Zurückgelassen. Allein geblieben. Die Tür fällt ins Schloss, und die Einsamkeit bricht sich Bahn. Da leben wir nun schon in Zeiten, in denen alle ständig miteinander verbunden scheinen, in denen man nicht mehr allein sein muss, sondern sich immer mit Bildern und Sätzen von anderen trösten kann, Stunde für Stunde, rund um die Uhr. Und doch geht den einen der Aufbruch der anderen dann urplötzlich wieder ungeheuer an, dann bleibt er zurück, dann hält ihn nichts mehr zusammen. Mobilität ist nicht gut für die Seele. Die Treue verlangt nach ganzen Tagen.
Shakespeares berühmtes Sonett Nr. 66 handelt von einem stürmischen Ich, das zurückgelassen auf die Welt blickt und nur Enttäuschung sieht: ehrliche Arbeit wird unterbezahlt, edle Treue verraten, wahres Können nicht erkannt, Kunst von den Behörden verhindert – „Tired with all these, from these would I be gone / save that, to die, I leave my love alone“. Die Liebe allein hält den Alleingelassenen am Leben. Die Vorstellung, dass die Tür für immer ins Schloss fällt und einen der beiden in Verlorenheit gefangen zurücklässt, ist Schreckbild genug, um all den Verfall, all das Herzweh, all die halben Tage zu ertragen.
Die Treue eines Textes
Es gibt einen Mann, der im Selbstverlag 154 Übersetzungsvarianten dieses Sonetts von Stefan George bis Wolf Biermann gesammelt und es selbst fünfzehn Mal auf unterschiedliche Weise übersetzt hat. Ulrich Erckenbrecht heißt er, ist ein noch bei Adorno ausgebildeter Privatgelehrter in Kassel und nun bald achtzig Jahre alt. Fast niemand kennt ihn. Kaum jemand weiß ihn zu schätzen. Es heißt, er versuche sich als privater Klavierlehrer über Wasser zu halten. Und: er übersetze weiter. Immer weiter und immer wieder: Shakespeares Sonette.
Den letzten Satz von Nr. 66 hat er besonders variantenreich übersetzt – die Bandbreite reicht von: „Wenn ich dies seh’ dann möcht’ ich fort von hier / doch hieße Sterben Abschied auch von Dir“ bis zu: „Ich hab die Schnauze voll und mach die Mücke / blieb nicht mein Liebchen dann allein zurücke“. Man stellt sich diesen einsamen Sonett-Übersetzer in Kassel vor wie einen, der hinter einer Tür sitzt, die lange schon ins Schloss gefallen ist, und der doch noch immer an die Treue glaubt. An die Treue eines Textes, der ihn nie verlässt.
Er ist Shakespeare treu geblieben
Der Schauspieler Christian Friedel ist ein Getreuer von ganz anderer Art. Er, der vor rund vierzehn Jahren in Dresden als umschwärmter Pop-Hamlet in einer musicalhaften Erfolgsinszenierung von Roger Vontobel den ersten großen Schritt vor die Tür gemacht hat, ist inzwischen ein internationaler Filmstar geworden, der in „Babylon Berlin“ genauso wie in „White Lotus“ mitspielt und in Hollywood Fotoshootings macht, der Filmpreis-Abende moderiert und mit seiner Band „Woods of Birnam“ die Hallen füllt. Aber über all die Erfolge der letzten Jahre ist er Shakespeare treu geblieben. Friedel hat Shakespeare gespielt, vertont, inszeniert und für eine jüngere Generation anziehend gemacht – denn er kommt selbst nicht von ihm los.
Und also hat er jetzt in Dresden unter dem Titel „Love, Death & Shadows“ Shakespeares „Sonette“ (in der Übersetzung von Christa Schuenke) auf die Bühne gebracht. Als ein großes, unterhaltsames, effektvolles Bildertheater mit Livemusik, Balletttänzern, Tiermasken, kleinen Kindern und allem, was die Theaterzaubermaschine so hergibt. Der Abend kennt keine Handlung, sondern nur szenische Imaginationen und vertonten Text. Aus den 154 Sonetten hat Friedel vierzig herausgesucht und sie in drei Themenblöcke aufgeteilt: die Liebe, den Tod und das Schattenreich dazwischen.

Das Ganze beginnt mit einem mitreißenden, auf Sonett Nr. 80 basierenden Ensemble-Song, dessen zentrale Zeile in der Popversion der Birnam-Band sofort zum Ohrwurm wird: „Then if he thrive and I be cast away / the worst was this: my love was my decay“. Hannelore Koch, Dresdens Grande Dame, sitzt im blitzenden Blazer etwas abseits auf einem Stuhl und staunt über die Schönheit und das Leben, bewundert die vielen jungen Körper, die so ausgelassen tanzen, singen und sich umschlingen.
Die aber auch stürzen und aufeinander angewiesen sind – in einer stillen Ballettszene folgt man gebannt zwei jungen Tänzern bei ihren gegenseitigen Rettungsversuchen, immer wieder stützen und halten sie sich, um dann doch wieder zu fallen, zum Zeichen dessen, was die Liebe bedeutet: Halt, Vertrauen, Sehnsucht, aber eben auch: Betrug, Schmach, Verrat. „Dass Du sie hast, kann ich ertragen / aber dass sie dich hat, ist mein größter Schmerz“, die Zeile aus Sonett Nr. 42 wird hier geschrien, als läge darin schon Othellos Mordlust verborgen.
Horrorgestalten mit Tierköpfen
Von hier ist es nicht weit bis zum Tod, bis zum Verfall, bis zur Seuche. Als Shakespeare vor mehr als vierhundert Jahren seine Sonette schrieb, wütete gerade die Pest in Europa. Heute droht uns die digitale Ansteckung, entstellt uns „der harte Griff der Zeit“ auf andere Weise. Friedel lässt erst eine arg illustrative Abendmahltafel mit Totenkopf und Sanduhr auffahren, um die Szenerie dann in eine schwarze Messe zu verwandeln, bei der leblose Kinderkörper über die Bühne gekarrt werden und Horrorgestalten mit Tierköpfen auftreten. Am Ende hämmern uns Techno-Beats und monotone Körperbewegung den Gedanken der Vergänglichkeit ein wenig zu sehr in Ulrich-Rasche-Manier ein.

Nach der Pause wechselt die Inspiration dann glücklicherweise zu Friedels spätem Lehrmeister Robert Wilson. Mit ihm hat er vor seinem Tod als Schauspieler noch einige eindrucksvolle Arbeiten in Düsseldorf gemacht, und von ihm und seiner berühmten Licht-Klang-Perfektion ist der letzte Teil des Abends geprägt. Es gibt gestreckte Zeigefinger, aufgerissene Münder und scherenschnittartiges Schattentheater zu sehen und am Ende auch einen elegischen Sternenhimmel.
Die Schatten legen sich sanft auf Körper und Geist der Spieler. Aber ihr Gesang geht weiter: „Der Tod hat nur die Stummen in der Hand“, heißt es im 107. Sonett – dieser Satz wird zur Losung dieses mitreißenden Shakespeare-Abends. Mit ihm bringt Christian Friedel ein bisschen internationalen Theaterzauber nach Dresden. Versprüht Glanz und Glorie an einem schicksalsschweren deutschen Wahlwochenende. Und wer weiß, ob der Glanz des einen Getreuen nicht bis nach Kassel zum anderen Getreuen reicht – und eine lang schon ins Schloss gefallene Tür wieder aufstoßen kann.
