen. Es ist toll, das jetzt auch in meinem Palmarès zu haben.“
Die Leistungsbilanz des Augsburgers ist angesichts seines Talents und der immerhin sechs Jahre, die er bereits im Profiradsport zu Hause ist, noch recht dünn. Erst Anfang August sorgte er mit dem Gesamtsieg bei der Polenrundfahrt für einen größeren Eintrag – und war glücklich: „Es ist der beste Monat meiner Karriere.“
Brenner ist jetzt endlich dort, wo ihn die Fachwelt schon viel früher erwartet hatte. Bereits als Teenager galt er als das große deutsche Bergtalent schlechthin. Er schloss mit 18 Jahren seinen ersten Profivertrag ab und war damit in jüngerem Alter in der World Tour als ein gewisser Tadej Pogačar. In Deutschland sah man freilich schon den „neuen Jan Ullrich“.
Immer wieder werfen ihn gesundheitliche Probleme zurück
Brenner versuchte, sich dieser Erwartungshaltung zu entziehen. „Mein Ziel ist es, der beste Marco Brenner zu werden, den es geben kann“, sagte er nach seinen ersten Profirennen. Und er plädierte für eine nachhaltige Herangehensweise. „Mir ist es egal, ob das in den nächsten fünf oder sechs Jahren passiert. Ich lasse mir Zeit und mache mir da keinen Druck.“
Dass es tatsächlich sechs Jahre gedauert hat, bis zu den ersten großen Erfolgen, wird sich auch Brenner nicht unbedingt gewünscht haben. Aber immer wieder warfen ihn gesundheitliche Probleme zurück. Bei seinem Grand-Tour-Debüt 2022, ebenfalls bei der Spanienrundfahrt, machte ihm etwa eine Erkältung zu schaffen. Er biss sich durch. Und lernte damals die Sierra de la Pandera kennen, die am Samstag zu seinem Triumphparcours wurde.
Mit Rückenwind zur Vuelta
Allerdings deutete in den vergangenen Tagen nicht allzu viel auf einen solchen Erfolg hin. Brenner kam zwar mit dem Rückenwind des Sieges in Polen zum Vuelta-Start nach Monaco. „In der ersten Woche hatte ich aber gesundheitliche Probleme und stürzte auch noch“, sagte er der F.A.Z. am Freitag. Er begab sich dann immerhin auf der zwölften Etappe in eine große Fluchtgruppe, blieb an der Auffahrt zum Observatorium Calar Alto aber als Tages-24. hinter seinen eigenen Erwartungen zurück.
„Es war gut, dass ich in der Gruppe dabei gewesen bin. Aber ich habe mir ein bisschen mehr erhofft“, bilanzierte er und gestand ein: „Ich habe einfach nicht die Leistung bringen können, war nicht gut genug.“ Da kündigte er aber bereits an, es bei den kommenden Bergetappen abermals in einer Fluchtgruppe versuchen zu wollen.
Die Leaderrolle beansprucht
So wurde er am Samstag Teil der 44 Mann starken Gruppe des Tages. Zwei Teamkollegen waren dabei. „Ich habe ihnen gesagt, dass ich mich heute gut fühle. Und sie haben dann auch einen guten Job gemacht und auf dem letzten Berg die Gruppe kontrolliert“, ordnete er die Leistung der Fluchtkameraden Will Barta und Larry Warbasse ein. Das zeugt auch vom Selbstverständnis des während der Rundfahrt 24 Jahre alt gewordenen Rennfahrers. Fühlt er sich gut, beansprucht er die Leaderrolle im Team.
Dem Schweizer Team Tudor bescherte das schließlich den ersten Grand-Tour-Etappenerfolg seiner Geschichte. Für den auch als Person gereiften Athleten Marco Brenner spricht, dass er sich über seinen Erfolg zwar immens freut, aber dennoch nicht die Bodenhaftung verliert.
Auf die Frage, ob man jetzt bei der Vuelta nach all den Jahren des Suchens und der Rückschläge, der Irrungen und Wirrungen, endlich den echten Marco Brenner gesehen habe, antwortete er: „Ich wusste immer, dass ich gute Ergebnisse einfahren kann, wenn alle Dinge zusammenkommen. Aber ich werde nie von mir sagen, dass ich jetzt dieses oder jenes World-Tour-Rennen gewinnen werde. Natürlich sind der Sieg in Polen und auch dieser hier in Spanien sehr schön. Aber das ist nicht die Erwartungshaltung für die Zukunft.“
Selbstbewusstsein schöpft er aus seiner aktuellen Verfassung und den dabei erreichten Resultaten: „Ich und andere wissen jetzt, dass ich, wenn alles gut zusammenkommt, auch bei so großen Rennen gewinnen kann.“ Mal sehen, wann in Zukunft die Puzzleteile an die richtige Stelle fallen. Im Peloton ist nun bekannt, dass in den Bergen mit Marco Brenner zu rechnen ist.
